Rathaus Strullendorf

Sublime Schlichtheit
Rathauserweiterung Strullendorf

Im Hinblick auf bürgernahe Verwaltung sollte das Rathaus in Strullendorf mit einem Erweiterungsbau Maßstäbe setzen. Die im Wettbewerb gekürten Preisträger machten daraus – mit der Konzentration auf die Materialien Beton und Eichenholz – ein kleines Kammerspiel höchster Güte.

In der knapp 8 000-Seelen-Gemeinde Strullendorf gibt es eine ganze Reihe von Grundstücken, die leer stehen und nicht verkauft werden. Bei der Kommunalpolitik geht deshalb die Angst um, in der Entwicklung des Ortes, der bis dato eher ein Straßendorf geblieben ist, behindert zu werden und nach der anstehenden Konversion eines aufgegebenen Militärgeländes der U.S. Army im knapp 7 km entfernten Bamberg völlig ins Hintertreffen zu geraten.

Aufgabenstellung und Wettbewerb

Gefördert mit Mitteln aus dem Bund-Länder-Programm „Aktive Stadt- und Ortsteilzentren“, lobte die Gemeinde 2010 einen eingeladenen Wettbewerb aus. Im städtebaulichen Ideenteil wurden Konzepte gesucht, die die soziale Achse im südlichen Ortskern, die sich quer zur Forchheimer Straße – einem Teil der Hauptstraße – zwischen Theaterscheune, Seniorenwohnheim, Jugendzentrum, Mehrgenerationenhaus und Rathaus spannt, weiter stärken sollen. Im Realisierungsteil waren die Teilnehmer aufgefordert, das 1909 als Schulhaus gebaute Rathaus, seit 1959 Sitz der Gemeindeverwaltung, energetisch und im Hinblick auf Barrierefreiheit zu sanieren und darüber

hinaus einen neuen Ratssaal zu entwerfen, der auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt werden kann. Während die beiden Träger des 3. Preises jeweils ein in Form, Material und Setzung auffälliges Gebäude konzipierten, überzeugte der Entwurf des Büros H2M durch, auf den ersten Blick, Einfachheit. Das Rathaus, bestehend aus einem giebelständigen, zweigeschossigen Gebäude mit Satteldach und einem orthogonal dazu gesetzten, etwas niedrigeren Anbau, sollte durch einen ebenso langen, ebenso hohen und traufständigen schlichten Anbau erweitert werden. Allein das neue Volumen sollte im Unterschied zum Bestandsbau dunkel verkleidet werden.

Architektonische Voraussetzungen für eine bürgernahe Verwaltung

Die Jury kürte diesen Entwurf mit dem ersten Rang und machte mit dem Abstand zu den weiteren Preisträgern deutlich, dass sie ihn realisiert haben wollte. Im Spätsommer 2014 wurde das „neue Rathaus“ eröffnet, und das fertige Gebäude hält ohne Schwierigkeiten das, was das Konzept versprach. Und noch viel mehr. Den H2M-Inhabern Stephan Häublein und Johannes Müller und ihrem Team ist im Hinblick auf die reiche Musik- und Theaterszene in Strullendorf ein kleines Kammerspiel hoher Güte gelungen. Sehr pragmatisch, sehr unprätentiös, sehr zurückhaltend und auf das Wesentliche konzentriert. Von der Zonierung der Freiflächen vor dem Gebäude – den Vorplatz kann man nun auch für Feste benutzen – über die Freitreppe und die raumhohe Übereck-Verglasung am Eingang, die einen freundlichen Empfang signalisieren, bis zu dem sich anschließenden Info- und Servicebereich mit deutlich abgesenkten Schaltern, in dem die Strullendorfer in heller und angenehmer Atmosphäre die meisten ihrer Amtsgeschäfte erledigen können: Im neuen Anbau schufen die Architekten die räumlichen Voraussetzungen für eine offene und bürgernahe Verwaltung. Und das setzt sich im Altbau mit vielen feinen Detaillösungen nahtlos fort. Charakteristisch dabei ist die Beschränkung auf wenige Materialien – Beton, Eichenholz, Glas – und deren verschiedenene Bearbeitungen, womit eine konsequente Gestaltungshandschrift jederzeit erkennbar ist, aber für die Verwaltungsangestellten individuell aneigenbar bleibt.

Städtebauliches Gewicht

„Wir wollten, dass das „neue“ Rathaus durch seine Massivität neben der sandsteinernen Pfarrkirche zu einem zweiten öffentlichen Ort in der Gemeinde wird“, betonen Häublein und Müller. Dieses Konzept ist aufgegangen. Auch wenn der neue Anbau den alten im Profil fortsetzt. Auch wenn Länge, Höhe und Dachneigung gleich sind. Auch wenn – wie die Reflexionen in der Übereck-Verglasung am Eingang zeigen – die Kubatur der Häuser in der Umgebung übernommen wurde. Obwohl die Intervention sensibel auf den Kontext reagiert, ja ihre konkrete Form aus ihm schöpft. Mit der scheinbar monolithischen Fassade aus anthrazit eingefärbten vorgehängten Betonfertigteilen erhält das Rathaus im doppelten Sinne Gewicht. War es vorher fast unscheinbar, so erhielt es durch die dunkle Farbe des neuen Volumens deutlich mehr Präsenz. Ohne Dachüberstand und mit denkbar schlichter Form weckt das „neue Rathaus“ darüber hinaus Assoziationen an eine Urhütte und reiht sich – nur ein bisschen größer und in anderer Farbe als alle anderen Bauten im Umfeld in die dörfliche Bebauung ein.

