Projekt Südstadtschule in Hannover

Tetris im Bestand
Projekt Südstadtschule in Hannover

Ein Baudenkmal der Nachkriegsmoderne zu sanieren und in Wohnungen umzugestalten, eine Baugemeinschaft als Käufer für die einstige Sonderschule auf dem Constructa-Areal zu finden und zu gründen, waren einige der Herausforderungen für MOSAIK Architekten und planW aus Hannover.

Hannovers Stadtteil Südstadt ist ein beliebter Ort zum Wohnen. Seine 38 000 Bewohner leben zentrumsnah und dicht an den Nah­erholungsgebieten Maschsee und Eilenriede. Blockrandbebauungen aus der Gründerzeit und Backsteinbauten aus dem 1920er Jahren prägten den Stadtteil bis zum Zweiten Weltkrieg. Nach den groß­flächigen Kriegszerstörungen wurde das Gebiet zwischen der Hildesheimer und der Schlägerstraße im Jahr 1951 zum Schauplatz der Bauausstellung Constructa, einem Vorzeigeprojekt der Nachkriegsmoderne – mit einem Hochhaus, vier Zeilenbauten und Reihen­hauszeilen. Als letzter Baustein entstand an der nordöstlichen Ecke des Constructa-Areals bis 1962 eine Sonderschule für sehbehinderte Kinder mit angeschlossener Stadtteilbibliothek nach den Plänen Friedrich Lindaus. Dieser schuf ein Gebäudeensemble, das sich um einen zentralen Schulhof legt und eine blockartige Ecke zur Krausen- und Schlägerstraße bildet. Gleichzeitig nimmt der Komplex mit seinem höheren, 3-geschossigen Klassentrakt die Zeilenstruktur der Constructa-Zeilenbauten auf. Architekt Lindau beschrieb sein Konzept: „Der Gebäudekomplex arrondierte optisch das Constructa-Areal am nordöstlichen Rand.“ Seit 1990 steht das Gebäudeensemble unter Denkmalschutz als prototypisches Beispiel für das Bauen der 1950er Jahre.

Von der Schule zum Wohnen

Die Schule hatte acht Klassenräume, die nach dem Schusterprinzip angeordnet waren. Dabei werden jeweils zwei Klassenräume von einem Treppenhaus erschlossen. So können die Klassen von beiden Seiten Tageslicht erhalten, was besonders für Sehbehinderte wichtig ist. Helle Flure und Gänge zum Pausenhof waren weitere wichtige Merkmale. 2005 schloss die Landeshauptstadt die Schule. „Die Stadt hat dann das Gebäude zum Verkauf ausgeschrieben“, erklärt Architekt Kay Marlow vom Büro MOSAIK Architekten. „Dabei war eine besondere Vorgabe, die Stadtteilbücherei als Kinder- und Jugendbücherei in das Konzept zu integrieren und das Baudenkmal zu erhalten.“ Die Nutzung selbst wurde nicht vorgeschrieben. Es gab mehrere Bieter. Den Zuschlag erhielt das Konzept von planW und MOSAIK Architekten. „Obwohl wir nicht am meisten geboten haben, entschied man sich für unser Konzept, weil es den besten Denkmalschutz ermöglichte“, betont Marlow. „Der Anstoß zur Umnutzung des ehemaligen Schulgebäudes in Wohnungen kam übrigens vom Bürgerbüro für Stadtentwicklung. Die haben uns als Architekten angesprochen und planW als Projektsteuerer, die sich auf die Projektentwicklung von gemeinschaftlichem Wohnen spezialisiert haben. Wir sollten uns mit einem gemeinsamen Konzept für die Ausschreibung bewerben.“ Mit dem Zuschlag begann die eigentliche Herausforderung. Denn es galt, Interessenten zu finden, die die Baugemeinschaft bilden würden, um die Schule zu kaufen und umzubauen. In vielen Sitzungen wurden individuelle Wohnwünsche der zukünftigen Eigentümer diskutiert und entwickelt. Heute umfasst das Projekt 16 Wohnungen (60 m² bis 170 m²), von denen keine der anderen gleicht. „Es war wie Tetris im Bestand“, beschreibt Jan Uetzmann, ebenfalls vom Büro MOSAIK, die Planungsaufgabe. „Wir haben unzählige Varianten ausprobiert. Besonders spannend war die Umnutzung der Turnhalle, aus der wir 4 Reihenhäuser gemacht haben, ohne die denkmalgeschützte Fassade zu vernachlässigen.“ Beide Architekten heben besonders hervor, dass die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutzamt sehr gut war. Man legte Wert darauf, dass es sich bei dem Gebäude um ein Alltagsdenkmal handele, wo es vor allem darum ginge, die Atmosphäre wiederzugeben. Es ist genau das, was den Charme des heutigen Erscheinungsbildes ausmacht. Die Schule ist nach wie vor als solche zu erkennen. Neue Elemente, wie die gelben Balkone vor den ehemaligen Klassenräumen, weisen dezent auf die neue (Wohn-)Nutzung hin. Diese Nutzung erforderte auch einige Öffnungen in den geschlossenen Ziegelwänden, an den Stirnseiten der Turnhalle oder im Bereich der ehemaligen Umkleiden, wo die neuen Wohnungseingänge am (Schul-)Hof liegen.

