Praxis literarisch

Das ungewöhnlich gemachte Buch zerfällt sichtbar in wenigstens zwei Teile: In eine wunderbar literarisch anspruchsvolle Familiengeschichte und in die Darstellung einer Projektgenese, die, wie das ganze Buch auch, ungewöhnlich ist.

Zur Familiengeschichte nur das eine, sie handelt von den Bauherrn und ihrem Herkommen. Die drei Bauherrn – drei Geschwister – hatten vom Vater ein Stück Land geschenkt bekommen, das Land, auf dem sie groß geworden sind. Den Schenkungsakt verstanden sie als eine Aufforderung, Verantwortung zu übernehmen. Für den Ort, für die Nachbarschaft, für die größere Gemeinschaft.

Sie berieten sich mit einem Architekten, erarbeiteten Szenarien für eine Bebauung, lobten einen Wettbewerb aus und begannen mit dem Bau. Der ist nun fertig, seit dem Frühjahr 2018 wohnen 122 Menschen auf dem „Hagmann-Areal“. Wie das Wohnprojekt schließlich entwickelt und realisiert wurde, wer mit wem und was gemacht hat, woher die Energie und das Geld kamen, die Ideen und die Ansprüche an ein gemeinschaftliches Wohnen, das schildert der zweite Teil in Interviews, BewohnerInnenstatements, Fotografie und Grafiken. Dass das Projekt das Glück hatte, ideale Bauherrn zu haben, mindert seine Übertragbarkeit auf andere Projekte in keiner Weise; die „Checkliste für NachahmerInnen“, deren 12 Punkte zwar essentiell, aber zugleich wenig überraschend sind, deutet auf den Anspruch, Vorbildcharakter zu besitzen. Beste Praxisliteratur! Be. K.

Gemeinschaft bauen. Wohnen und Arbeiten auf dem Hagmann-Areal in Winterthur. Hrsg. v. der Familie Hagmann. Park Books, Zürich 2020, 240 S., 72 Farbabb., Planbeilage
34 €, ISBN 978-3-03860-179-1
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