Rundum bespielbar
Montessori Kinderhaus, Erding

Um auf einem kleinen Grundstück möglichst viel Platz für spielende Kinder zu schaffen, entwarf die architekturwerkstatt vallentin ein Kinderhaus mit einer begehbaren Dachlandschaft - Passivhausstandard inklusive.

„Wir sind Überzeugungstäter im energetischen und ökologischen Bauen,“ sagt Gernot Vallentin. „Unser erstes Passivhaus haben wir 1998 fertiggestellt, das war noch mit den alten Berechnungstools von Prof. Feist. Wir haben damals schon irgendwie geahnt, dass sich dahinter viel mehr verbirgt als nur eine Berechnungsmethode. Ich sehe da heute einen gestalterischen Zugewinn, denn das Passivhaus-Projektierungspaket (PHPP) hat es in sich. Den meisten ist gar nicht bewusst, wieviel schöpferisches Potential im PHPP liegt.“

Was er darunter versteht, lässt sich besonders schön an dem Entwurf für das Montessori-Kinderhaus in Erding verdeutlichen. Das Projekt ist schon die zweite Zusammenarbeit der Architekturwerkstatt Vallentin mit dem Verein Montessori-Erding e.V.. Bereits 2004 war die Montessori-Schule in Erding entstanden, nach Angaben der Architekten die erste Passivhaus zertifizierte Schule überhaupt. Ihr Entwurf für das neue Kinderhaus ist eine konsequente Fortentwicklung des organischen Gestaltungskonzepts des Schulhauses. „Viele Dinge haben sich bestätigt, vor allem die errechneten Werte im Energieverbrauch,“ resümiert Vallentin, „aber bei den Brandschutzanforderungen hat sich einiges geändert. Das bedeutete beim Kinderhaus einen nicht unerheblichen technischen Mehraufwand für die Lüftungsanlage und damit Mehrkosten.“

Das Kinderhaus ist für zwei Gruppen einer Kinderkrippe und für vier Kindergartengruppen konzipiert. Die begrünte Dachlandschaft, schon bei der Schule ein gestaltgebendes Element, wurde beim Kinderhaus als Spielwiese weitergedacht. Auf diese Weise konnten die Außenanlagen auf dem beengten Grundstück um fast 1000 m² vergrößert werden. Damit das Dach auch wirklich von allen Ebenen begehbar ist, wurde der Boden um das Erdgeschoss um eine halbe Geschosshöhe abgesenkt. Dadurch entstand vor den Gruppenräumen ein geschützter Spielhof, der von den Kindern begeistert angenommen wird. Überhaupt standen Themen wie Geborgenheit und Raumgefühl im Fokus des Entwurfs, neben den energetischen Parametern, die für das Büro selbstverständlich dazugehören. „Wir versuchen immer, soziale mit ästhetischen Grundsätzen zu verbinden,“ erläutert Vallentin. „Beim Kinderhaus war uns wichtig, dass sich für die Nutzer, Kinder wie Erwachsene, ein Raumgefühl im umfassenden Sinn einstellen kann“. Dabei geht es um Begriffe wie Raumgefühl, Raumklima, Akustik oder Licht.

Und tatsächlich: Obwohl den Grundrissen eigentlich eine einfache Gangstruktur zu Grunde liegt, erschaffen die Architekten durch ein darübergelegtes, ausmoduliertes Zickzack eine erstaunlich große Raumvielfalt – durch Schrägstellung und Verschachtelung, durch Engstellen oder Aufweitungen, horizontal wie vertikal, „entsteht an jeder Stelle ein neuer Raum,“ so Vallentin. Die Raumwahrnehmung wechselt von offenen zu eher intimen Bereichen; Sichtbezüge nach Außen sowie zwischen den Räumen und über die Geschosse hinweg schaffen Großzügigkeit und überraschende Perspektiven. So entstand statt eines langweiligen Verkehrswegs ein spannungsvolles Raumkontinuum mit Aufenthaltsqualität, das von den Kindern gerne als Spielflur genutzt wird. Die Belichtung ist ebenso abwechslungsreich wie die Flurräume selbst; überall ist es hell, auch ohne künstliche Beleuchtung. Tageslicht dringt durch die großen Fensterflächen im Norden und über die Südseite tief in die Räume hinein und an zwei Stellen fällt Licht von oben durch die beiden großen Oberlichtkuben im Dach bis ins Erdgeschoss hinein.

