Im Gespräch mit … Bernd Streitberger, Technischer Betriebsleiter der Bühnen, Köln www.buehnen.koeln

Wir müssen viel mehr pflegen

Wir können es nicht: Architekturgroßprojekte in Deutschland. Im Kosten- und Zeitrahmen zu bleiben, erscheint mit Blick auf vieldiskutierte Projekte in Hamburg, Stuttgart, Berlin und Köln kaum möglich zu sein. Aber stimmt das eigentlich? Ist die Projektekommunikation nicht eher das Problem? In Köln jedenfalls sieht der ehemalige Planungsdezernent und aktueller Technischer Betriebsleiter der Bühnen, Bernd Streitberger, das anders. Klar, könnte man sagen, Innensicht. Aber stimmt das wirklich? Wir sprachen mit ihm über die Sanierung von Oper und Schauspiel und wollten ihn zu einer Wette verleiten; auf den Eröffnungstermin.

Lieber Bernd Streitberger, schön dass Sie für uns Zeit haben. Haben Sie überhaupt noch Zeit für anderes?

Bernd Streitberger: Ja. Ich war Baudezernent hier in Köln, das war intensiver, was die zeitliche Inanspruchnahme betrifft. Und im Übrigen halten wir Öffentlichkeitsarbeit für einen selbstverständlichen Teil unserer Aufgabe.

Weil Sie sich von der Presse falsch verstanden fühlen?

Vor allen Dingen deshalb, weil wir mit öffentlichem Geld bauen. Wir geben hier mehr als eine halbe Milliarde öffentlichen Geldes aus und da sind wir der Öffentlichkeit auch Rede und Antwort schuldig. Ein zweiter Grund – Sie deuten es an – ist auch, dass wir immer wieder in den Medien Vermutungen lesen, die wir gerne durch Fakten ersetzen möchten. Wir haben hier in den letzten Monaten sehr erfolgreich Baustellenführungen durchgeführt. Das war ein sehr gutes Instrument, um vielen Menschen die Problematik, aber auch das Potential dieses Projekts näher zu bringen.

Muss man eigentlich Idealist sein, um eine solche Havarie zu managen? Welche handfesten Voraussetzungen braucht man, um das hier zu einem guten Ende zu führen?

Also Idealist muss man nicht sein, aber man muss das schon mögen. Wer eine solche Aufgabe nicht zu seiner eigenen Sache macht, hat verloren. Ich bin Stadtplaner, also weder Bauingenieur noch Architekt. Aber dennoch habe ich den Großteil meines Berufslebens mit nichts anderem zugebracht als mit Planen und Bauen. Und das ist wohl auch die Erklärung dafür, warum die Oberbürgermeisterin mich damals gefragt hat. Weil sie jemanden suchte, der die losen Fäden zusammenbinden kann und in der Lage ist, die Sachlage gegenüber den Gremien des Rates zu vertreten.

Nun waren Sie ja als Planungsdezernent Mitglied einer Jury, die 2008 über den Reali­sierungswettbewerb Bühnen Köln am Offenbachplatz zu Neubau Schauspiel und Sanierung Oper entschieden hat. Was sind da Ihre Erinnerungen?

Ich erinnere mich an diese Jury-Sitzung gut. Wir hatten bereits 2003 die Sanierungsuntersuchung von Gerling und Ahrend, deren Ergebnisse drei oder vier Jahre lang für eine bunte Diskussion in der Stadt gesorgt hat, ganz nach dem Motto: Was könnte man sonst noch alles machen?

Wir wurden häufig konfrontiert mit splitternden Glaskristallen am Rhein, die Referenzen hießen immer Sydney und Bilbao, heute würde man noch Hamburg sagen. Dass das hier ein Denkmal ist und dass es eine Verpflichtung der Stadt gegenüber diesen Häusern gibt, das spielte zeitweise in dieser Debatte überhaupt keine Rolle. Die Jury-Sitzung dauerte zwei Tage und nach langem Hin und Her haben wir uns einstimmig für den Entwurf von JSWD und Chaix und Morel entschieden. Das vertikale Theater.

