Yas Hotel, Abu Dhabi/VAE
Das Rennen kann beginnen

Superlative prägen die Architektur in den Vereinigten Arabischen Emiraten, und beeindruckende Superlative kann auch das neue Yas Hotel vorweisen. Weder handelt es sich jedoch um eines der größten Hotelneubauten, noch ist seine künstliche Insel die größte der Golfstaaten. Dennoch ist seine Konzeption von Asymptote Architects mehr als nur ungewöhnlich, die dem renommierten Unternehmen Waagner-Biro den größten Auftrag seiner Firmengeschichte einbrachte.

Während mittlerweile in Dubai so mancher Baukran still steht und viele Bauprojekte Opfer der Finanzkrise wurden, boomt weiterhin die Nachbarstadt und – das Land Abu Dhabi, wo das Erdöl noch länger sprudeln wird. Eines der ehrgeizigsten Projekte ist dort Yas Island, knapp 30 Autominuten von Downtown und 10 Minuten vom Flughafen entfernt, ein 36 Milliarden schweres Stadtentwicklungsprojekt auf einer 2 500 ha großen künstlichen Insel mit einer neuen 32 km langen Küstenlinie. Dort entsteht seit 2007 unter Führung des einheimischen Investors Aldar Properties nicht nur die neue Formel 1-Rennstrecke „Etihad Airways Abu Dhabi Grand Prix“, sondern auch noch mehrere Wohnparks und Mega-Marinas mit 1 400 Liegeplätzen, 20 Hotels, ein 18-Loch-Golfkurs, ein Ferrari World-Eventcenter und eine 28 000 m2 große Mega-Shoppingmall – übrigens nur wenige Kilometer entfernt von Sir Norman Fosters grünem Masdar City-Projekt auf dem Festland.

Motor- und Wassersport sind die beiden zentralen Themen des neuen Stadtgebiets, dessen Investor auf eine Themenparkstruktur setzt, wozu späterhin noch ein Warner Bros. Eventpark hinzukommen soll. Wenngleich noch allerorten hektisch gebaut wird, so steht dennoch fest, dass hier am 30. Oktober 2009 die neue Formel 1-Rennstrecke mit einem Grand Prix eröffnet wird und damit zugleich der Abschluss des ersten Bauabschnitts des ehrgeizigen Yas Island-Projektes international gefeiert wird. Als Flagschiffprojekt für eine neue Hotelkette von Aldar Properties wird an diesen Tagen auch das Yas Hotel in der Südostecke der Insel eröffnet werden.

Dank eines genialen Einfalles von Asymptote Architects überspannt das Hotel nun höchst beeindruckend die Rennstrecke mit einer futuristischen Architektur, die dem Anspruch der Emirate und seines Investors, neue Welten zu erschließen, mit einem „Signature Building“ sinnfällige Form abgewinnt.

Vor zwei Jahren, Ende 2007 als Asymptote zu einem beschränkten Auswahlverfahren eingeladen wurde, sollte eigentlich nur ein Ge­bäude an der Rennstrecke entstehen, zu dem die ausländischen Architek­ten ihr Design beisteuern sollten. Hani Rashid und Lise Anne Couture, die „Principals“ von Asymptote, entwarfen jedoch zwei neungeschossige, elliptische Gebäude, welche um 90° zueinander verdreht beide Seiten der Rennstrecke einfassen. Der besondere Clou ihres Entwurfs war jedoch eine zweigeschossige Event-Verbindungsbrücke und eine „Schleier“ genannte, mächtige wie dynamisch geformte zweite Glas- und Stahlhülle, mit denen sie das Verfahren für sich entschieden.

Einerseits sollte der „Schleier“ die Geschwindigkeit, Bewegung, Spektakel der arabischen Gegenwart verkörpern, anderseits mit seinen komplexen Geometrien wieder demonstrativ an die islamische Kunst und Handwerkstradition anknüpfen. Vergangenheit, Gegen-wart und Zukunft sollten sich so demonstrativ wie ebenso heraus-fordernd in Kontinuität miteinander verbinden, eine Botschaft, der sich Ahmed Ali Al Sayegh von Aldar Proporties nicht verweigern konnte.

Der Planungsprozess

Was folgte, war ein enorm komplexer, beschleunigter Planungsprozess über drei Kontinente, der aufgrund des feststehenden Eröffnungs­termins nur drei Monate Zeit hatte, wenngleich manche Detailplanung auch erst nach allen Ausschreibungen während der Bauphase geklärt werden konnte. Ein Designteam unter Leitung von Asymptote Architects in New York, Schlaich, Bergermann Ingenieure aus Stuttgart, den Fassadenspezialisten Front Inc. und Arup Ligthing aus New York sowie Dewan Architects & Engineers aus Abu Dhabi machte sich ans Werk. Die Konstruktion des „Schleiers“ und nicht etwa der beiden Gebäude, die relativ konventionell in Stahlbetonbauweise erstellt werden konnten, erforderte besondere Lösungen.

Der tückische Schleier

Schließlich sollte eine computergenerierte, amorphe Form von 217 m Länge, bis zu 44 m Breite und 35 m Höhe Realität werden, die den besonderen Verhältnissen der Golfregion trotzen kann. In einem ersten Schritt wurde die Form des Stahl-Glas-Netzes aus rautenförmigen Teilelementen mit einer 16 000 m² Gesamtfläche optimiert, was 17 Fußballfeldern entspricht.

