Von Altem und Neuem und kreativem Potential
The Granary, London/GB

Der denkmalgeschützte Getreidespeicher „The Granary“ am Ufer des Roding-Flusses im Londoner Vorort Barking hat lange leer gestanden. Dann kamen Londons Stadtplaner auf den Gedanken, den ehemaligen Industriestandort in ein neues Quartier für Kreative umzuwandeln. So entwarfen Pollard  Thomas Edwards architects für das Gebäude einen umfangreichen Sanierungsplan.

Die Idee ist nicht neu. Schon vor zehn Jahren hat der amerikanische Soziologe Richard Florida in seinem Roman „The Rise of the Creative Class“ die Beziehung von Kultur, Kreativität und wirtschaftlichem Wachstum analysiert. Er hat nachgewiesen, dass Kreative einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor in der Stadtplanung und im Stadtmarketing darstellen können.

Auf dieses kreative Potential hoffen nun auch die Stadtplaner im Londoner Osten. 2009 beauftragten sie die dänischen Architekten schmidt hammer lassen architects (shl) mit einem Masterplan für das Gebiet im Roding-Valley zwischen Barking und Dagenham. Für die Ufer­zonen mit alten Industriebauten, Getreidespeichern und Mälzereien gibt es nun einen Rahmennutzungsplan mit verschiedenen Misch­­nutzungen von Wohnen und Gewerbe, mit öffentlichen Plätzen und gastronomischen Einrichtungen entlang des Flussufers.

Das erste Unternehmen, das sich 2011 dort angesiedelt hat, ist Rooff. Das Bauunternehmen erwarb das Grundstück mit dem Getreidespeicher und der Mälzerei im März 2010 und beauftragte die Londoner Architekten Pollard  Thomas Edwards (PTEa) direkt mit den Planun­gen für den Umbau und die Erweiterung von The Granary. Nur 15 Monate später konnte der Bauherr seinen neuen Sitz in den beiden oberen Geschossen des ehemaligen Getreidespeichers beziehen.

Form und Funktion

Der Getreidespeicher The Granary hatte seine Gestalt im Laufe der Zeit durch An- und Umbauten stark verändert. Fenster waren teilweise zugemauert worden, die ursprünglichen Konturen nicht mehr zu erkennen. Die Architekten restaurierten das alte Gemäuer, indem sie die später zugefügten Anbauten abrissen und die Fenster wieder freilegten. Dabei kam sogar ein alter Maschinenturm zum Vorschein, der heute den Abschluss des neuen Eingangshofs bildet. Das Programm forderte eine Erweiterung um die gleiche Baumasse wie dem Bestand. Schon die dänischen Architekten schmidt hammer lassen architects hatten in ihrem Masterplan Studien für den Baukörper der Erweiterung und seine Fassaden betrieben. Das Team von Pollard Thomas Edwards architects verfeinerte diese und entwickelte sie weiter. An zahlreichen Arbeitsmodellen studierten sie die Form und ihre Hülle. Die Planer legen besonderen Wert darauf und betonen, dass sich Material- und Farbstudien nach wie vor am besten am Modell überprüfen lassen. Herausgekommen ist eine elegante, komplett mit Bronze verkleidete Skulptur, die durch ihre zeitgemäße Form den alten Getreidespeicher ergänzt und gleichzeitig seine historische ­Ziegelarchitektur noch einmal hervorhebt. Die skulpturale Form des Neubaus bezieht sich auf die gestaltprägenden Giebel im Bestand. Während die Studien im Masterplan Corten-Stahl als Fassadenmaterial für die Erweiterung vorsahen, entschieden sich die Londoner Planer für etwas anderes. „Wir haben viele Materialstudien für die Neubaufassade gemacht und uns schließlich für Bronze entschieden, weil das Metall mit der Zeit eine Patina bekommt und dann noch besser mit dem Altbau korrespondiert“, erklären sie. „Außerdem ist das Material Bronze sehr haltbar und pflegeleicht. Sollte es einmal abgenom­men werden, kann man es einschmelzen und zu 100 % wiederverwerten.“

Von Anfang an war klar, dass der Bauherr die oberen Geschosse in dem Gebäudeensemble für sich nutzen wollte. Die übrigen Flächen mussten so gestaltet werden, dass sie möglichst flexibel genutzt und vermietet werden können. Zur Zeit stehen sie als große offene Flächen leer. Sie können bei Bedarf mit Trennwänden im Trockenbau unterteilt und auch als kleinere Büroeinheiten vermietet werden. Das Erdgeschoss des alten Getreidespeichers stellt Rooff bisweilen jungen Künstlern für temporäre Installationen und Veranstaltungen zur Verfügung. In der dem Flussufer zugewandten Seite sind über zwei Geschosse als Flächen für ein Café mit einer Terrasse vorgesehen.

Im Masterplan hatten schmidt hammer lassen architekten den Eingangsbereich als Atrium verglast. Um die verschiedenen Einheiten jedoch besser separat erschließen zu können, bildet sich zwischen Altbau und Neubau heute ein schmaler offener Eingangshof, der auf der Flussseite vom historischen Maschinenturm begrenzt ist. Eine offene Brücke über den Hof verbindet den Alt- und den Neubau im dritten Obergeschoss. Alles ist barrierefrei erschlossen. In den historischen Maschinenturm ist ein Fahrstuhl integriert, der von den Parkplätzen im Erdgeschoss des Neubautrakts ebenerdig zu erreichen ist. Der Lift führt in alle Ebenen des Alt- und Neubaus. Weitere Stellplätze befinden sich im Außenbereich auf dem Grundstück.

