Wohngesundheit im Fokus
Baustoffe und
Innenraumhygiene

Angesichts immer dichterer Bauweisen gewinnen emissionsarme Baustoffe an Bedeutung. Doch nur ihre Einbindung in ein wohngesundheitliches Qualitätsmanagement führt zu den gewünschten Ergebnissen.


Neben den vielen Eigenschaften, die Baustoffe haben und haben müssen, spielt ihre Wirkung für die Wohngesundheit, oder fachlich präziser, die Innenraumhygiene, eine immer größere Rolle. Denn Gesundheit ist für die Nutzer und Betreiber eines Gebäudes, sei es im privaten, im öffentlichen oder im gewerblichen Bereich, ein Thema, das mehr und mehr Beachtung findet. Das zeigen unter anderem entsprechende Vorgaben seitens der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB), der Leitfaden für Innenraumhygiene in Schulen des Deutschen Umweltbundesamtes oder aktuell die Verordnung zur Kennzeichnung von Bauprodukten nach ihren VOC-Emissionen in Frankreich. Damit ist es für Architekten und Planer genauso wie für Investoren zu einem der Kriterien geworden, die die Nutzbarkeit und den Nutzwert eines Gebäudes entscheidend mitbestimmen. Was es bedeutet, wenn es „mit der Wohngesundheit nicht klappt“, lässt sich an vielen Schadens­fällen beobachten, die fast wöchentlich in der Presse auftauchen. Meist ist von kommunalen oder staatlichen Gebäuden wie Schulen, Kindertagesstätten aber auch von Polizeidienststellen die Rede, schließlich stehen diese unter besonderer Beachtung der Öffent­lichkeit und der Medien. Im Umkehrschluss kann man also davon ausgehen, dass es im privaten und gewerblichen Bereich eine erheb­liche Dunkelziffer von Fällen gibt, in denen die Nutzung eines gerade fertiggestellten oder frisch sanierten Gebäudes eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich ist, weil Schadstoffe aus Bauprodukten und Verarbeitungsfehler die Innenraumluft und damit die Nutzer belasten.

Warum Wohngesundheit?

Wohngesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Wer sich ernsthaft mit dem Thema befasst, kommt rasch zu dem Schluss, dass ein wissenschaftlich definierter, mit üblichen Messmethoden überprüfbarer Zustand der Innenraumluft einer der zentralen Parameter ist. Dazu kommen weitere Kriterien wie die Behaglichkeit und die Lichtverhältnisse, deren Gewichtung nicht zuletzt von den gesundheitlichen Bedürfnissen der Nutzer abhängt. Schließlich haben gesunde Menschen, die gesund bleiben wollen, andere Anforderungen an ihr Gebäude als zum Beispiel Allergiker, Schüler andere als Bewohner eines Altenheims. Diese Bedürfnisse zu klären ist eine der ersten Aufgaben eines wohngesundheitlichen Qualitätsmanagements. Leider existiert in Deutschland kein gesetzlich oder per Verordnung festgelegter Standard für die Qualität der Innenraumluft. Gleichwohl geben staatliche Behörden wie das Umweltbundesamt (siehe Grafik TVOC) und andere Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO Empfehlungen, die in Verbindung mit entsprechenden richterlichen Entscheidungen durchaus normative Wirkung entfalten. Mit dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) empfiehlt das Bundesbauministerium aktuell konkrete Werte im Bereich der Innenraumhygiene, die auf der Ebene der Länder und Kommunen aufmerksame Beachtung und mit großer Wahrscheinlichkeit auch Nachahmung finden werden. Auch die international führenden Zertifizierungsprogramme wie LEED und BREEAM sehen Bewertungen in Sachen Innenraumhygiene vor, auch wenn diese aus der Sicht des Autors nicht immer den Stellenwert haben, der ihrer Bedeutung für die Gebäudenutzer entspricht. Als Summe der hier nur stichwortartig aufgelisteten Trends und Rahmensetzungen entsteht ein immer engmaschigeres Netz aus Empfehlungen, Richtlinien, Normen und Gerichtsurteilen, deren Berücksichtigung Architekten und Planer vor juristischen und finanziellen Risiken bewahrt und gleichzeitig die Chance bietet, sich im Wettbewerb um Kunden ein Alleinstellungsmerkmal zu sichern.

Vielfältige Schadstoffe

Die Liste der zu berücksichtigenden Schadstoffe in Bauprodukten ist lang. Beim Neubau sind nach heutigem Kenntnisstand die ganz großen Probleme mit Schwermetallen, Lindan und PCP aus Holzschutzmitteln, Asbest, PAK und Co. zwar weitgehend ausgestanden. Doch neue Fragestellungen sind bereits sichtbar. Zum Beispiel: Wie verhält es sich mit Nanomaterialien?  Welche Langfristfolgen haben Weichmacher, Lösemittel, Formaldehyd oder dauerhaft hohe Kohlendioxidkonzentrationen? Bei der Jahrhundertaufgabe Sanierung des Gebäudebestands sind die oben genannten Hinterlassenschaften vergangener Jahrzehnte dagegen umso präsenter und müssen bei der Planung der Umbaumaßnahmen stets berücksichtigt, untersucht und bewertet werden. Aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründen kann das Ergebnis dieser Bewertung auch lauten, dass Abriss und Neubau sinnvoller sind als eine aufwändige Sanierung.