Die schrägen Strukturen in Grundriss und Schnitt waren auch ein Grund für die Konstruktion des Gebäudes aus Stahlbeton (für Innenwände und Decken) sowie einer hochwärmegedämmten Außenhülle in Holzrahmenbauweise. Die vielen Schrägstellungen ließen sich in Stahlbeton einfacher und deswegen kostengünstiger umsetzen. Um die strenge Betonstruktur aufzubrechen, experimentierten die Architekten bei der Gestaltung der Sichtbetonflächen mit Intarsien. In die Schalung wurden Weidenstäbe sowie Blätter und Farne eingelegt und später wieder entfernt. Die Speichermassen der Betonkonstruktion unterstützen das Energiekonzept sommers wie winters, indem sie die gespeicherte Wärme oder Kühle zeitverzögert wieder an die Räume zurückgeben. Auf diese Weise können Temperaturunterschiede während der Nutzung am Tag und der fehlenden Wärmeerzeugung bei Nacht bzw. am Wochenende gut ausgeglichen werden. „Wir entwerfen eigentlich alles auf den Sommer hin, denn im Passivhaus benötigen wir ja nicht viel Heizenergie. Dafür drehen wir an den Stellschrauben in der Architektur: über die Kompaktheit, die Zonierung, die Tageslichtnutzung etc.“.

Tatsächlich ist das Gebäude extrem kompakt, obwohl es überhaupt nicht so wirkt, weder von außen, noch von innen. Das gelingt den Architekten mit einem energetisch motivierten Kunstgriff, der gleichzeitig fast allen Räumen einen direkten Außenbezug verschafft. Der Südseite, an der sich die Gruppenräume befinden, sind entlang der gesamten Fassade Balkone vorgelagert. Mit einer Auskragung von etwa 2 m wird so eine optimale bauliche Verschattung gegen die Sommersonne erreicht. Die Balkone erweitern die Gruppenräume um eine geschützte Außenspielfläche und ersetzen innenliegende Fluchtwege im Brandfall, was sich wiederum vereinfachend und damit kostengünstig auf die Ausstattung der lüftungstechnischen Anlagen ausgewirkt hat. Von allen drei Ebenen des Kinderhauses kann man direkt ins Freie gelangen, über die Brücke bis hinunter in den Hof oder hin-auf auf die neue Spielwiese auf dem Dach, die nach einer intensiven Stabilisierungsphase für den Bewuchs jetzt endlich genutzt werden kann. „Die Balkone haben sich sehr gut bewährt und funktionieren energetisch hervorragend,“ meint Vallentin. Unterstützt wird der passive Sonnenschutz durch die Möglichkeit, die Räume im Sommer über die Flächenheizung im Fußboden mit Grundwasser zu kühlen. Das Grundwasser wird auch zur Vortemperierung der Zuluft für die Lüftungsanlage eingesetzt. Die im Passivhaus obligatorische Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung hält Vallentin gerade beim Bauen für Kinder für einen großen Komfortgewinn, weil alle Räume zu jedem Zeitpunkt mit frischer, unverbrauchter Luft versorgt werden.

Wie bei allen ihren Projekten haben die Architekten bewusst auch Dachflächen für eine Belegung mit Photovoltaik-Elementen vorgesehen. „Solche Flächen planen wir immer von vornherein mit ein, um einer späteren ‚wilden‘ Aufständerung vorzubeugen,“ räumt Vallentin ein. Beim Kinderhaus wurden die Dächer der Ost- und Westveranda für die Erzeugung von Solarstrom bestimmt. Die Anlage soll als „Elternanlage“ frei finanziert und zu einem späteren Zeitpunkt montiert werden. IS

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