Hat man da noch von 250 Mio. € gesprochen?

Ich glaube, wir waren damals bei 265 Mio. € für Neubau und Sanierung. Das war das Budget. Wir hatten extra eine Kostenschätzung nach DIN 276 verlangt und die passte natürlich bei allen. So lange, bis das im Zuge der weiteren Planung mehr und mehr verloren ging. So ging das Projekt auch kostenmäßig aus dem Leim. Aber auch der Entwurf änderte sich, die vertikale Form ging in eine horizontale über. Dann kam der Einsturz des Stadtarchivs am 3. März 2009, da drehte sich das Klima in der Stadt ganz massiv. Will sagen, die Kölner zeigten ihre Unzufriedenheit mit ihrer Stadtregierung.

Das hat einer Bürgerinitiative Rückenwind verliehen, die das Schauspiel vor dem Abriss gerettet hat.

Ja, so kann man das sehen. Es gab verschiedene Ini­tiativen, eine nannte sich „Mut zur Kultur“, die für die Sanierung beider Häuser warb. Kein Neubau! Nach dem Motto: Neubau könnt ihr ja gar nicht! Es gab dann ein Bürgerbegehren, dem der Rat beigetreten ist, mit der bemerkenswerten Mehrheit von CDU, Grünen und Linken gegen SPD und FDP. Und wir hatten über Nacht ein neues Projekt. Wir mussten also komplett neu planen. In der Zeit hatten wir eine Machbarkeitsstudie beauftragt, aus der die 253 Mio. € Baukosten kommen und das Datum November 2015.

Was sollte die Studie unterstützen?

Unter anderem die Verbesserung der Logistik! Wilhelm Riphahn hatte die Oper als Teil eines Ensembles als ersten Baustein fertiggestellt, das war 1957. Die Oper konnte alles, alle Funktionen waren in ihr konzentriert. Das 1962 fertiggestellte Schauspiel hatte eine Bühne, einen großen Zuschauersaal, ein Foyer und ein paar Nebenräume. Das war‘s! Damit war die Logistik der beiden Häuser extrem schwierig. Wenn wir 2024 die Schlüssel übergeben, haben wir vier Bühnen, die alle separat bedient werden können. Das war für die zwei vorhandenen Bühnen vorher überhaupt nicht möglich. Die Machbarkeitsstudie hatte zu klären, ob man den Warenfluss, so nenne ich das mal, überhaupt meistern kann auf dem engen Raum. Lkws müssen nicht nur hineinfahren können, sie müssen innen auch rangieren!

Und dann kam das VHF-Verfahren.

Wir mussten neue Planer suchen, die alten waren ja mit dem Entwurf sozusagen mit untergegangen. Aus dem VHF-Verfahren ist HPP als Sieger hervorgegangen.

Planung unter Druck erzeugt Fehlplanung?

Nach meiner Einschätzung fehlte Zeit für ein sorgfältiges, alle Aspekte behandelndes Planen und ein ausgiebiges Prüfen. Zum Teil wurde baubegleitend geplant. Und der Druck wurde nicht weniger, im Gegenteil. Es hat Ausfälle gegeben, Insolvenzen, das Übliche auf so großen Baustellen. Aber ganz konkret gab es das Problem mit der Unterbringung der Technik auf engstem Raum. Wenn nur das Opernhaus zur Verfügung stehen würde, dann würde das auch gar nicht gehen. So haben wir erhebliche Kapazitäten zugebaut, rund 60 000 m³ umbauten Raum. Als mein Team und ich das Projekt 2016 übernommen haben, wurde das gesamte Haus gescannt. Den Scan haben wir übersetzt in ein dreidimensionales Modell, in dem die Planer gearbeitet haben.

Also haben Sie mit BIM gearbeitet?

Nein. Sie können ein derartiges Gebäude aus den 1950er-Jahren nicht korrekt mit BIM darstellen. Letztlich ist aber etwas herausgekommen, was nicht mehr sehr weit von BIM entfernt ist. Unsere drei­dimensionale Planung, so nenne ich das, war der Schlüssel dafür, dass wir die Knoten lösen konnten.