Materialien und Energiekonzept

Bei der Umsetzung wollte der Bauherr möglichst nachhaltig bauen und zugleich eine angenehme Atmosphäre schaffen. Der Erhalt des denkmalgeschützten Speichers und eine energiebewusste „low-tech“ Bauweise standen dabei im Vordergrund. Gleichzeitig muss sich das Projekt auf dem Markt rechnen. So erhielt der historische Getreidespeicher neue Fenster und eine hochwertige Innendämmung, damit die denkmalgeschützte Ziegelstruktur auch weiterhin von außen zu sehen ist. Der mit Bronze verkleidete Neubau ist mit Foamglas gedämmt. Seine U-Werte liegen 25 % unter den englischen Bauvorgaben.

In allen Gebäudeteilen, sowohl im Alt- als auch im Neubau, kann sehr gut quer gelüftet werden, so dass ­keine Klimaanlage notwendig ist. Nur eine mechanische Lüftung zur Kühlung in den warmen Sommermonaten haben die Planer vorgesehen. Ein hoher Anteil an Tageslicht fällt durch die großen Fenster- und Dachöffnungen im Neubau. Geschosshohe Trennwände aus Glas in den oberen Ebenen sorgen ebenfalls für reichlich Tageslicht. Dort, wo Sichtschutz nötig wird, sind die Glasflächen mit bedruckten Folien beklebt, die Luftbilder Londons zeigen. Eine Arbeitsplatzbeleuchtung, die sich individuell steuern lässt, ergänzt den natürlichen Lichteinfall. Sonnenschutz-elemente aus Metallgewebe an den Fenstern im Neubau schützen vor Aufheizung an heißen Tagen. Die Ziegelwände im Altbau und der Betonrohbau des Neubaus dienen gleichzeitig als Wärmespeicher. Das Gebäude wird bei Bedarf mit einer Gas-Zentralheizung geheizt. Auf dem Dach gibt es eine 80 m² große In-Dach-Photovoltaikanlage. Alle Wasserhähne und Toilettenspülun­gen sind als wassersparende Installationen ausgeführt.

Ausblick

Heute, 1,5 Jahre nach seiner Fertigstellung, steht das Gebäudeensemble noch allein in der unwirtlich wirkenden Umgebung, die stark von brach liegenden Gewerbebauten geprägt ist. Der Bauherr hat einen ersten Schritt gewagt und sehr angenehme Arbeitsplätze für seine Mitarbeiter geschaffen mit großzügigen Aufenthaltszonen, die an der ruhigen Flussseite im Westen liegen. Die Mitarbeiter sind aus einem Bürobau der 1980er-Jahre hierher gezogen und genießen den „frischen Wind“, wie sie sagen. Aber es scheint nicht so einfach, zahlungskräftige Mieter in der kreativen Szene zu finden. So steht The Granary für einen Anfang in einem Gebiet im Umbruch. „Wenn die neuen Wohnbauten, die gerade nebenan gebaut werden, fertig sind, werden sich bestimmt Mieter für das Café finden“, meinen die Architekten. „Zur Zeit überlegt unser Bauherr, die großen Büroeinheiten in den unteren Geschossen in kleinere Einheiten zu unterteilen, damit sie sich leichter vermieten lassen.“ Geduld ist gefragt bei den ambitionierten Umnutzungsplänen im Quartier. Die Lage bietet sich an, am Flussufer unweit des Zentrums von Barking und gut angebunden an öffentliche Verkehrsmittel. Erwartungsvoll spricht man bereits vom Katalysator für die Erholung der Stadt Barking und vom Bindeglied zwischen Fluss und Stadt. Dafür und für die gelungene Architektur hat The Granary bereits mehrere Auszeichnun­gen erhalten – den World Architecture News (WAN) Commercial Award 2011, den Civic Trust Award 2012, sowie den New London Award 2012 im Bereich Bürobau und den Emirates Glass LEAF Award 2012 für Umbau und Erweiterung.

Beobachten wir weiter, wie sich das kreative Quartier am Flussufer in Barking entwickelt.

Baudaten
Objekt: The Granary
Standort: 60-78 Abbey Road Barking, London/GB
Nutzer: Roof Lltd
Architekt: Pollard Thomas Edwards architects, London/GB, www.ptea.co.uk
Masterplan: Schmidt Hammer Lassen Architects, www.shl.dk
Projektteam: Teresa Borsuk, Andrew Stokes, Michael Olapoju, Nick Macarthur, Frazer Gardiner, Peter Watkins
Bauunternehmer: Rooff Ltd, www.rooff.co.uk
Planungs- und Bauzeit: ca.15 Monate

Fachplaner:
Tragwerksplaner: Price and Myers, London/GB, www.pricemyers.com
Technische Gebäudeausrüstung: Mesh, Cumming/GB, www.mesheng.com

Projektdaten:
Grundstücksgröße: 1 110 m²
Bruttogeschossfläche BGF: 886 m²
Nutzfläche NF: 2 116 m²
Hauptnutzfläche HNF: 2 116 m²
Nebennutzfläche NNF: ca. 632 m²
Funktionsfläche FF: 95 m² (Grünfläche)
Verkehrsfläche VF: 152 m²
Bruttogeschossfläche BGF: 2 900 m²
Brutto-Rauminhalt BRI: ca. 8 207 m³
Baukosten: 4,5 Mio. €   

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