Städtebauliches Werkstattverfahren in Berlin-Kreuzberg

Wem gehört Berlin-Kreuzberg? Wie sich die Beteiligung der Bürgergesellschaft an städtebaulichen Planungsvorhaben etablieren lässt, wird derzeit an mehreren Standorten in Berlin ausgehandelt. Ein 4,7 ha Fläche großes Projekt ist das Sanierungsgebiet „Rathausblock Kreuzberg“ mit dem dazugehörigen – wohl bekannteren – „Dragonerareal“ am Mehringdamm in Berlin. Das Modellprojekt der Berliner Stadtentwicklung soll in den nächsten Jahren gemeinwohlorientiert und kooperativ entwickelt werden. Dazu fand bis Ende Januar 2020 ein städtebauliches Werkstattverfahren statt.

Durch jahrelanges Engagement der Bürgergesellschaft und mehrerer Initiativen gegen die Privatisierung des Gewerbeareals am Mehringdamm wurde es Ende 2018 im Rahmen des Hauptstadtfinanzierungsvertrages an das Land Berlin übertragen. Als Bestandteil des Sondervermögens für Daseinsvorsorge (SODA) soll es dauerhaft öffentliches Eigentum bleiben und Raum für bezahlbaren Wohnungsneubau, für Gewerbe sowie Flächen für Kunst und Kultur bereitstellen.

Um das Gebiet zu einem Vorzeigequartier der Berliner Stadtentwicklung zu avancieren, haben sich im Jahr 2019 die Akteure rund um das Areal zusammengeschlossen. Zur Sicherstellung der modellhaften Entwicklung des Quartiers wurde hierzu vom Bezirks-amt Friedrichshain-Kreuzberg, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, des Vernetzungstreffens Rathausblock (Initiativen), Delegierten aus dem Forum Rathausblock (Stadtgesellschaft), der BIM (Berliner Immobilienmanagement GmbH) und der WBM (Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH) eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Als größeren gemeinsamen Schritt hat die Kooperation anschließend das städtebauliche Werkstattverfahren zusammen ausgelobt und im Sommer 2019 angestoßen.

Drei Planungsteams haben in fünf Monaten städtebauliche Entwürfe für das Gebiet ausgearbeitet, von denen die Jury – anteilig mit VertreterInnen aus der Bürgergesellschaft besetzt – die städtebauliche Setzung von SMAQ, Man Made Land und Barbara Schindler zum Sieger kürte. Der Vorsitzende der Jury, Professor Rudolf Scheuvens, erklärte zum Siegerentwurf: „Mit der städtebaulichen Grundlage […] haben wir eine belastbare, robuste Konzeption ausgewählt, die hohe Qualität für das Dragonerareal verspricht.“ Die Planergemeinschaft um Robertneun™ mit BeL und Studio Vulkan setzten bei ihrem Entwurf auf ein nutzungsgemischtes, urbanes Quartier. Eine gewagte, aber vorausschauende Vorgehensweise vertrat das Planungsteam von ifau, Stadt Land Fluss, friedburg & hhvh und projektbüro mit ihren am weiteren Verhandlungsprozess der Kooperationspartner orientierten Ausarbeitungen. Der Entwurf gibt einzelne Stadträume vor und definiert, wie die Kooperationspartner diese bespielen können. „Der Entwurf hat all die Fragen, die noch geklärt werden müssen, sichtbar gemacht und damit bei der Jury eine Verunsicherung produziert“, so Rebecca Wall (Mitglied der Arbeitsplattform ZusammenStelle, die am Modellprojekt beteiligte Initiativen unterstützt). „Im Siegerentwurf von SMAQ sind manche Flächen undefiniert – es gibt teilweise keine direkten Anlieger. Das wird den weiteren Planungsprozess erschweren.“ Auch die Jury gab zu bedenken, dass mit dem gewählten Siegerprojekt die einzelnen Kooperationspartner nun wieder vor weiteren Herausforderungen der Verhandlung stehen. Doch genau daran wird jetzt beim Entwurf von SMAQ nachjustiert – um die Qualitäten des Entwurfs von ifau bereichert.

Enrico Schönberg, vom Vernetzungstreffen Rathausblock und Vertreter der Bürgergesellschaft in der Jury, bemängelte bei der Ausführung des Werkstattverfahrens die starre Herangehensweise und Übernahme aus dem Verfahren des Hauses der Statistik: „Ein Modellverfahren wird zum Korsett für das nächste, obwohl dieses nie evaluiert wurde.“ Das Projekt vom Haus der Statistik am Berliner Alexanderplatz hatte ein Jahr zuvor, im Januar 2019, das städtebauliche Werkstattverfahren erarbeitet, wobei die Entwürfe von teleinternetcafé – Heftpartner der DBZ-Doppelausgabe „Bauen im Bestand“ im Sommer 2020 – und Treibhaus umgesetzt werden sollen. Zumindest eine Auftaktwoche konnte dem Verfahren in Berlin-Kreuzberg zugefügt werden, in der die einzelnen Teams sich auf dem Gelände aufhielten und mit den Anwohnern, Initiativen und den Gewerbetreibenden sprachen. Das war Teil der bezahlten Leis­tung – ebenso, wie sich drei Tage an diesem Entwurfsort aufzuhalten und vor Ort zu arbeiten. Hierfür wurde in nur wenigen Wochen durch Bezirk, BIM und Bürgergesellschaft eigens eine Halle als Ausstellungs- und Veranstaltungsort nutzbar gemacht. Gerade in dieser Zusammenarbeit erwies sich die Kooperation als sehr robust.

Der erarbeitete städtebauliche Entwurf bildet nun die Grundlage für die frühzeitige Bürgerbeteiligung zum Bebauungsplan. Wünschenswert für den weiteren Prozess ist eine zielorientierte, aber auch experimentierfreudige Zusammenarbeit der einzelnen Kooperationspartner. Dabei darf der Gedanke des „nach neuen Modellen Suchens“, also des anhaltenden Ausprobierens, nicht zu kurz kommen. Weitere Artikel zu den Modellprojekten in Berlin sind im Sonderheft der DBZ „Der Entwurf“ zu finden. Na. S.

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