Durch die staatlich verordneten Vorgaben zur Gebäudedichtheit rücken sowohl im Neubau wie bei der qualitätsvollen Sanierung neue Schadstoffe in den Blick. Wurden zum Beispiel flüchtige organische Stoffe, Kohlendioxid und Formaldehyd früher spontan durch Undichtigkeiten in der Gebäudehülle weggelüftet, verbleiben sie heute verstärkt innerhalb der Lebens- oder Aufenthaltsbereiche der Nutzer. Ziel muss es deshalb sein, den Eintrag von Schadstoffen durch neu eingebaute Baustoffe so weit wie möglich zu minimieren. Dass dies mit bezahlbarem Aufwand möglich ist, zeigen mehrere hundert im deutsch­sprachigen Raum gebauter oder geplanter Gebäudeeinheiten, sowohl in Massivbauweise als auch in Holzbauweise. Grundvoraussetzung dafür ist die Verwendung geprüft emissionsarmer Baustoffe. Diese sind am Markt verfügbar und beileibe keine Exoten, sondern teilweise marktführende Produkte, deren gesundheitliche Eigenschaften durch Prüfprotokolle externer Stellen (siehe Kasten S.50) bestätigt wird. Viele Baustoffhersteller und große Baustoffhändler sind hier auf einem guten Weg zu mehr Transparenz für Architek­ten und Planer sowie deren Auftraggeber. Mindestens genauso groß ist aber die Zahl der Akteure, die Angaben zu den wohngesundheitlichen Eigenschaften ihrer Produkte verweigern oder unvollständig veröffentlichen. Für den Architekten und Planer wie für dessen Kunden zentral ist dabei die Erkenntnis, dass ökologische Qualitäten nicht automatisch mit wohngesundheitlicher Qualität einhergehen, denn für viele ökologisch hergestellten Oberflächenbeschichtungen zum Beispiel liefern die Hersteller leider keine Emissionsprüfzeugnisse. Öko ist also nicht automatisch gesund. Hier, wie bei allen Bauprodukten, ist eine unvoreingenommene Betrachtungsweise anhand wissenschaftlich hergeleiteter und allgemein anerkannter Kriterien eine Grundvoraussetzung für die Auswahl emissionsarmer Produkte.

Die Frage der Relevanz

Doch welche Bauprodukte sind für die Planung und den Bau wohngesundheitlich anspruchsvoller Gebäude überhaupt von Bedeutung? Ist eine in vergleichsweise geringen Mengen verwendete Fugenmasse relevanter als die Mauerwerkssteine, deren Volumen in Kubikmetern gezählt wird? Ist der Dachdämmstoff, der hinter der Dampfbremse eingebaut ist, genauso zu betrachten, wie der Bodenbelag? Das Sentinel-Haus Institut (SHI) hat zur Bewertung und Kategorisierung eine Matrix ent­wickelt, die ein einfaches Ampelsystem zum Ergebnis hat (siehe Kasten Wohngesundheitliche Relevanz). Ziel war vor allem, die praktische Umsetzung zu vereinfachen. Dabei ist offensichtlich, dass ein Baustoff, je näher er an der Innenraumluft eingebaut wird und je größer seine Fläche in Relation zum Raum­volumen ist, seine Bedeutung für die Innenraumluftqualität steigt. Eine isolierte Einzelstoffbetrachtung ist allerdings nicht zielführend. Je nach chemischer Zusammensetzung und physikalischem Zustand können für sich unkritische Baustoffe miteinander reagieren. Der Verbund emittiert dann Schadstoffe, die für unangenehme Überraschungen sorgen. Dies ist aktuell besonders bei Bodenbelagssystemen zu beobachten. Gerade bei Beschichtungssystemen, die auf der Baustelle aufgebracht werden, zeigt sich zudem, dass eine Systemtreue von entscheidender Bedeutung sein kann. Nicht nur für das Ergebnis und dessen wohngesundheitliche Qualität, auch in Haftungsfragen. Einige fortschrittliche Hersteller übernehmen für ihre korrekt ausgeführten Systemaufbauten eine Gewährleistung. Wird die Systemtreue vom Verarbeiter, aus welchen aus Gründen auch immer, verletzt, entfällt diese Gewährleistung. Aufgabe des Architekten und Planers ist es daher, nicht nur in der Ausschreibung sondern auch in der Umsetzung darauf zu achten, dass ausschließlich die ausgewählten, emissionsarmen Produkte zum Einsatz kommen und die vom Hersteller vorgegebenen Fristen, zum Beispiel Ablüftzeiten, auch eingehalten werden. Eine rechtzeitige Beschäftigung mit dem wohngesundheitlichen Qualitätsmanagement ist also notwendig, um entsprechende Phasen in den Bauzeitenplan zu integrieren. Das Verständnis der Verarbeiter für diese Zusammenhänge fördern Handwerkerschulungen, die zum Beispiel bei vom SHI zertifizierten Projekten Pflicht sind. Während bei kleineren Projekten die Aufgabe der Koordination und Überwachung geschulte Architekten und Planer durchaus selbst durchführen können, ist bei großen öffentlichen und gewerblichen Bauten ein Wohngesundheitskoordinator (WoGeKo) ein Mittel, die zwischen Auftraggeber und Planer vereinbarten Standards auch umzusetzen. Spätestens bei diesem, noch in den Kinderschuhen steckenden Tätigkeitsbereich, wird deutlich, dass der Fokus auf emissionsarme Baustoffe im speziellen und das wohngesundheitliche Qualitätsmanagement im allgemeinen keine lästige Pflicht für Architekten und Planer sind, sondern, bei entsprechender Qualifikation, ein neues Betätigungsfeld darstellen.

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