Mit dem Modell haben wir Probleme gehabt, von denen wir vorher keine Ahnung hatten, dass es sie überhaupt gibt. Aber das ist auch klar, ohne dieses Modell hätten wir es nicht geschafft.

Wie groß ist Ihr Team?

Also unser eigenes Bauherrenteam sind 16 Leute, überwiegend Architekten. Dazu kommen zwei Haustechniker und ein paar Verwaltungsexperten sowie ein Pressesprecher. Unser Projektsteuerer hat zwölf Mitarbeiter. In den Planungsbüros haben zeitweise weit über 100 Leute gearbeitet.

Ist die Planung denn schon abgeschlossen?

Mit der Ausführungsplanung sind wir Stand heute komplett durch. Wir haben die drei Häuser Kleines Haus, Schauspiel sowie die Kinderoper komplett geprüft, die Prüfbemerkungen sind eingearbeitet. Beim Opernhaus liegt ebenfalls die komplette Ausführungsplanung vor, wir sind da aber noch im Prüfprozess, den wir kontinuierlich gestalten. Die Prüfergebnisse werden sukzessive in die Planung eingearbeitet.

Summa summarum eine Milliarde Euro? Mit allem, was man einrechnen darf?!

Darf man nicht, die reinen Projektkosten liegen bei 618 Mio. €. Ja, die ursprünglich einmal kalkulierten Baukosten sind damit fast um das Dreifache gestiegen, das darf man nicht verschweigen. Aber die Milliarde, die in den Medien kursiert, ist keine Vergleichsgröße mit anderen Bauprojekten. Da haben wir mit unserer Transparenz selbst zu beigetragen. Für die Finanzierung brauchten wir vor zwei Jahren 104 Mio. € zusätzlich. Wir mussten aber eine große Vorlage machen, um vom Rat der Stadt Köln die Genehmigung zu bekommen, weitere Darlehen aufnehmen zu können. Ich war damals davon überzeugt, dass es nur fair und der Transparenz dienlich sei, wenn wir auch die Kosten der Finanzierung öffentlich machen. Daher kommen die rund 280 Mio. €
Finanzierungskosten. Wenn man dann noch die Kosten für die Interimsnutzungen aufschlägt, ist man irgendwo bei einer Milliarde.

Was muss passieren, wenn Sie hier 2024 fertig sind? Hinterlassen Sie der Stadt einen Pflegeplan?

Ja, das ist eine ganz klare Sache und das habe ich auch schon als Baudezernent so vertreten: Stadtreparatur ist zentral, die Pflege der Stadt und ihrer Viertel, ihr Erhalt und ihre behutsame Entwicklung sind die wichtigen Stichworte. Und klar ist, das gilt für alle Städte: Wir müssen viel mehr pflegen. Um aber noch einmal auf Ihre Frage zu kommen: Wir haben es tatsächlich erreicht, dass man einen Passus in die Intendantenverträge geschrieben hat, der den Respekt im Umgang mit der denkmalgeschützten Substanz einfordert. Und ganz konkret haben wir ein Gutachten beauftragt, in dem die Zukunftsfähigkeit des Theaterbetriebs untersucht wird, die Frage der Standortkoordinierung zum Beispiel. Da wird auch die bauliche Entwicklung eine Rolle spielen.

Letzte Frage: Sind Sie zuversichtlich bezüglich 2024? Würden Sie darauf wetten?

Ob ich darauf wetten möchte, hat mich noch niemand gefragt, hier möchten alle immer Garantien von mir haben. Aber im Ernst: Wir haben jetzt die notwendige Planungstiefe erreicht und wieder alle Firmen an Bord. Wir mussten fünf große Gewerke neu ausschreiben, wenn uns da bei einem Gewerk die Beauftragung nicht gelungen wäre, wären wir sofort um ein Dreivierteljahr zurückgefallen. Doch da das gerade alles passt … wetten?! Das käme auf den Einsatz an!

Mit Bernd Streitberger unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 2. Februar 2021 auf der Baustelle der Oper/des Schauspiels Köln.

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