Wir wollen die Diskussion anschieben: Mikrowohnen etc.

Im Gespräch mit Annette Müller, Robert Niemann und Till Dörscher, Berlin www.modellunddesign.de

Schön, dass Sie drei sich die Zeit genommen haben, schon vor der Eröffnung heute Abend mit der DBZ zu sprechen. Wer möchte mir zur Vorgeschichte des Projekts etwas sagen, an dem viele mitgearbeitet, mitgelenkt haben?

Robert Niemann (RN): Workshop und Ausstellung sind ein Kooperationsprojekt zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen – genauer, der Abteilung barrierefreies Bauen – und dem Masterstudiengang Bühnenbild_Szenischer Raum – Modell + Design an der TUB, das sind wir. Mit dabei sind noch das Fachgebiet Bauökonomie, ebenfalls TUB, und Professor Peter Schwehr von der Hochschule Luzern – Peter Schwehr ist Experte für Mikro- und Variowohnen. Und natürlich die Zentralwerkstatt der TU Berlin, die einen der Entwürfe als 1 : 1-Modell gebaut hat und der hier hinter uns steht (s. Foto rechts oben).

Wer hat den Startschuss gegeben, auf was gründet das Forschungs- und Ausstellungsprojekt?

Annette Müller (AM): Wir arbeiten schon seit vielen Jahren mit der Senatsverwaltung für Stadt-
entwicklung zusammen. Aktuell kam die Zusammenarbeit deshalb zustande, weil die Senatsverwaltung – hier konkret die Abteilung barrierefreies Planen und Bauen – immer wieder damit konfrontiert wird, dass Architekten und Planer keine Ahnung von Barrierefreiheit haben. Um hier nicht ständig im Nachvollzug nachschulen zu müssen – was der Senat eigentlich
nicht leiste­n kann und auch nicht will – macht er immer wieder Projekte mit uns, weil wir naturgemäß komplett in der Lehre verankert sind. So werden die StudentInnen, bevor sie von der Universität gehen, mit dem Thema Barrierefreiheit in der Planung bekannt gemacht. Wir zeigen den StudentInnen das hands-on, damit sie ihr Wissen anschließend im Modell darstellen müssen. Wir arbeiten ja vor allem über das Modell als Visualisierung.

Nun scheinen mir hier über den Aspekt der Barrierefreiheit hinaus auch Themen wie Mikro-
wohnen, Co-Living und Wirtschaftlichkeit behandelt worden zu sein. Hängt das alles zusammen? Und wie?

AM: Ja, die Themen sind fest miteinander verwoben, je nachdem, von welcher Seite aus man draufschaut. Und alle treffen sich im Thema Wirtschaflichkeit.

Weil ich beispielsweise über Co-Living Flächen einspare?!

AM: Genau. Ich kann Gemeinschaftsflächen immer anders abrechnen als eine einzelne Wohnung, die immer eine eigene Erschließungsfläche hat. Gemeinsam genutze Flächen reduzieren Baukosten oder erhöhen die Zahl der Wohneinheiten. Das ist für den Bauherrn, aber auch den Vermieter ein finanzieller Vorteil.

Das klingt jetzt sehr pragmatisch für einen Workshop mit StudentInnen. Waren Sie nicht auch ein bisschen ideologisch unterwegs?

AM: Doch, waren wir auch. Natürlich ist der Kos-tenfaktor immer schnell ein rein pragmatischer. Wir wollten tatsächlich ganz unterschiedliche Lösungsansätze zeigen ... im Spannungsfeld Inves-torenseite: Das ist viel zu teuer! / Nutzerseite: Das ist aber viel zu klein! Am Ende wollten wir Ergebnisse haben, die Grundrisse zeigen, die sowohl groß, aber auch günstig genug sind.

Konnte dazu ein zufriedenstellendes Ergebnis erarbeitet werden?

Till Dörscher (TD): Wir haben in den zwei Wochen eine Menge Grundrissvarianten durchexerziert, haben darüber gesprochen, was einzelne Personen als privat empfinden, welche Räume der Gemeinschaft zur Verfügung stehen dürfen. Diese Diskussion um eigene Ansprüche hat am Ende zu dem großen Spektrum an Entwürfen geführt und man sieht nun, dass vom kleinsten Raum bis zum Co-Living alles dabei ist.

