Warum eigentlich Fassadenplanung? … Weil man es ihr ansieht!

DBZ HeftpartnerInnen

Hans-Ulrich Schellhorn und Stephanie Heese, Schellhorn & Heese, Ingenieure für Fassaden GmbH, Michendorf

Heute unterliegt ein Entwurf zumeist vielen Nachhaltigkeitszielen. Es werden Zertifizierungen angestrebt, CO2-Bilanzen erstellt, es sind Cradle-to-Cradle-Anforderungen zu beachten und vieles mehr. Resilienz wird ein neues Schlagwort sein, da es schon jetzt notwendig ist, mit den Auswirkungen unseres Raubbaus an der Natur umzugehen. Es geht also bei der Konzeption von Gebäuden und Fassaden sowohl um die Belange der Zukunft als auch um aktuelle Anforderungen. Die Sommer werden heißer, wir müssen darauf in unserer Planung reagieren. Daraus stellt sich dann die Frage: Dürfen wir noch Ganzglasfassaden planen? Welche alternativen Konzepte sind richtig?

Die architektonischen Antworten auf diese Fragestellungen können vielfältig sein. Ihnen eigen ist, dass eine Idee immer auch einer technisch-konstruktiven Umsetzung bedarf. Und da kommen wir ins Spiel. Während der Architekt als Generalist für das gesamte Bauwerk zuständig ist, beschäftigen wir uns als Fachplaner ausschließlich mit der Fassade. Dieses aber dafür bei einer Vielzahl an Projekten mit unterschiedlichen Bauherren und Architekten. Daraus resultiert ein Erfahrungsschatz an technischen Lösungen, der stetig um neue Aufgaben erweitert wird.

In unserer Tätigkeit geht es auch darum, richtige Materialien und Bauarten zu wählen, Verbundstoffe zugunsten von homogenen Baustoffen zu vermeiden, Umnutzung und Rückbau zu bedenken und Fassaden zu planen, die funktionieren, für den Nutzer und dessen Nachfolger.

Bei der Ausgestaltung der Fassade ist auch zu beachten, wie diese altern wird. Das hängt zu einem erheblichen Teil von ihrer Detaillierung ab. Beispielsweise wird sich eine Holzfassade im Laufe ihrer Nutzung verändern. Wir müssen hier offen miteinander reden, darüber, was das bedeutet, was der Bauherr erwarten darf. Ein Holzfenster mit Aluminiumschale außen bedeutet keinen besonderen Aufwand in der Pflege. Gebäude in Holzhybridbauweise, Fassaden in Holztafelbau – wir können viel Holz verwenden und damit die CO2-Bilanz verbessern, selbst wenn man es außen gar nicht sieht. Doch oft besteht der Wunsch, die hölzerne Fassade auch zu zeigen. Dann kommt es auf die richtige konstruktive Ausbildung und überlegte Auswahl von Holzart und Oberfläche an, um eine gute Dauerhaftigkeit zu erzielen.

Unser Umgang mit der Umwelt zeigt sich auch beim Thema „Vogelschlag“. Zunehmend wird seitens der Genehmigungsbehörden gefordert, Fassaden so zu gestalten, dass die Gefahren für Vögel reduziert werden. Während in der Schweiz schon lange Kriterien dafür definiert sind, werden Planer und Bauherr hierzulande ein Stück weit mit der konkreten Umsetzung allein gelassen.

Und: In die Jahre gekommene Bauten werden oft nicht mehr gepflegt und geschätzt, mithin nicht mehr geliebt. Sie gelten als hässlich, werden entsprechend behandelt. Erst mit der Wertschätzung für den Bestand, dem Erkennen der Eigenheiten und Qualitäten, kann eine Transformation gelingen, die diese nicht negiert, die Ressourcen schont und die im Vorhandenen keinen Nachteil, sondern eine Chance sieht. Es ist an der Zeit, den Blick stärker auf eine möglichst umfassende Weiterverwendung und Aufwertung vorhandener Bausubstanz zu lenken. Wir reden viel über Ressourcenknappheit und der damit einhergehenden Verteuerung von Baumaterialien. Da kann es auch wirtschaftlich sinnvoll sein, den Bestand bei der Sanierung einer Fassade zu integrieren. Es braucht somit ein fundiertes Wissen über bauzeitliche Bauweisen des zu sanierenden Gebäudes, um zu erkennen, was geht und was sinnvoll ist. Zwei Beispiele: In einem unserer Projekte wird ein Terrassencafé aus DDR-Zeiten, das kurz vor dem Abriss stand, nun doch umgebaut – zu einem Museum, das die Erweiterung der Sammlung Barberini in Potsdam aufnehmen wird. In Hamburg wird das ehemalige Postbankareal, 1985 errichtet, erhalten. Dessen Klinkerfassaden kontrastieren mit der neuen Aufstockung und Erweiterung in Holzhybridbauweise.

Die Fassade bleibt mit ihren vielen Facetten ein höchst spannendes Thema. Es sind nicht nur die Ideen, sondern auch deren Umsetzung, die man den Fassaden ansieht. Dafür braucht es Architektur und Fassadenplanung.

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