Weg vom Mainstream – Smarter mit System

Man sieht es neuen Hotels nicht unbedingt an, ob sie digital gut ausgestattet sind, aber man merkt es bei der Nutzung. Tablets verbinden den Gast mit dem Service, geben aktuelle Hotelinformationen und verbinden mit Bar, Restaurant oder Spa. Moderne Konferenztechnik drängt sich nicht mehr in den Vordergrund. Haustechnik stellt auf Minimalbetrieb, wenn Räume nicht genutzt werden.

Luxus-Hotels stehen meist für ein klares Credo: bauliches, kulinarisches und dienstleistungsorientiertes Maximum. Die Maßstäbe für Sterne in unserer geografischen Region sind durchaus anspruchsvoll. Im kommenden Kriterienkatalog sollen auch Digitalisierung und Nachhaltigkeit eine bedeutende Rolle spielen. Leider haftet dem Wort Digitalisierung dabei etwas sehr Pragmatisches an. „Smartness“ fungiert als Steigbügelhalter zum Online-Check-In bzw. Check-Out oder zur Realisierung von E-Tankstellen. Ein Vorurteil, dem der Markt inzwischen beeindruckende Beispiele entgegensetzt. Der Paradigmenwechsel vom Design-Objekt zum Objekt mit smartem Mehrwert ist in vollem Gange. Neue Sterne-Hotels zeugen von den digitalen Möglichkeiten in Bezug auf Effizienz und Komfort. Wenn Hotelmanager und Projektentwickler neue Grand-Hotels kreieren, warten Innenarchitekten, Designer und Planer nicht mehr nur mit exklusiven Leuchtobjekten und edlem Naturstein auf; das Gespür für vollendetes Hotel-Interieur liegt immer öfter in smarter Perfektion. Die Palette reicht von Steuerungssystemen für Licht, Jalousien und Heizungsregler über digitale Zimmermappen bis zu hochmoderner Konferenztechnik. Ein Beispiel ist das Design- und Boutique-Hotel „TORTUE“ im Zentrum von Hamburg.

Smart und komfortabel

Luxus findet sich auf 114 Zimmer, zehn Suiten und vier Long Stay Apartments verteilt, inklusive zwei Restaurants und drei Bars. Die ersten drei Etagen basieren auf dem Bestand der ehemaligen Hamburger Baubehörde, mitten auf der berühmten Stadthausbrücke. Die restlichen Stockwerke wurden als Neubau konzipiert. Das Hotel, das auf moderne Weise Vergangenheit und Zukunft verbindet, setzt auch in Sachen Technik auf Innovationen. Mit Stefan Koll von KAP Personal Systems wurde ein sogenannter technischer Designer ins Boot geholt, der mediale Komponenten einsetzt und miteinander vernetzt. Geschäftsführer Marc ­Ciunis, der den Showroom von Stephan Koll kennt, wollte einiges von den dort gezeigten smarten, vernetzten Lösungen in seinem Hotel umsetzen.

Ein gutes Beispiel: die Fernseh-Infrastruktur. Alle Zimmer verfügen über einen 55-Zoll-Flachbildschirm. Als System-TVs sind alle miteinander vernetzt und mit einer speziellen Hotelsoftware ausgestattet. So riegelt der Fernseher ab einer gewissen Lautstärke selbst ab, damit sich die Gäs­te in Nebenzimmern nicht gestört fühlen. Außerdem sind die TV-Grundeinstellungen für den Gast gesperrt. Nur die Mitarbeiter haben exklusiven Zugang über einen speziellen Code, so dass auch beim nächsten Gast alles einwandfrei funktioniert und alle Sender vorhanden sind.

Auch die „Salons“ des TORTUE profitieren von smarter Technik. Die Basis für ausgezeichneten Klang bilden Akustikplatten, die die Nachhallzeiten reduzieren und damit ein angenehmes akustisches Raumklima schaffen.

