Vom Big Apple in die Obstwiese
Orchard House in Sebastopol / USA

New Yorker sind verwöhnt. Als Bewohner der inoffiziellen Hauptstadt der Welt sind sie es gewohnt, dass sich die Erde um sie dreht. Erstklassige internationale Verbindungen, ein unerschöpfliches Kulturprogramm, Kulinarisches aus aller Herren Länder, Stadtdichte und weite Strände, um nur einige Vorzüge zu nennen. Wer in einem Loft im Trendviertel Tribeca wohnt, gehört zweifellos zu den Privilegierten, aber dennoch scheinen viele Qualitäten der Stadt oft omnipräsent und gleichzeitig unerreichbar und fern – ganz besonders aus der Perspektive eines Rollstuhls.

Nach reiflicher Überlegung entschieden sich Ben Kinmont und Naomi Hupert, mit ihren beiden Kindern das Stadtleben gegen ein Leben auf dem Land einzutauschen, wo sie im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten leben können. Statt auf den Big Apple schaut die Familie heute auf eine hundertjährige Obstwiese mit vielen kleinen Äpfeln. Statt der Nähe des Atlantiks haben sie nun die Nähe des Pazifiks und somit auch ein milderes und ausgeglicheneres Klima. Die als Baugrund auserkorene Obstwiese liegt in Sebastopol, einer Gegend mit Tradition im Obstanbau, unweit des Napa Valleys im Norden von San Francisco. In dieser Region wuchs der Bauherr auf und seine Mutter wohnte noch immer dort.

Als anspruchsvolle New Yorker traten die Bauherren auch mit einem dementsprechenden Programm an ihre Architekten, Anderson Anderson aus San Francisco, heran. Sie wünschten sich ein Landhaus mit den Qualitäten eines Ferienhauses, ein Energiesparhaus, das durchgängig behindertengerecht ist, aber auch ein Mehrgenerationenhaus, das zugleich Gäste- und Hundehaus ist. Was sich luxuriös und komplex anhört, sollte aber äußerst einfach, landverbunden und natürlich sein. Als Künstler mit Affinitäten zu Beuys wünschte sich Ben Kinmont eine einfache, fast primitive, aber ehrliche Materialpalette, eine hand­werklich geprägte Verarbeitung und Detaillierung und formal äußerste Zurückhaltung. Das Haus sollte sich in keiner Weise selbst darstellen, sondern als Rahmen für das Familienleben mit zwei Kindern, der Grossmutter, zwei großen Hunden und vielen Gästen dienen.


Einfache, ehrliche Materialität

Tatsächlich stellt sich das Haus sehr zurückhaltend dar, duckt sich flach zwischen die Apfelbäume und ist nie in seiner Gesamtheit zu
erkennen. Der verschwenderisch anmutende, in die Länge gezogene und aufgesplittete Grundriss ist aber genauestens durchdacht, ja sogar ökonomisch. Alle Dimensionen im Haus sind auf einen Rollstuhl ausgelegt, damit auch der Sohn alle Bereiche erreichen kann. Das führte zu den großzügig dimensionierten Fluren, zu fünf behindertengerechten Bädern und dem weitläufigen Allraum mit Küche, Essen und Wohnen. Direkte und schwellenlose Übergänge zeichnen dieses Wohnhaus aus. Der Eingang führt unvermittelt in den Allraum,
allerdings erst nach Durchquerung des imposanten langgestreckten Vorhofes, an dem sich Carports, Technik- und Arbeitshöfe, Altenteil, Atelier und Büros aufreihen. Alle Fenster sind raumhoch und dienen somit größten­teils auch als Türen, damit jeder Raum einen direkten Zugang nach Außen hat. Bei schönem Wetter öffnet sich das Haus komplett und es entstehen neue Wegebeziehungen, die durch den Außenbereich führen. Folglich ist auch der Außenbereich großzü-
gig mit einer glatten Oberfläche ausgeführt worden, um ideale Kon-
ditionen für den Rollstuhl zu schaffen.

Sichtbeton auch für Innen

Aus diesem Grund entfiel bereits ein Großteil der für ein Wohnhaus unglaublichen 600 Kubikmeter Beton auf die Fundamente, die Bodenplatten für Innen und Außen, sowie den großen Pool. Eine
solide Betonbrüstung auf Sitzhöhe des Rollstuhls sorgt dafür, dass der Sohn ohne Hilfe ins Wasser gelangen kann, gleichzeitig verhindert diese Schwelle ein unbeabsichtigtes Abrutschen des Rollstuhls.

Die – für kalifornische Verhältnisse – energetische Effizienz dieses Hauses beruht primär auf der hochgedämmten Dachplatte, dem hohen K-Wert der Fenster, der Verschattung durch die überdachten Terrassen und den nach innen zurückspringenden Fenstern, sowie der Speichermasse des Betons, der regulierend wirkt.

Sichtbeton war ausdrücklich gewünscht, da auch der Loft in Tribeca einen großen Anteil davon hatte und er ein bodenständiges Material ist, das einen direkten Zugang erlaubt. Gewünscht wurde eine ruppige Schalungsästhethik im Sinne von Corbusiers Beton Brut,
weniger die glatte Perfektion à la Tadao Ando. Beton ist bestens für die archaisch anmutende Raumgestaltung geeignet und wurde auch für die Kücheninsel, die Arbeitsflächen und Badewannenummantelungen eingesetzt. Für die Böden war Beton wegen seiner perfekt zu glättenden Oberfläche und seiner Unempfindlichkeit ideal. Diese Aspekte waren besonders im Küchenbereich wichtig.Dieser ähnelt einer einer Werkstatt und wird auch von den beiden Hunden dauernd frequentiert . Auch für die Fußbodenheizung waren Betonböden ideal, mit dem positiven Nebeneffekt, dass keine Heizkörper die archaische Raumwirkung verschandeln.

Der Rythmus des Hauses beruht auf dem Raster der Apfelbäume, das in Form von Betonschotten bzw. Betonwänden und U-Schalen auf das Haus übertragen wurde. Somit gehen die Blicke immer zwischen den Baumreihen längs und nie steht ein Baum in einer Fensterachse. Alle Flure und Wegeachsen laufen auf Fenster zu, so dass sich das Haus optisch immer in die Natur verlängert und öffnet. Die dominierenden Betonelemente sind die gigantischen Kamine, die auch regelmäßig zum Kochen genutzt werden, denn in ihnen finden ganze Schweine Platz, um sich ihrem knusprigen Ende entgegenzudrehen. Die reduzierte Materialpalette aus Beton und weißen GK-Platten im Innenraum, sowie verzinkten Trapezblechen und Zinkblechen für Außenwände und Dachabschlussdetails, wird durch den warmen Farb­ton der Redwoodfenster ausbalanciert. Hier handelt
es sich um recycelte Weinfässer, in denen jahrelang Zinfandel reifte, was zu der intensivierten Rotfärbung beigetragen hat.

Die konsequente Disziplin, mit der Mark und Peter Anderson dieses Wohnhaus in der Obstwiese planten, führte zu einem leichten und größtenteils transparent erscheinenden Raumfluss. Letztendlich ist diese einfach wirkende Architektur luxuriöser als das, was heute gern Villa genannt wird, sich aber die Bewohner durch empfindliche “edle” Materialien und oft völlig überzogene Technik unterjocht. Der wahre Luxus im Apfelhain heißt Direktheit, Freiheit und Flexibilität.
Frank F. Drewes, Herzebrock, Berlin, San Francisco

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