Co-Living: ein trendiges Thema? Wird damit die Architektur auch trendig? In welchen Zeiträumen wurde im Workshop gedacht?

AM: Ich glaube, dass wenn wir Co-Living-Projekte so denken, dass sie der Barrierefreiheit folgen, dann werden sie einen hohen Grad an Resilienz haben. Solche komplexer gedachten Wohnungen kann ich in 20 Jahren noch nutzen oder sie auch zu etwas anderem umfunktionieren, zu einem Hotel, einem Büro … Ein solches offenes Konzept sehen Sie hier auch in der Ausstellung. Da wurden auf jeder Geschossebene sechs Mikrowohnungen so angeordnet, dass die Zwischenräume als Co-Working-Spaces extern vermietet werden können. Die StudentInnen haben für den Workshop ein reales Baugrundstück bespielt und hierbei geschaut, welche Angebote es in der Nachbarschaft gibt. Co-Working-Spaces waren dort nicht vorhanden, ein Mangel, gerade mit Blick auf die nicht nur in Berlin vorhandene Bewegung zu mehr
Sharing-Economy.

RN: Die Gesellschaft hat sich, das muss man deutlich sehen, in den letzten 40 Jahren sehr verändert. Ein kleines Beispiel: Zwar gibt es schon lange Wohngemeinschaften bei den StudentInnen, aber es gab auch immer den Ärger, wer was zu machen hatte. Heute werden solche Leistungen – die Reinigung der Wohnung beispielsweise – extern vergeben. Vielleicht war die Gesellschaft der 1970er-Jahre einfach noch nicht so weit.

Gab es Auseinandersetzung im Workshop? Das Thema Wohnen ist ja ein divers diskutiertes für die Planer.

RN: Klar, wir haben wir uns auch gestritten. Gerade über das Thema der Wohnungsgröße. Schon, weil wir ja auch unterschiedlich groß sind und damit unterschiedliche Raumwahrnehmungen haben. Was ich als unangenehm empfinde – ein für mich zu kurzes Bett beispielsweise –, ist für die Kollegin gar nicht störend.

Gab es für die Forscher des Workshops ein Korsett, in dem sie sich frei austoben konnten?

AM: Ja. Gab es. Seit dem 1.1.2020 ist die „Barrierefreies Wohnen Verordnung Berlin“ in Kraft getreten, die im großen und ganzen in einem Regelwerk die laut Bauordnung und DIN 18040-2 einzuhaltenden Mindeststandards für barrierefreien Wohnraum zusammenfasst. Seit dem 1.1.2020 sind in allen Wohnungsneubauten mit Aufzug 50 % der Wohnungen als barrierefrei nachzuweisen.

War das der Grund, warum die Senatsverwaltung auch auf Sie zugekommen ist?

AM: Der Senat möchte die Diskussion anschieben, ganz klar. Das Thema der Barrierefreiheit muss in die Köpfe aller.

RN: Ja, das sehen wir als unsere Aufgabe: Die Kommunikation des Themas muss aus den Fachzirkeln hinaus in die Öffentlichkeit. Und da bietet sich ein Modell als demokratisches, inklusives Medium an. Das leicht erschließbare Modell selbst ist schon barrierefrei, eine viel direktere Form der Darstellung, eine sehr demokratische Form, wie wir finden.

Noch einmal zum „Korsett“: Architekten haben ja mit vielen Parametern in der Planung zu tun. Welche waren die zentralen hier im Workshop?

TD: Es gab Grundelemente, die eingehalten werden mussten. Auch sollte jede Lösung in einem größeren Kontext funktionieren können. Es gab aber auch den Fokus auf Details, die Multifunk­tionswand beispielsweise, die nur ein Teil einer größeren Lösung ist. Aber natürlich musste auf die Erschließung, den Brandschutz und so weiter geachtet werden.

Bei einer Studentin – Kommunikationsdesignerin – lag der Fokus naturgemäß auf dem Visuellen. Sie und ihr Partner haben die Schaukästen übernommen, mit denen anschaulich dargestellt wird, wie schwierig es ist, barrierefrei zu planen und dabei dennoch über die Norm hinauszudenken.

Gibt es Lieblingsprojekte?