Die Technik in den Konferenzräumen besteht aus unsichtbar integrierten High-Performance-Soundsystemen, bedienbar mit einem Multi-Touch-Display, professionellen Beamer- und ­Mikrofonlösungen und einer Performance-Workstation. Im TORTUE wurde die Oberfläche der integrierten Mediensteuerung individuell an das Hotel angepasst, einfache Konfiguration für Sprachauswahl, Design und IT-Funktionen inklusive. „Größere Konferenzräume wie einzelne Salons müssen sehr individuell geplant werden, damit jeder Benutzer gut hört und sieht und vice versa gut gehört und gesehen wird“, ergänzt Stephan Koll. Auch die Salons sind in die hausinterne Gebäudesteuerung eingebettet. Wenn der letzte Konferenzteilnehmer den Raum verlässt, wird mit nur einem Knopfdruck alles im Raum ausgeschaltet, kein Telefon, Video-Anlage, Leuchte oder Lautsprechersystem ist noch an – das ist komfortabel für die Teilnehmer und energieeffizient für das Hotel. Die komfortable Steuerung und die Variabilität des Lichtsystems erleichtern die abendliche Verwandlung der Salons in Private Dining Rooms: eine doppelte Nutzbarkeit mit vielen Vorteilen für Gäste und Hotel. 

Die Beleuchtung

Beim Thema Beleuchtung hat das Hotel ein LED-Beleuchtungssystem von Signify, einer Tochterfirma von Philips, installiert. Neben der Energieeffizienz war die Möglichkeit einer stimmungsvollen Beleuchtung, ähnlich dem Glühlampenlicht, wichtig. Es lassen sich verschiedene Lichtfarben, -intensitäten und Helligkeitswerte der LEDs problemlos an die aktuelle Raumnutzung anpassen, sei es an der Rezeption, im Restaurant/Bar oder in den Zimmern.

Alle vorhandenen Leuchten sind via DALI-Steuerung miteinander vernetzt und reagieren entsprechend der vorprogrammierten Lichtszenen per Tastendruck am Schalter. In jedem Zimmer wurden vier Szenen installiert, die einzeln aktiviert und hoch- oder heruntergedimmt werden können. Der „smarte“ unterscheidet sich kaum vom „klassischen“ Schalter und wirft hinsichtlich intui­tiver Bedienung keine Fragen auf. Die Außenbeleuchtung ist durch den Einsatz von LED praktisch wartungsfrei und wird ebenfalls über das Lichtsteuerungssystem von Philips gesteuert. Die Brenndauer und Helligkeit wird automatisch über die Uhrzeit gesteuert und ändert sich je nach Jahreszeit. Die Senkung der Energiekosten, des CO2-Ausstoßes sowie der Wartungsintensität gegenüber herkömmlichen Leuchtsystemen ist bereits heute deutlich spürbar. Hinzu kommt die geringere Wärmeentwicklung dank des neuen Systems. Diese ist um bis zu 80 % geringer als bei herkömmlichen Beleuchtungsszenarios. Da die LED-Strahler wesentlich weniger Wärme als Halogen-Leuchten erzeugen, reduziert sich auch die Temperatur in den Zimmern um bis zu 3 °C.

Das wiederum reduziert den Einsatz von Klimaanlagen. Heizen und Kühlen übernehmen Gebläsekonvektoren. Das System klimatisiert umweltgerecht und besonders effizient. Die besonders schmalen AirBlue-Gebläsekonvektoren verfügen über eine speziell entwickelte Schalldämmstrecke an der Ausblasseite mit einem Schalldruckpegel von unter 24 dB(A). Die kontrollierte Lüftung spart in erheblichem Maße Energie. In den Suiten werden im Winter zusätzlich Bodenkonvektoren zugeschaltet. Bei der Planung wurden Raum-Volumen, die zu erwartende Belegungsanzahl, die Position und Größe der Bäder sowie die verwendeten Baustoffe mit einbezogen, um das System, die Steuerung und die Dimensionierung möglichst energieeffizient und komfortabel für Gäste und Hotelmitarbeiter zu gestalten.