Wohnen um den Hof

„Zentrales Element ist und bleibt der Schulhof“, beschreibt Kay Marlow das architektonische Konzept. „Alle Wohnungen orientieren sich zum Hof. Es gibt keine privaten Terrassen, nur kleine Betonstufen definieren die privaten Zugänge.“ Der Hof ist wie eine grüne Oase, die alle Bewohner gemeinsam nutzen. Im Erdgeschoss des Klassentrakts lag früher ein Pausengang am Hof. Dahinter waren die Lehrer- und Besprechungszimmer. Heute ist der Pausengang Teil der Wohnungen. Geschickt haben die Architekten Lichthöfe in den einstigen Gang integriert, die die dahinterliegenden Wohnräume belichten und belüften. Die rote Ziegelwand des Pausengangs ist weiterhin präsent. Die ehemalige Stadtteilbücherei beherbergt barrierefreie Wohnungen. „Das Alter unserer Bewohner reicht von 1 bis 70“, erläutern die Planer. „Es gibt Wohnungen für alle Generationen.“ Im Klassentrakt besteht die kleinste aus einem Klassenraum. Weitere Wohnungen bestehen aus anderthalb oder zwei Klassenräumen. Eine ist als Maisonettewohnung über zwei Geschosse angelegt. In der ehemaligen Hausmeisterwohnung sitzt heute das Büro von planW. Außerdem gibt es zwei weitere Büros in der ehemaligen Stadtbücherei.

Kinder- und Jugendbücherei

Während der Bauzeit lief die Stadtteilbücherei durchgehend weiter. Die neue Kinder- und Jugendbücherei wurde im ehemaligen Schulfoyer und im ehemaligen Werk­raum realisiert. Sie misst heute 420 m². In der Weihnachtspause 2010/11 ist die Bücherei in die neuen Räume umgezogen, und der Umbau der alten Bücherei konnte beginnen. Der neue Schwerpunkt als Kinder- und Jugendbücherei war Vorgabe der Stadt. Die Architekten setzten diese um, indem sie  Leselandschaften für verschiedene Altersstufen entwarfen. Das Konzept kommt sehr gut an. Auch der Denkmalschutz spielte wieder eine Rolle. So restaurierte man die Leuchten aus dem Schulfoyer. In Ergänzung dazu gibt es moderne Hängeleuchten im Bereich des ehemaligen Werkraums. Auch wurde das Kunstwerk „Das schwarze Auge“ von Kurt Sohns sorgfältig restauriert. Er hatte das Relief für das Schulfoyer entworfen. Es war im Laufe der Zeit mehrmals überstrichen worden. Eine Restauratorin legte die ursprünglichen Farbschichten wieder frei. Nun bildet es eine Wand der Bibliothek. Davor gestalteten die Architekten eine Regallandschaft mit Bezug auf die Farben des Wandreliefs.

Denkmal und Energie

Die Fassaden sind typisch für die Nachkriegsmoderne. Es gibt nicht nur die bereits erwähnten roten Ziegelfassaden mit den roten Fugen sondern auch markante Betonraster, die im Klassentrakt geschosshoch ausgefacht sind. In Kontrast zu den roten Ziegelflächen sind Brüstungselemente hier mit dunkelgrünen Keramikfliesen verkleidet. An der Seite zur Schlägerstraße gibt es große lichtgraue Keramikflächen. „Bei der Turnhalle konnten wir das Betonraster erhalten, indem wir die neue Klimahülle nach hinten versetzten“, erklärt Jan Uetzmann eine konstruktive Herausforderung. „Dadurch waren wir freier in der Anordnung der Wohnungstrennwände zwischen den Reihenhäusern.“ Eine weitere Herausforderung war der Standard KfW 70. „Wir haben die Fenster in Anlehnung an die historischen Öffnungsflügel neu konstruiert – mit den gleichen schlanken Profilen trotz moderner Dreifach-Wärmeschutzverglasung“, sagt Planer Uetzmann. „Hinzu kam eine aufwändige Innendämmung.“ Um KfW 70 zu erreichen, hat ein Spezialist mehr als 100 verschiedene Wärmebrückendetails berechnet. Die Gebäudehülle ist luftdicht. Es gibt dezentrale Komfort-Lüftungsanlagen mit Luftfilterung und Wärmerückgewinnung. Geheizt wird mit Fernwärme. Auch die Haustechniker hatten es nicht leicht: Keine Wohnung gleicht der anderen. Kein Bad liegt über dem anderen, keine Küche über einer anderen.

Fazit

Einfach war es sicherlich nicht, alle individuellen Wohnwünsche unter einen Hut zu bringen und dabei die Atmosphäre des Baudenkmals zu wahren. Seit anderthalb Jahren ist die Schule nun bewohnt, das Konzept im Stadtteil sehr gut angenommen. Nicht zuletzt die Zahl der namhaften (Architektur-)Preise sprechen für die hohe Qualität. Dazu zählen der BDA Preis Niedersachsen 2012 (Engere Wahl), der Staatspreis für Architektur in Niedersachsen (Nominierung), der Architekturpreis Zukunft Wohnen 2012, der Deutsche Städtebaupreis 2012 und jüngst der Deutsche Bauherrenpreis 2013.

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