Sehr fein in allen Dingen

Ein Mythos sei er, ein verehrter Meis-ter, und mit Gunnar Asplund – mit dem er das Geburtsjahr 1885 gemeinsam hat sowie ein für Schweden sehr bedeutendes Architekturprojekt, den „Waldfriedhof“ – der vielleicht bedeutendste schwedische Architekt des vergangenen Jahrhunderts. Doch mehr noch als Asplund hat er – wie der finnische Kollege Alvar Aalto – auch heute noch Einfluss auf das Werk von ArchitektInnen, die Sigurd Lewerentz  (hoffentlich!) in der Hochschule eingeimpft bekamen wie noch das Werk Le Corbusiers.

Aber das gilt ebenso: Den jungen ArchitektInnen ist Lewerentz nahezu unbekannt, vielleicht tauchte er in einer Vorlesung mit seinen zentralen Werken, den Kirchen St. Markus, Stockholm, und/oder St. Peter, Klippan, auf. Vielleicht noch mit ein paar Familiengräbern (hier kommt einem gleich Carlo Scarpa in den Sinn!) oder dem Haus für Philips, dem Stadttheater in Malmö oder den Bauten auf dem Friedhof ebendort, die mit dem Blumenkiosk vor allem schon wieder auf Scarpa verweisen.

Was hat uns Sigurd Lewerentz heute noch zu sagen? Er selbst hat nicht viel geschrieben, von ihm gibt es wenig, was sich zu Kernsätzen (kernigen Sätzen) eignet, es gibt keine Manifeste, keine eigenen Theo­rien. Aber spricht nicht das beste Werk bereits aus sich selbst heraus?

Das Schwedische Zentrum für Architektur und Design ArkDes hat es nun übernommen, ihrem Landessohn eine Monografie zu gönnen, zu deren Erscheinen nach vierjähriger Arbeit jetzt auch eine Ausstellung kuratiert wurde. Selbstbewusst verweisen die Herausgeber auf die besondere – finanziell bequeme, von Sponsoren unabhängige – Lage, ein Buch zu machen, wie andere es nicht machen können: umfassend und doch hochkonzentriert, großzügig im Layout und dabei sehr fein in allen Dingen (Type, Papier, Satz, Druck); ein Buchblock, den kein Rezensentenwort einfach so vom Tisch fegen würde und durch den hindurchzuarbeiten weniger Arbeit war als allererstes Vergnügen.

Das Buch ist in drei Kapitel geliedert, wobei das dritte, The Archiv genannte, etwas mehr als die Hälfte der gut 700 Seiten belegt. Nach Einleitung und Einordnung in einen weiteren Kontext – insbesondere mit Blick auf die Rezeption der Arbeiten durch die europäischen KollegInnen, wird Sigurd Lewerentz in einer detaillierten, dabei meist auf die Arbeiten fokussierten Biografie vorgestellt. Hier geht es um das Sichreiben zwischen Tradi­tion und Moderne bis hin zur Ausbildung eines ganz eigenen Stils, der allerdings eher einer Haltung entsprach und weniger einer Kategorie der Gestaltungswelt. Später schließt sich ein Fototeil an mit Aufnahmen, die für diese Publikation angefertigt wurden, deren isolierte Alleinstellung im Buchzentrum allerdings als problematisch in der Handhabung Text-/Bildzuordnung angesehen werden kann. Hier wird dem Architektenwerk das eines Fotografen zur Seite gestellt; oder ist es umgekehrt? The Archiv – der eigentliche Schatz der Publikation – bietet uns eine wunderbar endlos erscheinende Fülle von Zeichnungen, Skizzen, teils wundersam bunt kolorierte Entwürfe für Häuser, für Möbel, Tapeten und Innenräume, wir sehen Modelle und zahllose zeitgenössische SW-Fotos vom Gebauten oder Baustellen usw., viele von denen hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Die oben gestellte Frage, ob wir ein solches Buchwerk überhaupt brauchen, stellt sich am Schluss der Lektüre nicht mehr. Ja, das Buch ist mit jeder Papierfaser und jedem Druckfarbenauftrag seinem Inhalt angemessen; und dem hohen Preis in gleicher Weise. Be. K.

Sigurd Lewerentz. Architect of Death and Life. Hrsg. v. Kieran Long, Johan Örn u. Mikael Andersson. In Zusammenarbeit mit ArkDes, Stockholm. Park Books, Zürich 2021, 712 S., 492 Farb- u. 264 sw-Abb.120 € ISBN 978-3-03860-232-3
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