Sandstürmen, Erdbeben (Klasse 2a) und Temperaturunterschieden von bis zu 50 °C musste sie bestehen, deren Last nach dem Entwurf von Asymptote nur über 10 V-Stützen abgetragen werden durfte. Erschwerend hinzu kam der Wunsch, dass die Glaselemente in unterschiedlichen Winkeln auf den Rahmen montiert werden sollten, um der Oberfläche des fließenden „Schleiers“ ein dreidimensionales Aus­sehen eines Smaragden zu verleihen, was nicht zuletzt die Fassadenplaner und Lichtingenieure der mit LED-Leuchten zu illuminierenden Haut vor besondere Herausforderungen stellte, die unliebsame Reflexionen und Blendungen zu vermeiden suchen mussten.

Gehry Technologies in Kalifornien wurden für aufwendige 3D-Com­putersimulationen hinzugezogen, wie auch Prof. Helmut Pottmann vom Institut für „Geometric Modeling and Industrial Geometry“ der TU Wien für die geometrische Optimierung eines rechteckigen Netzes nicht planarer Oberflächen, deren nicht zu geringe Torsionsbelastungen ebenfalls zu beachten waren. Recht früh fiel die Entscheidung für die Verwendung von Waagner-Biro-Knoten, da diese die kostengünstigsten unterschiedlichen Anschlusswinkel ermöglichen. So kam es dazu, dass das erste Mockup-Modell der Hülle in der Wiener Innenstadt entstand, an dem praktisch alle Erfordernisse des „Schleiers“ getestet werden konnten

Die Konstruktion

Zum Bedauern der Ingenieure lehnten die Architekten die Verwendung von Zugstäben oder– seilen ab,  welche die Konstruktion von den teilweise erheblichen Zugkräften in der Diagonalen erleichtern hätten können, aber die Klarheit ihrs Entwurfes geschmälert hätten. So entstand keine echte Schale, eher ein tritranguläres Netz mit einem dreieckigen Mega-Raster mit Elementen von 200 x 500 mm Durchmesser und einem Sekundärraster mit Elementen von 100 x 250 mm Durchmesser. Kein Rahmenelement ist aufgrund der freien Geometrie des „Schleiers“ identisch, die in 12 bis 25 t schweren Modulen vorgefertigt in einem Leitersystem mit plus/minus 10 mm Toleranz montiert wurden. Nur zwei der zehn Stützen der letztendlich 2 100 t schweren Rahmenkonstruktion in 10 500 Einzelteilen wurden fixiert, acht hingegen auf 1,5 bis 2 t schweren Gleitlagern mobil über beachtliche 190 mm Weglänge gelagert, die dank schützender Kapseln nun auch weitgehend vor dem zerstörerischen Einfluss von Sandkörnern geschützt sind. Zwei Stützen sind zudem im Wasser, weitere vertikale Stützen befinden sich auf den Dächern, die dort jedoch keine Lasten abtragen durften. Hierfür wurden sie über speziell verkleidete Tellerfedern gelagert. Die Entscheidung für eine offene Verglasung reduzierte hingegen die Windlasten auf die Konstruktion erheblich, die unmittelbar an einer Marina gelegen auch starken Küstenstürmen widerstehen muss. Faszinierend kristallin und leicht wirkt nun die gläserne, smaragdschimmernde Schuppenhaut von Marc Simmons von Front Inc. , New York Gewissermaßen ist der „Schleier“ vielmehr eine überdimensionale „Folie“ ähnlich derer, die Bernhard Tschumi im Parc de la Villete baute. Es ist eine pavillonartige Konstruktion des reinen ästhetischen Gefallens, die nun dank LEDs in den unterschiedlichsten Farben erstrahlen kann, was ja der Ausgangsintention von Hani Rashid und Lise Anne Couture von einer spektakulären Architektur vollkommen entspricht. Nur bleibt zu hoffen, dass sie hinsichtlich ihrer Lichtatmosphären mit Sensibilität bespielt werden wird, was gerade in den arabischen Ländern mit ihrer Vorliebe zu bonbonfarbenen Kombinationen zumeist nicht der Fall ist. Eigentlich ist ihre Konstruktion mit 5 800 rautenförmigen Glaspaneelen schon genug Ereignis, deren optische und spektrale Effekte gegen den Himmel, das Meer und Wüste schon allein faszinieren. Geschafft wurde hier, wie es Hani Rashid recht arabisch preisend ausdrückte, „eine perfekte Union und Zusammenspiel von Eleganz und Spektakel. Deren Suche inspiriert war, was man die Kunst und Poetik des Motorsports, speziell der Formel 1, gekoppelt mit der Schaffung eines Ortes, der Abu Dhabi als kulturelle und technologische Tour de Force nennen kann.“ Von der Ferne als „Landmark“ und noch mehr von der zweigeschossigen, stählernen Verbindungsbrücke mit Restaurant, Bar und Ausstellungsflächen kann man diesen Eindruck am stärksten erfahren, dass man sich in einem Land der 1001 Träume befindet, in dem nichts unmöglich erscheint.

Allein auf den Hotelzimmeretagen der zweihüftigen Hotelgebäude fühlt man sich wieder auf dem Boden angekommen. Der Luxus der 500 nobel eingerichteten Hotelzimmer verdeckt nicht, dass es sich bei dem Yas Hotel vor allem um ein Businesshotel handelt. 14 Gastronomie- und Unterhaltungseinrichtungen, Bankett- und Konferenzräume sind Design-Sahnehäubchen, deren Licht- und Materialatmos­phären an den futuristischen Geist der äußeren Erscheinung des Hotels anknüpfen. Hier entstand zweifellos ein beeindruckendes „Signature Building“, dem bald in Abu Dhabi mit dem Strata Tower und den Pavillons im Saadiyat Island Cultural District noch weitere Bauten von Asymptote Architects folgen werden. Claus Käpplinger, Berlin

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