Von dort nach hier

Wie über sich selbst schreiben? Sollten Architekten sich selbst vorstellen in ihrer Werkschau, oder das dem distanzierten Betrachter überlassen? Oder einer ganzen Gruppe von Betrachtern? Bétrix & Consolascio entschieden sich – und die Einleitung in ihrer dickleibigen Werkschau erzählt seitenlang von dieser Auswahl – für den distanzierten Betrachter, der zudem auch noch fachfremd, also kein Architekt ist. Perspektivwechsel?

Der eingeladene Betrachter und Architekturkritiker, Sylvain Malfroy, schreibt also einen Essay vorneweg. Der mehr als ein Drittel des bilderreichen Buches einnehmende, gut zu lesende Text, weist über die Betrachtung des Werdens und Rezipierens der Arbeit der beiden Architekten auf die Problematiken der Herstellung von Architektur insgesamt. Und in dieser auf zentrale Aspekte des Bauens zielenden Betrachtung gewinnen alle: die Architekten, weil sie hier mit dem konfrontiert werden, was ihre Arbeit determiniert, die Leser, weil sie über die Präsentation und Interpretation des B & C’schen Architekturwerkes hinaus vom Bauen insgesamt eine vielleicht völlig neue Ansicht präsentiert bekommen.

Dass sich solcherart Annäherung an ein Werk nicht mit jedem Büro machen lässt, dürfte klar sein, bei B & C aber klappt das wunderbar. Und im Anschluss an den das Ganze aufschließenden Überblick kann man einen Blick werfen auf 30 Jahre Arbeiten, auf 22 Bauten unterschiedlichster Typologien und Maßstäbe. Der Blick geht auf eine Kirche, die dann doch ein Heizkraftwerk ist, auf Gewerbebauten, deren Ziegelmauerdetails an Poelzig erinnern, auf Stadionbauten, deren Formen aus den Fünfzigern zu stammen scheinen, auf Sport- und Messebauten, die immer wieder oben unten und um die Ecke herum mit Details überraschen, mit glücklich gespielten Variationen über die Themen Proportion und Maßstäblichkeit. Also sind diese Arbeiten im Buch nach Maßstäben geordnet, was hilfreich ist für die Darstellung dessen, wie die andauernde Suche der Architekten für die angemessene Maßstäblichkeit ihrer Bauten in ein Ergebnis mündet. Am Ende ein Werkverzeichnis und eine Bibliografie.

Bétrix & Consolascio, Perspektivwechsel. Mit e. Text v. S. Malfroy. Dt./engl. GTA Verlag der ETHZ, Zürich 2008, 272 S., zahlr. Farbabb. 50 €, ISBN 978-3-85676-226-1

x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 2020-02

Werkschau zu parametrischem Design in Eberswalde

Am 10. Dezember 2019 fand an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) die Werkschau zum Abschluss des zweimonatigen Workshops „Paramateria“ statt. In Kooperation zwischen der...

mehr
Ausgabe 2017-03

Italienische Verhältnisse

Warum ein Buch zum Werk eines den meisten heute unbekannten Angiolo Mazzonis (1894?–?1979)? Die Architektur des in Bologna geborenen „Staatsarchitekten“ wird vielfach mit dem Begriff „eklektisch“...

mehr
Ausgabe 2019-10

Umfassende Werkschau

Der italienische Architekt und Theoretiker Massimo Pica Ciamarra wurde in diesem Jahr 82 Jahre alt. Mit ihm ist eine ganze Architektenschaft in Italien, aber auch in Frankreich und Deutschland, in...

mehr
Ausgabe 2016-09

Bemerkenswert aufgeräumt

„Uwe Schröder – Bonn“, das klingt wie die Abmoderation aus Zeiten, in denen Bonn noch eine internationale Bedeutung hatte. Lange her? Uwe Schröder, Bonner und Architekt – ein offenbar belesen...

mehr

Werkschau der Jubilare zum Achtzigsten im Haus der Architekten

Vernissage zur Werkschau am 18. Mai 2017

In den vergangenen Jahren konnte die Architektenkammer Sachsen zu verschiedenen runden oder halbrunden Geburtstagen eine Ausstellung im Haus der Architekten ausrichten. Dieses Format hat dessen...

mehr