13. Deutscher Nachhaltigkeitstag

Wir müssen nicht bis 2050 warten, um klima­neutrale Gebäude zu bauen

Am 4. Dezember 2020 fand der 13. Deutsche Nachhaltigkeitstag statt. Corona-bedingt war die zweitägige Veranstaltung hybrid organisiert worden und lud mit spannenden Referenten und Projekten nicht nur aus dem Immobiliensektor ein. Höhepunkt für unsere Branche war die Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur, der in diesem Jahr von dem höchsten Holzhochhaus in Heilbronn, dem SKAIO, gewonnen wurde.

Wie bekommen wir das Thema „Nachhaltigkeit“ in die Breite und machen es nicht nur im Neubau, sondern auch im Bestand relevant?! Mit dieser Fragestellung beschreibt Staatssekretärin Anne Katrin Bohle (Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat) die aktuelle politische Aufgabenstellung des nachhaltigen Bauens in Deutschland. Offenbar sieht das die Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Architektur etwas anders, denn mit dem Gewinnerprojekt „SKAIO“ in Heilbronn hat ein herausragender Neubau die Auszeichnung 2020 gewonnen, obwohl ein Bestandsprojekt unter den nominierten Finalisten war. Unter den Pilotbauten zu sein, ist manchmal eben nicht herausragend genug.

Vorjahressieger mit dem Projekt Alnatura Campus, Martin Haas (Partner bei haascookzemmrich STUDIO2050), betont, wie wichtig solche Innovationsträger sind und dass unsere deutsche Baugesetzgebung für solche Innovationen noch nicht den richtigen Ermöglichungsraum liefert. Viele Baugesetze und Normen stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren, als Materialwahl, ­Energieeinsparung und -gewinnung noch gar keine Rolle spielten. Um die klimaneutrale Baukultur voranzubringen, sind Projekte wie der Alnatura Campus oder das SKAIO wichtig, um die einzelnen Stellschrauben zu erkennen, die heute zu drehen schon möglich sind. Martin Haas sieht vor allem den eigenen Erkenntnisgewinn in solchen zukunftsweisenden Projekten – der Betrieb eines Gebäudes ist nur ein Teilaspekt der klimaneutralen Baukultur. Die eingebundene Energie, die in einem Gebäude steckt (Material, Transport, etc.), ist ein wesentlicher Aspekt, der erst im Selberbauen und Selberdurchdenken eindrücklich bleibt und in folgenden Projekten keine besondere Hürde darstellt.

Das neue Gebäudeenergiegesetz

Seit dem 1. November 2020 gibt es das neue Gebäudeenergiegesetz (GEG). Dies ist eindeutig ein Gewinn, zeigt gleichzeitig aber auch, in was für einem rechtssicheren System wir diskutieren und Fortschritt in kleinen Schritten und detailliert festgehalten wird. Gerade deshalb sind Pilotprojekte und Reallabore so wichtig, weil sie auf der politischen Entscheiderebene zu Aussagen wie dieser führen: „O.K. – we take the risk!“, wie Anne Katrin Bohle es formuliert. Für sie besteht der wichtige Schritt weiterhin darin, die bereits bestehenden nachhaltigen Entwicklungen in die Bestandsmasse zu bringen und zu standardisieren.

Wieviel Mut gibt es in der Gesellschaft, Dinge auszuprobieren? Die Werkzeuge sind in den Büros vorhanden und die Hauptarbeit geht in die Überzeugungsleistung. Es geht darum, den Mehrwert so transparent darzustellen, dass auch der ökonomische Mehrwert gesehen wird. Es geht darum, die Gesamtbilanz eines Gebäudes über 50 Jahre zu betrachten und wahrzunehmen, dass dann die gesamte ökologische Bilanzierung weitaus güns-tiger wird. Diese Fakten müssen transparent kommuniziert und zur Verfügung gestellt werden. Momentan wird dieser Schritt noch als Bewegung wahrgenommen. Ziel ist es, dieses Verständnis als einzigen Weg zu sehen, wie Bauprojekte gedacht und konzipiert werden.

Wissen wir genug voneinander? Und scheuen wir uns vor komplexen Systemen? Fortschritt ist eine Frage des Wissens, der Transparenz und der Bereitschaft. Anne Katrin Bohle versichert die Bereitschaft des Bundes und fordert Mut und Vorbildfunktionen, die aktiver gelebt werden müssen. In erster Linie sieht die Staatssekretärin auch den Mangel an Plattformen, auf denen komplexe Systeme allen Bereitwilligen und Mutigen erklärt werden. Denn was nützt uns das beste System, wenn die Endnutzer keine Chance haben damit adäquat umgehen zu können?!

