Pritzker Architektur Preis 2021 an Lacaton & Vassal, Paris/FR

Ja, ich hatte auf ein anderes Büro gewettet. Wie in jedem Jahr überlegen sich die KollegInnen, wer aktuell wohl den Pritzker Preis für Architektur erhält. War das in den ersten Jahren noch relativ einfach – internationale Büros so genannter „Star-Architekten“ – hat sich der Fokus der Jury offenbar auf international gut vernetzte jüngere Büros verschoben, die alle immer auch ein wenig den Ruch des Aufmüpfigen, des Revoltierens hatten. Dann wurde das Thema des sozialen Engagements in den Vordergrund geschoben. Man suchte und fand eher Unbekannte, zumindest in Westeuropa Unbekannte. Und nun endlich Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, Gründer des in Paris ansässigen Büros Lacaton & Vassal – die waren meine Favoriten 2018, da gewann allerdings der hochbetagte Balkrishna Doshi. Als 43. Büro erhält das Büro den mit 100 000 US-Dollar dotierten „Pritzker Architecture Prize 2021“.

„Gute Architektur ist offen – offen für das Leben, offen für die Freiheit jedes Einzelnen, wo jeder das tun kann, was er tun muss“, sagt Anne Lacaton. „Architektur sollte nicht demonstrativ oder imposant sein, sie sollte etwas Vertrautes, Nützliches und Schönes sein, mit der Fähigkeit, das Leben, das in ihr stattfinden wird, ganz wie selbstverständlich und mit allem Respekt zu unterstützen.“ So die Mitbegründerin eines Architekturbüros, dessen zahlreiche Projekte wir in dieser Zeitschrift immer wieder veröffentlicht haben.

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal arbeiten mit Respekt gegenüber der Baugeschichte, ein Respekt, der sich nicht vordergründig auf akademische Exkurse in die (antike oder moderne) Baugeschichte gründet, sondern auf das, was andere schon geleistet haben mit ihrem Bauen. Das kann sehr gut sein oder schlicht, hochwertig oder durchschnittliche Allerweltsarchitektur. Niemals würden sie also etwas abreißen, sie haben es auch nicht getan bisher. Umnutzen, Weiternutzen , man möchte schreiben: das Wertzuschätzende deutlich machen. Die Qualität, die alle Räume haben können, den Vermarktungsklischees zu entreißen, das kennzeichnet die Arbeiten und das Denken über Architektur des Pariser Büros seit den 1980er-Jahren. „Lacton Vassal haben“, so die Jury, „nicht nur einen architektonischen Ansatz definiert, der das Erbe der Moderne erneuert, sondern auch eine angepasste Definition des Architektenberufs in die Welt gebracht. Die Hoffnungen und Träume der Moderne, das Leben vieler Menschen zu verbessern, werden durch ihre Arbeit wiederbelebt, eine Arbeit, die auf die klimatischen und ökologischen Anforderungen unserer Zeit reagiert sowie auf soziale Dringlichkeiten, insbesondere im Bereich des städtischen Wohnungsbaus. Sie erreichen dies durch ein starkes Gefühl für Raum und Materialien, das Architektur schafft, die in ihren Formen ebenso stark ist wie in ihren Überzeugungen, in ihrer Ästhetik ebenso transparent ist wie in ihrer Ethik.“

Praktisch setzen die ArchitektInnen das in einer linearen Vergrößerung des Wohnraums um und folgen dabei immer der selbst auferlegten Pflicht, das Neue so kostengünstig wie möglich zu realisieren. Und das ist das Gegenteil von billig! Durch simple Einhüllung des Wohnturms mit Wintergärten und Balkonen schaffen sie Zusatzraum und eine Zonierung, die Energie spart und gleichzeitig Kontakt herstellt zur Umgebung. Das Maison Latapie (Floirac, Frankreich 1993) ist ein erstes Beispiel für diese einfach Raumerweiterungsstrategie, mit welcher eine Art Wintergarten aus einem eher kleinen Haus ein größeres für ein kleines Budget machte. Aber natürlich war das nicht der Umbau eines Wintergartens; die nach Osten ausgerichteten, versenkbaren und transparenten Poly­carbonatplatten sorgen für die einfache (low tec) Klimatisierung und Belichtung des Bestands und vergrößern Wohnzimmer oder Küche um Räume, die zwischen Innen und Außen informelle Raumweite erzeugen.