AM: Das ist schwierig. Es gibt natürlich Projekte, die man lieber mag. Ein ganz spannendes Projekt ist aus meiner Sicht das Co-Living-Projekt. Sechs Mikroapartments pro Etage und der Zwischenraum wird als Küche, als Arbeitsraum genutzt. Da gibt es auf einer Etage einen Musikraum, da gibt es Werkstätten, da gibt es Schreibtische, die ich mir mieten kann. Die sind eben nicht nur für die Bewohner zu mieten, sondern auch für die Nachbarschaft. Ein spannendes Projekt, weil hiermit auch Nachbarschaft generiert wird, die beim Mikrowohnen-Thema ganz schnell nicht zu Stande kommt. Da leben tendenziell eher Menschen, die nur vorübergehend dort sind. Und trotzdem wird das Haus bewirken, dass man das Gefühl hat: Ah ja, ich gehe nach nebenan, da habe ich heute meinen Schreibtisch gebucht und da treffe ich auch noch den Herrn Sowieso von gegenüber. Und man fängt an, sich auch in der Nachbarschaft auszutauschen. Hier könnte ich mir vorstellen, dass das eines der Projekte ist, die auch Potential haben für eine Umsetzung.

RN: Mich haben die Projekte überzeugt, die die Menschen wieder mehr zusammenbringe, egal welcher Generationen. Als Single könnte ich in ein solches Gebäude gehen, wo ich mit anderen arbeite. Ein solches Co-Working ist aus meiner Sicht eine schöne Lösung, um die Menschen wieder auf unkomplizierte Art und Weise zusammenzubringen.

In einem anderen Projekt wird die Flexibilität, die Beweglichkeit des Grundrisses sehr gut umgesetzt. Als Künstler ist mir diese Beweglichkeit sehr nahe. Sich selbst seinen Wohnraum immer wieder umbauen zu können, das ist schon ein Wert für sich.

TD: Mir war das Projekt der Wohnwand vielleicht eines der liebsten. Zu sehen, wie man das schaffen kann, die alltäglichen Dinge in einer Wand unterzubringen, wie das technisch gelöst wurde, wie wirklich jeder Zentimeter geplant ist … Für die Unterbringung von Tischen, dem Bett … Und alles so konzipiert, dass es barrierefrei zu nutzen ist, das erscheint mir höchst anspruchsvoll!

Wie geht es denn nach diesem Projekt weiter? Sagt man „Tschüss!“ und das war es?

AM: Nein, wir wollen ja eine Diskussion anstoßen. Vielleicht setzen wir uns in einem Jahr wieder zusammen und schauen, was sich entwickelt hat. Im Übrigen soll die Ausstellung ja durch die Lande wandern, so ist sie jedenfalls von Anfang an konzipiert worden.

Zum Schluss: Ist das, was die StudentInnen hier gemacht haben, eine anrechenbare Studienleistung?

AM: Die StudentInnen machen bei uns freie Wahlfächer. Die kriegen dafür einen Schein. Genau sechs Leistungspunkte.

Mit Annette Müller, Robert Niemann und Till
Dörscher unterhielt sich DBZ Redakteur Benedikt Kraft am 2. März 2020 in der Ausstellung in Berlin.

DBZ Webcast: „Quovadis, Wohnungsbau?!“

15.04.2020, 13 Uhr bis 14 Uhr.

mit Prof. H.P. Ritz Ritzer, bogevischs buero, Christina Geib, Geschäftsführerin, WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH und Rut-Maria Gollan, im Vorstand der Genossenschaft Wagnis eG. Moderiert von den DBZ Redakteurinnen Mariella Schlüter und Nadine Schimmelpfennig.

Seien Sie beim ersten DBZ Webcast dabei. Wie wollen wir die drängenden Fragen zur Problematik Wohnungsbau in Deutschland lösen? Welche Konzepte können Politik, Investoren wie Wohnungsbaugesellschaften, öffentlichen wie private Bauherrn, aber auch Architekten liefern, damit wir heute und in Zukunft gut und bezahlbar wohnen können? Welche Protagonisten spielen auf dem Wohnungsmarkt die entscheidenden Rollen und wie kann auch ein kleines Architekturbüro mitwirken, steuern und profitieren? Nehmen Sie jetzt am DBZ Webcast teil. Sie werden danach möglicherweise mit einem neuen Blick auf Ihre Aufgaben im Wohnungsbau schauen. Seien Sie dabei und stellen Sie auch Ihre Fragen. Melden Sie sich jetzt an.

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