Statisch feinjustiert
NBZ Nano-Bioanalytik-Zentrum, Münster

Es muss nicht immer dramatisch offenbar sein: das statisch anspruchsvolle Prinzip. In Münster erarbeiteten Architekten, Ingenieure und TGA-Planer ein Gebäude-System, dessen gestalterische Raffinesse wie selbstverständlich wirkt, aber längst nicht selbstverständlich ist.

Anforderungen, Gestaltungskonzept

Den Wirtschaftsstandort stärken. Mit Arbeitsplätzen, mit Knowhow-Ansiedlung, mit Exzellenz in der Forschung. Das hatte die Wirtschaftsförderung der Stadt Münster bewogen, einen beschränkten Wettbewerb auszuloben, in welchem mit drei gesetzten (Münsteraner) Büros insgesamt elf um die Anerkennung der Jury kämpften. Die Entscheidung fiel im Mai 2010 zugunsten der SOW Planungsgruppe, Berlin, mit Staab Architekten, Berlin, der osd GmbH & Co. KG, Frankfurt am Main für die Statik und Winkels Behrens Pospich, Münster, für die TGA.

Der Entwurf der Planungsgruppe sollte eine nanoanalytik- und bio-medizinkompatible Infrastruktur mit Spezialgeräten für auf diese Arbeiten spezialisierte Mieter zur Verfügung stellen. Der im Quadrat 40 x 40 m messende realisierte Bau ist in seinen Grundlinien leicht eingezogen und ausgestellt verformt, wodurch eine Dynamisierung der perspektivischen Außenwahrnehmung erzielt wird. Zugleich erlaubt die Parallelstellung der Räume zu diesen geknickten Linien innen eine deutlichere Positionierung der insgesamt 12 Mieteinheiten zueinander (auf drei Ebenen). Die Mieteinheiten sind kompakt organisiert, bieten Labor-, Büro- und Nebenräume. Über einen jeweiligen großzügigen Eingangsbereich können Mieteinheiten auch zusammengelegt erschlossen werden.
Um Tageslicht in die auch nach innen orientierten Gemeinschafts- und Meetingräume zu erhalten, aber auch, um den durchaus üblichen Austausch zwischen den Mietern zu fördern, stellten die Architekten eine Treppenskulptur ins Zentrum. Das dafür nötige gebäudehohe Atrium wird von oben belichtet. Die Ortbetontreppe – teils freitragend als „durchlaufendes Brett“ konstruiert – artikuliert neben einer gestalterischen Kraft in dem etwas dämmrig geratenen Foyer auch eine anspruchsvolle Planerhaltung, die sich nicht mit dem Notwendigen zufrieden gibt.

Teamworking

Da vom Bauherren von Anfang an ein Generalplaner als Ansprechpartner in einem Team aus Architekten, Ingenieuren und TGA-Planern verlangt war, schlossen sich die drei Teams gleich in einer GmbH zusammen: der SOW Planungsgruppe, Berlin. Die arbeitete in dem Münsteraner Projekt so erfolgreich zusammen, dass sie für weitere vergleichbare Projekte auch in Zukunft als Bewerber antreten wird.

Tragwerksystem – Besonderheit Lastabfangung Eingang/Foyer

Das 4,5-geschossige Gebäude ist maximal 14 m hoch. Die Einbindetiefe des Gebäudes ins Erdreich beträgt ca. 3,5 m. Das Untergeschoss steht ca. 2,0 m in drückendem Wasser (Bemessungswasserstand). Untergeschoss und Technik-Staffelgeschoss springen auf ca. 25 x 25 m zurück. Das folgt zum einen dem Grundsatz der Ökonomie – wo nicht mehr gebraucht wird, muss auch nicht mehr sein – zum anderen gestalterischen Gründen – technische Aufbauten bleiben in der Ansicht verborgen –, aber auch funktionalen: Durch den Rücksprung des Kellergeschosses konnten die geforderten vibrationsarmen Bodenflächen im Erdgeschoss direkt ins Erdreich konstruiert werden; also erhält man maximale Entkopplung.

