UTOPIE

ZERO CITY – eine Vision

„Im fernen Dunst zeichnet sich zunächst nur eine Linie ab. Beim Näherkommen trennt sie sich vom Boden und bekommt, von unten betrachtet, die stille Großartigkeit von Gewitterwolken, die sich nicht bewegen. Der Betrachter am Boden kann Zeichen alltäglichen Lebens ausmachen: geöffnete Fenster, aufgehängte Wäsche oder das Lachen spielender Kinder. Diese Vision ist nicht neu. Sie ist eine Ausarbeitung und Verfeinerung einer alten Idee – eine Stadt, die im Himmel schwebt.“ Clouds Architecture Office

Als Vorläufer für eine Stadt in den Wolken mag die fliegende Insel Laputa in Gullivers Reisen von Jonathan Swift gelten (erschienen 1726). Während der 1960er-Jahre jedenfalls beschäftigten sich einige Architekten mit der Utopie einer Behausung oder Stadt in der Luft. Als Reaktion auf das aggressive Wachstum der Städte reagierten sie mit Megastrukturen, die sich von der Erdoberfläche ablösen und kreierten neue horizontale Bezugspunkte. Projekte von Yona Friedman [hier im Heft], Superstudio und Con­stants „New Babylon“ sahen eine Metropole vor, die nicht geografisch festgelegt war: Ein urbanes System, das unbegrenzt ausgedehnt werden konnte und den Planeten in eine idealisierte Utopie hüllte.

Ron Herrons „Walking City“ führte eine radikale Beweglichkeit ein und unterstrich die Tatsache, dass Städte oder sogar Nationen nur kulturelle Konstruk-­tionen sind und als solche nicht den Grenzen eines bestimmten geografischen Ortes unterliegen. In Japan weiteten sich die Visionen der Metabolisten auf Megacities aus, um als Reaktion auf das schnelle Bevölkerungswachstum, die Zentralisierung und den Mangel an verfügbarem Land, Meer und Himmel zu besetzen. Diese Visionen stellen die erste Phase der Kolonisierung der Atmosphäre dar, die ihren endgültigen Ausdruck in Buckminster Fullers Cloud Nine-Projekt fand. Fuller sah Städte als riesige geodätische Kugeln, die mit Luft gefüllt waren, die, wenn sie von der Sonne erhitzt wurden, zwischen den Wolken schwebten. Nomadismus ist implizit im Projekt, weil die Atmosphäre keine Grenzen kennt.

ZERO CITY setzt nun die Idee einer entwurzelten Megacity fort, indem sie ein bestehendes Konzept, den „Space Elevator“*, übernimmt, um eine neue städtebauliche Situation zu schaffen. Das Umkreisen einer großen Masse in einer Ebene mit einer geosynchronen Umlaufbahn soll nach Vorstellung von Clouds Architecture Office durch das Abhängen an Kabeln ermöglicht werden, die ein Gebäude halten könnten. Dieses System funktioniert wohl nur entlang des Äquators und nutzt die maximale Zentripetalrotation der Erde für eine stabile geosynchrone Umlaufbahn. Indem die Planer eine Reihe von Massenobjekten in der Umlaufbahn nutzen wollen und an einer Vielzahl von Kabeln fixieren, könnten sie eine ganze Stadt einen halben Kilometer über dem Boden schweben lassen, – nach ihrer Einschätzung eine ideale Höhe, in der die Temperatur für menschliche Behaglichkeit ohne mechanische Heizung oder Kühlung geeignet ist.

Grund für die Entwicklung dieser Vision ist die fortschreitende Urbanisierung, die dazu geführt hat, dass sich der größte Teil der Menschheit in Küstenstädten zusammenballt, die von steigenden Meeren bedroht sind. ZERO CITY schlägt vor, dass Menschen in eine gemeinsame, zusammenhängende und kompakte Stadt ziehen, die am Himmel hängt und den Rest des Planeten in ländliche Felder und ungezügelte Wildnis zurückversetzt. Diese Stadt befände sich in einer optimalen Zone, die vor der Gefahr von Naturkatastrophen geschützt ist. All dies erscheint wie Science-Fiction, weicht es doch vom Gewohnten sehr stark ab und ist im wahrsten Sinne des Wortes „abgehoben“. Viele Fragen wären in diesem Zusammenhang zu klären: die nach der Materialität und grundsätzlichen Machbarkeit, nach den Verbindungen von ZERO CITY zum Erdboden, den Kosten, der Fragen nach dem Luftverkehr, dessen Flugrouten durch diese Konstruktion zerschnitten würden oder der, ob es überhaupt wünschenswert wäre, den Luftraum zu kolonialisieren etc.

Beim irdischem Luftraum belässt es die NASA allerdings nicht. Sie schrieb 2015 einen Wettbewerb aus, bei dem sich 165 Einreichungen um den 1. Platz bewarben. Es ging dabei um die Möglichkeiten, im 3D-Druckverfahren Behausungen auf dem Mars zu schaffen. Und wer hat diesen Wettbewerb gewonnen: eine Gruppe mit dem Namen Space Exploration und Clouds Architecture Office mit ihrem „Mars Ice House“…

Thematisch passende Artikel:

12/2015

Vogelfalle Glas entschärft

Eine Studie der schweizerischen Vogelwarte Sempach belegt, dass Vogelschlag an Glasfassaden durch den Einsatz von Glasgeweben, wie dem SEFAR® Architecture Vision, wirkungsvoll reduziert werden kann....

mehr

Zukunft braucht Herkunft

Städtebauliches Kolloquium WS 2009/10 an der TU Dortmund

Der Städtebauliche Denkmalschutz und die Städtebauliche Denkmalpflege gewinnen auf Bundes- und Landesebene in der Diskussion um die Perspektiven der Städte, auch im Hinblick auf die...

mehr

Futu.re City – Futu.re Bauhaus

Internationale Konferenz an der Bauhaus-Universität Weimar am 5./6. November 2009, Weimar

Taugen die Bauhauses-Ideen noch heute, um aktuelle Probleme zu lösen? Welche Impulse kann das historische Bauhaus auf die zeitgenössische Architektur und Stadtplanung geben? Gibt es...

mehr

Wolkendurchbohrer á la MVRDV

Die Rotterdamer bauen in Seoul zwei Hochhäuser, die 2015 bereits fertiggestellt sein sollen

Stapelung ist ein typologisch, strategisch zentrales Thema der Rotterdamer Architekten MVRDV, Didden Village, Rodovre Skyvillage und natürlich der Expo-Pavillon in Hannover spielen und spielten mit...

mehr

Wir zeigen die Besten der Besten

Ein Bilderauszug aus dem Ergebnis des International Architecture Awards 2011

Bereits vor Wochen schön präsentierte das European Centre for Architecture Art Design and Urban Studies und das Chicago Athenaeum: Museum of Architecture and Design zusammen mit Metropolitan Arts...

mehr