Ein Team aus Planern und ausführenden Firmen

Stephan Häublein spricht von „Bauteam“. Ohne die enge Zusammenarbeit und stete Abstimmung der Planer und der ausführenden Firmen – der Hersteller Hemmerlein aus dem oberpfälzischen Bodenwöhr und die Dachfirma Fuss + Gartenschläger aus Mainleus sind in erster Linie zu nennen – hätte jene Präzision gar nicht erst entwickelt werden können, die der Fassade und damit dem Neubau zu seiner Kraft verhilft. Die Giebelseite ist mit drei Betonfertigteilen verkleidet, Dach und Fassade der Traufseiten mit jeweils vier. Hemmerlein nennt das Material „gewaschener Architekturbeton“ und will damit betonen, dass die Oberfläche strukturiert und natursteinähnlich ist. Die Zementschlämme werden durch Kontaktverzögerer am Aushärten gehindert, nach dem Entschalen wird die Oberfläche mit Wasser bearbeitet, so dass grobe Granulate sichtbar werden. Die dunkle Farbe wurde durch Zugabe von Eisenoxiden erreicht. Etwas knifflig waren die großen, zum Teil über 8 m langen Formate der im Werk in Bodenwöhr hergestellten Teile, die hohe Ansprüche an die Maßhaltigkeit stellten. Gemeinsam wurde auch die Unterkonstruktion entwickelt, wobei man aus Gründen der Wirtschaftlichkeit die ursprünglich flächig vorgesehenen Halterungen zu Gunsten einer punktuellen Verankerung verwarf: Die 14 cm dicken, bis zu 10 t schweren Betonelemente wurden mit jeweils 4 justierbaren Schraubbolzen an Edelstahlprofilen befestigt, die ihrerseits mit den Ortbetonwänden verschraubt waren. Auch die Entscheidung über das geeignete Dämmmaterial entwickelte sich aus einem gemeinsamen Abstimmungsprozess: Waren am Dach vorher Foamglas-Elemente geplant, so beschloss man wegen deren fehlender Frostbeständigkeit, 18 cm dicke, Alu beschichtete Dämmpaneele aus PUR/PIR-Hartschaum zu verwenden. Bei den Fassaden kam dagegen Steinwolle zum Einsatz. Die Ausbildung der stets gleichen offenen, 2 cm breiten Fugen, Gehrungsschnitte an den Ecken und die nicht sichtbare Abwasserrinne unterstützen in der Summe – selbst die Schneegitter wurden anthrazitgrau eingefärbt – die monolithische Anmutung der Verkleidung.

Materialkontraste

Konzept war, den Beton außen von dem im Inneren verwendeten Beton optisch zu trennen. So sind die Fertigteile für Fassade und Dach klar als Fertigteile zu erkennen. Für die Freitreppe kam ein gesäuerter, eher heller Beton zum Einsatz, um die Flächen homogener und gleichzeitig unempfindlicher wirken zu lassen. Hellgrauer, seidiger Sichtbeton der Klasse 4 kennzeichnet dagegen die Ortbetonwände im Inneren des Neubaus: die des Info- und Servicebereichs im Erdgeschoss (den man mit gläsernen Faltwand mit Altbau trennen kann), aber auch die Treppe zum Rats- und Veranstaltungssaal und das zweigeschossige Foyer. Den Beton in seinen diversen Ausführungen kontrastierten die Architekten mit Eichenholz – wiederum in diversen Ausführungen. So wurde Eichenholz flächig für die deutlichen abgesenkten Schalter im erwähnten Infobereich und als frei adaptierbarer Rahmen in den weißen Wandschränken der Büros im Altbau verwendet. Als quadratische Leiste kam es für eine elegant-minimalistische Garderobe (mit ausklappbaren Edelstahlaufhängern) im Altbau oder für einen zarten Handlauf bei der erwähnten Treppe zum Einsatz. Weiß, aber nicht ganz deckend beschichtet, bestimmen die Eichenholzleisten die Atmosphäre im Höhepunkt des Rathauses – im bis zum First hin offenen, mit allen technischen Möglichkeiten ausge-stattetem Rats- und Veranstaltungssaal. Mit den Leisten wurden die Wände inklusive der Türen zu Abstellräumen und Stuhllagern verkleidet. Was sich nicht nur (zusammen mit einem darunter liegenden schallschluckenden Flies) auf die Akustik des häufig für Konzerte und Theateraufführungen benutzten Raumes auswirkt, sondern den Oberflächen eine Struktur gibt. Nur auf der Giebelseite öffnet sich ein leicht höher gelegener Fensterschlitz zur Gemeinde und fokussiertden Blick auf die erwähnte Pfarrkirche. So bestimmend der Beton für den Neubau ist, so verbindet ihn das Eichenholz mit dem Altbau und verhilft auf sehr erhabene Weise, ja fast en passant dem Ensemble zu einer architektonischen Einheit. E. Santifaller, Frankfurt a. M.

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