Plädoyer für eine integrale Performance

DBZ Heftpaten Astrid Pieber und Tom Minderhoud, UNStudio, Amsterdam/ NL

„Mit einem Außenbordmotor lässt sich praktisch jedes schwimmende Objekt in ein steuerbares Schiff verwandeln. Ein kleines, konzentriertes Maschinenpaket verwandelt ein undifferenziertes Gebilde in einen Gegenstand mit Funktion und Zweck.“ (Reyner Banham 1967)

Diese Logik auf Architektur übertragen, bedeutet, dass mittels Technik und neuer Technologien jedes Gebäude mehr oder weniger so aufgerüstet werden kann, dass es den Nutzungsanforderungen technisch entspricht. Das beste Beispiel für ein Haus, das wie eine große Maschine gedacht ist, bei dem im Gebäudeinneren alles möglich ist und bei dem die Fassade die gesamte Gebäudetechnik beinhaltet, ist das Centre Pompidou.

Die Kritik der Protagonisten der 1990er-Jahre an dieser, unter Architekten sehr beliebten Auffassung, war, dass dadurch eine Architektur ohne Information, Anpassung und Zusammenhang entsteht. Die Alternative zum Außenbordmotor wäre sozusagen das Segelboot, das so entworfen ist, dass es allein als Ganzes die gestellten Anforderungen erfüllt. Der darin enthaltene integrale Gedanke findet sich möglicherweise im Institute du Monde Arabe, wo die Idee dynamisch steuerbarer Blenden die Aufenthaltsqualität im Gebäudeinneren erhöhen solllte. Die Idee ist gescheitert und wurde nicht in andere Projekte übernommen. Warum eigentlich nicht? Hat die Bauindustrie geschlafen oder die Technik sich nicht weiterentwickelt? Oder haben die Architekten geschlafen und kein Potential für eine umfassende Integration der Technik in den Entwurf gesehen?

Tatsächlich stellt sich die Frage, wie eine energiesparende und nachhaltige Gebäudehülle heute konzipiert werden soll. Wenn wir Reyner Banham’s Analogie auf die Gebäudehülle anwenden, stellen wir uns zwei Fragen: Inwiefern ordnet sich die Gebäudehülle den Ansprüchen entweder der Ästhetik oder der Technik unter? Oder vereint sie eben diese durch eine integrale Planung miteinander? Im Zeitalter des energiesparenden und klimagerechten Planens ist Letzteres immer selbstverständlicher geworden. Die Entwurfsaufgabe ‚Fassade‘ hat über die Jahrzehnte einen anderen Stellenwert bekommen, es ist inzwischen auch eine Aufgabe, die von Architekten, Klimaingenieuren und Fassadenplanern in Zusammenarbeit entwickelt wird und sich daher schon mal zumeist weder ausschließlich der Technik noch der Ästhetik unterwirft. Es ist eine Entwurfs­aufgabe, die zwischen den Ideologien rund um das Gebäude als Maschine und dem adaptiven Gebäude nach der richtigen Balance sucht und dadurch eine Bandbreite an architektonischen Lösungen – von low-tech bis high-tech – hervorbringt. Gerade die Gebäudehülle ist jener Teil eines Hauses, der Gebäude und Umwelt konstant ins Gleichgewicht zueinander bringt. Abhängig von der Orientierung des Gebäudes und der Klimazone, in der ein solches errichtet wird, werden Temperaturschwankungen, Wärmeeintrag, Energiegewinnung, Tageslichtlenkung und vieles mehr durch die Fassade mitbestimmt. Einer der wichtigsten und prinzipiellen Aspekte einer solchen integralen Planung ist der Bezug zur Sonne.

Man könnte glauben, dass die zeitgenössische Architektur unendlich viele ästhetische Lösungen parat hält und sich konstant weiterentwickelt. Durch die Bedeutung einer energetischen Optimierung wird die Gebäudehülle zu dem Element, das innovative Architektur – im Bezug zur Umwelt und innerhalb des Gebäudes selbst – möglich macht.

Vier Projekte mit unterschiedlichen Entwurfsansätzen werden im Folgenden hier im Heft vorgestellt. In besonderer Weise bringen sie Umwelt und Gebäude in Bezug zueinander, sie kombinieren aktive und passive Maßnahmen und sind dadurch Beispiele einer ‚Best Practice‘.

Innerhalb des Spannungsfelds technologischer Integration und ästhetischer Umsetzung navigieren diese Gebäudehüllen zwischen einer Abschattung von der Sonne durch effektiven Sonnenschutz bis hin zur solaren Energiegewinnung durch integrierte PV-Technologie. Der visuelle Effekt bestimmt die Architektur in großem Maße und könnte kaum unterschiedlicher sein. Was den Projekten jedoch gemein ist, ist ihr positiver Ansatz – nämlich die Suche nach neuen Möglichkeiten und Prinzipien einer integralen Planung: eine energetische Fassadenoptimierung, die prägnant ist und der eine projektspezifische Identität eigen ist. Und die nicht zuletzt ein besseres Raumklima schafft.

Trotzdem: Wenn die blau-schwarzen Solaranlagen die Dachlandschaft mitbestimmen, weil sie zum Außenbordmotor unserer Gebäude geworden sind, reicht es nicht, dass solare Dachziegel und die etwas anderen Solarmodule entworfen werden. Es bedarf auch eines Umdenkprozesses von Planern, Bauherren und Konsumenten!

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