„In diesem Jahr haben wir mehr denn je das Gefühl, Teil der gesamten Menschheit zu sein. Sei es aus gesundheitlichen, politischen oder sozialen Gründen. Wir brauchen dieses Gefühl der Kollektivität dringend. Wie in jedem vernetzten System müssen wir fair für die nächste Generation, fair gegenüber der Umwelt und fair gegenüber der Menschheit sein“, kommentiert Alejandro Aravena, Vorsitzender der Pritzker Architecture Prize Jury. „Anne Lacaton und Jean-Philippe sind radikal in ihrer Zartheit und mutig in ihrer Subtilität, die einen respektvollen und dennoch unkomplizierten Umgang mit der gebauten Umwelt in Einklang bringt.“

In größerem Maßstab verwandelten Lacaton Vassal zusammen mit Frédéric Druot den Tour Bois-le-Prêtre (Paris, Frankreich 2011, s. Fotos), ein 17-stöckiges Stadthaus mit 96 Wohneinheiten, das ursprünglich in den frühen 1960er-Jahren gebaut wurde. Die ArchitektInnen vergrößerten die Innenfläche jeder Einheit durch Entfernen der ursprünglichen Betonfassade und erweiterten die Grundfläche des Gebäudes um Balkone mit eigenem Mikroklima. Wohnzimmer erweitern sich jetzt als flexibler Räume in neue Terrassen mit großen Fenstern für uneingeschränkten Blick auf die Stadt, wodurch nicht nur die Ästhetik des sozialen Wohnungsbaus, sondern auch die Absicht und die Möglichkeiten solcher Gemeinschaften innerhalb der Stadtgeographie neu interpretiert werden. Das einfache jedoch derart klar umgesetzte Konzept der Erweiterung wurde auch auf die Umgestaltung von drei Gebäuden – bestehend aus 530 Wohnungen – im Grand Parc (Bordeaux, Frankreich 2017) mit Druot und Christophe Hutin angewendet.

Die beiden ArchitektInnen gründeten 1987 ihre Praxis Lacaton & Vassal in Paris und haben über 30 Projekte in ganz Europa und Westafrika abgeschlossen. Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal sind die 49. und 50. PreisträgerInnen des 43. Pritzker-Architekturpreises. Wir gratulieren von Herzen! Be. K.

www.lacatonvassal.com, www.pritzkerprize.com

PritzkerpreisträgerInnen seit 1979

Philip Johnson, Luis Barragán, James Stirling, Kevin Roche, Ieoh Ming Pei, Richard Meier, Hans Hollein, Gottfried Böhm, Kenzo Tange, Gordon Bunshaft, Oscar Niemeyer, Frank Gehry, Aldo Rossi, Robert Venturi, Álvaro Siza Vieira, Fumihiko Maki, Christian de Portzamparc, Tadao Ando, Rafael Moneo, Sverre Fehn, Renzo Piano, Norman Foster, Rem Koolhaas, Herzog & de Meuron, Glenn Murcutt, Jørn Utzon, Zaha Hadid, Thom Mayne, Paulo Mendes da Rocha, Richard Rogers, Jean Nouvel, Peter Zumthor, SANAA, Eduardo Souto de Moura, Wang Shu, Toyo Ito, Shigeru Ban, Frei Otto (posthum), Alejandro Aravena, RCR Arquitectes, Balkrishna Doshi, Arata Isozaki, Grafton Architects und Lacaton & Vassal.

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