Das Tragwerk ist als Massivbau konzipiert. Decken, Stützen und Bodenplatten sind in Stahlbeton gefertigt, die Wände teils als KS-Mauerwerk, teils Stahlbeton. Die Hülle der Technikzentrale (Ebene 03) ist eine leichte Stahlkonstruktion. Die ausreichende Stabilität des Gebäudes wird durch die Geschosse durchstoßenden Treppenhauskerne und Wandscheiben im Verbund erreicht. Die Geschossdecken sind linien- und punktgestützte Flachdecken, deren Bauteilstärke, abhängig von der Belastung und erforderlichen Gebrauchstauglichkeit, hauptsächlich in h = 32 cm dimensioniert wurde. Die Gründung erfolgt über elastisch gebettete Bodenplatten im Erd- und Untergeschoss.

Auf allen drei Mietgeschossen mussten aufgrund von nutzungsbedingten Raumabhängigkeiten sämtliche tragenden Bauteile in Form von Pendelstützen entlang der Fassade geplant und realisiert werden. Tragende Wandscheiben waren überwiegend nicht möglich. Andererseits war eine konsequente Reihung dieser Stützen im EG aufgrund der gewünschten großzügigen Haupteingangssituation wiederum nicht möglich; die Stützen hätten direkt im Eingangsbereich gestanden. Hier entwickelte osd eine recht pragmatische Lösung. Einmal konnte die Stützlast in ein in diesem Bereich verstärktes Deckensegment eingeleitet werden. Die Last der folgenden Stütze hätte aber zu weit entfernt von der darunterliegenden Wandfläche abgefangen werden müssen. Also wurde ein Kragbalken vorgesehen, der als Profilstahl ein verformungsarmes Stützenauflager gewährleistet. Eingegossen in die orthogonal auf die Fassade treffende Wand wurde so – neben den statischen Belangen – mit der Ummantelung zusätzlich der erforderliche konstruktive Brandschutz erreicht.

Um den Zugang zum Foyer auch im weiteren Verlauf offen und einladend halten zu können, andererseits auf den folgenden Geschossen die darüber liegenden Flächen mit Einbauten planen zu können, musste der Kräfteverlauf über ein System aus wandartigen Trägern konzipiert werden. Die auftretenden Kräfte werden so seitlich aus den oberen Geschossen – am Foyer vorbei – weitergeleitet.

Vibrationsfreie Flächen im EG

Aus schwingungstechnischen Gründen müssen definierte Flächen vollständig durch Fugen von der übrigen Rohbaukonstruktion entkoppelt werden. Ursprünglich gab es den Gedanken, das Gebäude durch einen vertikalen Schnitt ins Erdreich von der gegenüberliegenden Straße zu entkoppeln. Diese aufwändige Lösung wurde schließlich nicht notwendig, da die entkoppelten Flächen außerhalb des Keller- und damit Gebäudevolumens liegen. Gegen Bodenfeuchte beziehungsweise Druckwasser wurden diese Flächen durch druckwasserdichte Dehnfugenbänder an das Gebäude angeschlossen.

Hidden Champion

Vielleicht mag sich der eine oder andere Leser wundern, wieso das NBZ in einem Heft gezeigt wird, das sich in seinem Themenschwerpunkt mit Tragwerk befasst, denn Tragwerk – das hier gerne auch mit „Kragwerk“ untertitelt werden könnte – scheint im Münsteraner NBZ nicht die Hauptrolle zu spielen. Stimmt aber nicht, auch wenn der Blick auf Fassade und ein erster Rundgang nichts Außergewöhnliches vor Augen fördert –, abgesehen vielleicht von der Treppenskulptur im Atrium. Doch der Blick in die Projektentwicklungsgeschichte, die von Architekten, Ingenieuren und den TGA-Planern gemein-

sam geschrieben wurde, zeigt, dass Gestalt und Gestaltung, Gestaltung und Nutzung, Nutzung und Funktionalität immer ihre Grenzen wie auch Potentiale dort gefunden haben, wo alle drei Hauptbeteiligten die zentralen Probleme gemeinsam zu lösen hatten. Dass sich das für die Ingenieure mit ihrer integralen Tragswerksplanung auf die Gestaltung des Eingangsbereichs wie die Gestaltung der Geschosse und ihre räumliche Zonierung für die Mietereinheiten auswirken würde, ist dem fertiggestellten Gebäude auf den ersten Blick nicht anzusehen. Wer aber darum weiß, kann den Lösungen Respekt zollen und sich für die eigene Planung inspirieren lassen. Be. K.

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