Klimaneutrale Gebäude können sehr einfache Gebäude sein – der Weg dahin ist komplex

„Es gibt einige Ansprüche an Gebäude, die wir auf die Prüfwaage legen und Mut haben müssen, Entscheidungen zu treffen“, resümiert Martin Haas. Er sieht auch die bereits getroffenen Entscheidungen und Entwicklungen der letzten 15 Jahre auf dem Gebiet, die in der Gesellschaft angekommen sind. Er geht stark davon aus, dass dies auch mit dem ganzheitlichen und nachhaltigen Gedanken im Bauen so geschehen wird.

Zum Preis aus Sicht der Jury

„Dieses Jahr waren viele Wohn- und Holzprojekte dabei.“ Amandus Samsøe Sattler war als Vorsitzender der Jury zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur direkt bei der Siegerauswahl dabei. Er berichtet davon, dass er von vielen KollegInnen der Branche gefragt wird, wie man nachhaltig genau planen und bauen kann. Es gibt also noch kein Handbuch für nachhaltiges Bauen. Bisher stand Architektur immer dafür, dass etwas Neues erfunden werden musste. Jetzt geht es aus seiner Sicht darum, aus den Möglichkeiten nur noch die wirklich guten und nachhaltigen Lösungen anzuwenden. Den nominierten Projekten, so schließt er, sieht man an, dass alle Beteiligten mit ökologischen und nachhaltigen Gedanken weitergedacht haben.

Finalist: Walden 48

Das Wohnhaus „Walden 48“ ist ein gelungenes Beispiel für innerstädtische Nachverdichtung. Durch den hohen Anteil an sichtbaren Holzoberflächen und Holzfassaden unterstreicht es die Bedeutung Berlins als ein Ort innovativer Holzarchitektur. Die Baugemeinschaft zeigt mit dem Projekt, was bürgerliches Engagement bewirken kann. Farid Scharabi, Scharabi Architekten aus Berlin, berichtet davon, dass sie bereits vor 15 Jahren in Berlin begonnen hatten, einen 7-geschossigen Holzhybridbau zu bauen. Für das Büro ist das „Walden 48“ Ergebnis eines jahrelangen Plans. Mit jedem Projekt wird geprüft, welche Holzbauweise aus wirtschaftlichen und ästhetischen Gründen geeignet ist. Das Feedback der bisherigen Bauherrn, die in einem Holzbau wohnen, ist für viele überraschend „überwältigend“ positiv, wie Farid Scharabi berichtet.

Finalist: UNIQUE³

Das UNIQUE³ ist ein umgenutzter, denkmalgeschützter Gebäudekomplex der ehemaligen Siemensniederlassung in Saarbrücken aus dem Jahr 1965. Das Wohnquartier beantwortet auf vorbildliche Weise die Frage, wie der wertvolle Raum des Baudenkmals weiter genutzt werden kann. Zunächst war von den Architekten ein Haus-in-Haus-Konzept vorgesehen, wie Erich Hauser, Hauser und Luft Architekten, erzählt. Über diesen Ansatz könnte der Neubau im Bestand räumlich und energetisch optimiert genutzt werden.

Sieger: SKAIO

Das 10-geschossige Holzhochhaus entstand während der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn. Es ist Teil eines umfassenden Konzepts zukunftsfähiger Stadtentwicklung. Sinnvoll im Quartier, kompakt und bezahlbar mit einer gut durchdachten Nutzungs- und Nutzermischung und intelligenten Grundrissen. Ein innovatives Beispiel für die Leistungsfähigkeit urbanen Holzbaus. Nach dem Cradle to Cradle-Prinzip und aus brandtechnischen Gründen wurde die Fassade nicht sichtbar in Holzbauweise realisiert, wie Dominik Buchta, Geschäftsführer der Stadtsiedlung Heilbronn, berichtet. Stattdessen wurde eine Aluminiumfassade eingesetzt und auf hochenergieintenisve Baustoffe verzichtet.

Aus Sicht der Jury haben die Beteiligten am Projekt SKAIO es geschafft, die Möglichkeiten auch vom Ordnungsrecht her auszuweiten, so dass nicht nur in Baden-Württemberg solche Holzhochhäuser gebaut werden können. Der Jury war es zudem wichtig, mit der Auszeichnung darauf aufmerksam zu machen, was im Holzbau nachhaltig bereits möglich ist.

Zum Schluss kommt Dominik Buchta, über kleine Anekdoten zum Bauprozess, nochmal auf den entscheidenden Punkt zu sprechen: „Es gab sehr viele Aspekte, die lernt man erst, wenn man sich an solche Projekte herantraut.“ Einen ausführlichen Beitrag zum Projekt finden Sie in der DBZ 6 | 2020. Von uns, der DBZ Redaktion, geht ein herzlicher Glückwunsch an alle Beteiligten! M.S.

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