Unsichtbar und sichtbar smart gesteuert

Die intelligente Haussteuerung sorgt dafür, dass nur so viel Wärme bereitgestellt wird, wie tatsächlich in dem Moment gewünscht wird. Smarte Thermostate ersetzen normale Raumthermostate an der Wand oder am Heizkörper und geben die benötigten Daten zur automatischen Steuerung an die Software weiter. Wenn das Zimmer nicht gebucht ist, wird automatisch alles auf „Minimalbetrieb“ gestellt, ebenso wie alle anderen angeschlossenen elektrischen Elemente. Über Regler bzw. Schalter kann zudem alles manuell gesteuert werden. Laut Marc Ciunis versucht das Hotel so nachhaltig wie möglich zu agieren, ohne zertifiziert zu sein. Während der Planungen wurde die Beheizung mittels Blockheizkraftwerk diskutiert, konnte aber wegen statischer Probleme nicht realisiert werden. Heute wird das TORTUE über Fernwärme beheizt.

Digitale Gästekommunikation

Auf den Zimmern wartet ein weiteres, hoch innovatives Feature, ein so genanntes „SuitePad“. Kleine Tablets, die die angestaubte Hotelmappe ersetzen. Ein SuitePad enthält alle Hotelinformationen, aktuellen Angebote und besondere Services. Es verbindet den Gast mit der Rezeption, nimmt Restaurant- und Bar-Bestellungen auf und das täglich zwischen 7.00h und 22.00h. Es enthält alle Informationen zum Hotel, die für den Gast wichtig, hilfreich oder interessant sind.

Gleichzeitig fungiert das In-Room Tablet als telefonischer Draht zur Rezeption. „So konnten wir auf das wenig ansehnliche Tastentelefon und damit auch die komplette Telefonanlage für die Zimmer verzichten. Die Telefone auf den Zimmern werden ja nur noch zur Kontaktaufnahme mit dem Hotel genutzt, für alle anderen Anrufe nutzen Gäs­te ihr eigenes Smartphone. Das SuitePad bietet eine Taste‘ und schon wählt es zu uns durch“, bestätigt Marc Ciunis. Eine Kommunikationslösung, die nicht nur die Kosten der Telefoninfrastruktur spart, sondern auch die Setup-Kosten sowie Grundgebühren & Co. Laut dem TORTUE ist das In-Room Tablet nicht nur eine tolle Idee für die Gäste, sondern erleichtert auch die Servicearbeit.

Die Planung und Abwicklung der SuitePad-Im­plementierung für alle 128 Zimmer wurden innerhalb von sechs Wochen abgeschlossen. Die komplette IT-Infrastruktur wurde aufgesetzt, das heißt, sowohl Informationen und Bilder als auch In-Room Tablets sowie die Telefonanlage von Rezeption und Büros wurden in das hoteleigene WLAN-Netzwerk integriert.

Nach einer kurzen Schulung stellen die Hotelmitarbeiter heute alle News und Infos selbst ein. Die technischen Voraussetzungen sind bei Neu- wie Bestandsbauten relativ simpel. Zum einen sollte jedes Zimmer über einen Starkstrom­anschluss verfügen, damit die Steckdose, an der es geladen wird, nicht mit dem Ziehen der Zimmerkarte ausfällt und ein Gast wegen fehlender Aufladung das In-Room Tablet nicht nutzen kann. Zum zweiten muss im gesamten Haus ein solider WLAN-Anschluss zur Verfügung stehen. „Sollte es auch als Fernbedienung für den Zimmer-TV genutzt werden, muss eine hohe Bandbreite für einen störungsfreien Streaming-Betrieb verfügbar sein. Details wie diese sollten möglichst frühzeitig in der TGA-Planung berücksichtig werden, damit alle technischen Elemente kompatibel steuerbar sind“, ergänzt Moritz von Petersdorff-Campen, Gründer und Geschäftsführer von SuitePad.

Das „TORTUE“:

Baukosten: 22 Mio. Euro

Bauzeit: 4 Jahre

Eröffnung: 21. Juni 2018

Gesamtfläche: 8 500 m² Mitarbeiter: ca. 130

Entwicklung: Projektentwicklungsgesellschaft Quantum

Konzept: David Chipperfield und Kuehn Malvezzi Architects

Realisierung: Stephen Williams Associates und Agn Leusmann

Interieur: Designerin Kate Hume, Joyce Wang (asiatisches Restaurant)

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