Parametrische (T)Raumgestaltung
Architektur von Intensivstationen

Raumwirkung und deren Einfluss auf das physische Befinden sind Stiefkinder der sogenannten „Krankenhausarchitektur“. Die Tatsache, dass wir nicht von „Bauten für die Gesundheit“ reden, spricht Bände. Seit Jahren allerdings stellen Anästhesisten und Sta­tionsärzte empirisch negative Einflüsse steriler und rein funktional ausgestatteter Räumlichkeiten, insbesondere auf Intensivstationen, fest. Mehr und mehr wird deutlich, dass die Wirkung des Raumes durch verschiedene Faktoren ein Gefühl des Ausgeliefert-Seins erzeugt, das Stress auslösen und dadurch starken Einfluss auch auf den körperlichen Heilungsverlauf nehmen kann. Nüchterne und rein funktionale Gestaltung, fehlendes Tageslicht und eine aggressive Akustik erzeugen eine Atmosphäre allgemeiner Nervosität und fehlender Privatsphäre. Solche Phänomene sind Mitverursacher noch viel dramatischerer Effekte, wie dem häufigen Auftreten des „Delir“, welches kognitive Langzeitschäden, Pflegefall- und hohe Rückfallraten nach sich ziehen kann. Hier geht es um das nächtliche Schlafverhalten und die Fähigkeit zur physischen und psychischen Tages-Aktivität.

Trotz dieser medizinischen Erkenntnisse handelt es sich bei der Ausnahmesituation maximaler psychischer Verletzbarkeit um eine weitgehend im architektonischen Diskurs verdrängte Raumerfahrung. Höchste Zeit für die Revision einer Situation, für die als Zielgruppe im Prinzip jeder Mensch in Frage kommt:

Im Rahmen einer 3-jährigen Entwicklungsarbeit hat das Architekturbüro GRAFT in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin zwei Zimmer der Intensivstation 8i des Virchow Campus entworfen. Zu deren Entwicklung wurde das Forschungsprojekt „Parametrische (T)Raumgestaltung“ initiiert, an dem die Firma Art+Com für den Mediencontent verantwortlich zeichnet. Die primär aus der Perspektive der Patienten entwickelten Zimmer wurden im Oktober 2013 fertig gestellt und kurz darauf belegt.

Wie kann in einer Atmosphäre der Dramatik, Nervosität und des Notfalls die Architektur dazu beitragen, dass Wohlbefinden und Genesung der Patienten sich verbessern?

Im Vorfeld der Planungen wurden von den Architekten sämtliche (innen-)architektonischen Faktoren im Dialog mit Ärzten und Pflegekräften auf ihren Einfluss auf Wahrnehmung, Psyche, Wohlbefinden und Heilungsverlauf hin untersucht. Nach einer ersten Phase der Identifizierung aller wesentlichen Einflussparameter auf messbare Zustandsdaten der Patienten, wie Lichtverhältnisse, Akustik, Pflegeabläufe, allgemeine Wahrnehmung des Zimmers, der Präsenz von Geräten und insbesondere der Oberflächen im Blickfeld des Patienten (Decke und gegenüber liegende Wand), wurden diese Zimmer Schritt für Schritt räumlich entwickelt.

Architektur für die Gesundheit

„Parametrische (T)Raumgestaltung“ zielt schon im Titel auf den Wunsch nach positiv besetzter Umgebung, nach gutem Schlaf und dem Gefühl des Aufgehoben-Seins in einer so gut wie möglich geschützten Privatsphäre.

Im Innenraumkonzept sorgen daher unerwartet weiche und fließende Formen sowie die Verwendung von großformatigen Holz­oberflächen und dunklen Fußböden für eine wohnliche und auf Intensivstationen bisher ungekannte Atmosphäre. Indirektes Licht und ein individuell steuerbares Beleuchtungskonzept ermöglichen eine angenehme Behaglichkeit. Besonderes Augenmerk liegt zudem auf dem optischen Verschwinden technischer Geräte und Versorgungsleitun­gen im Hinter-Kopf-Bereich des Patienten. Ein Patienten-Lift erleichtert die Mobilität der Patienten, während individuell nutzbare Möbel und Sichtschutz für die wichtige Privatsphäre sorgen. Ausstattung und Betreuungssituation der Zimmer erinnern trotz „state of the art“-Technologie mehr an ein Hotel als an ein Krankenhaus.

Aus der Patientenperspektive heraus trat schon zu Anfang des Projektes vor allem die Decke über dem Bett in das Blickfeld. Zentrale Komponente des Zimmerkonzepts ist daher ein das Blickfeld über dem Patienten füllender, großformatiger LED-Screen von 2,40 m Breite und bis zu 7 m Länge. Dieser Bildschirm ermöglicht eine Tageslicht unterstützende Beleuchtung und kann dabei helfen, die Wachheit der Patienten zu unterstützen, damit sie im Ergebnis wiederum besser schlafen können. Darüber hinaus erlaubt der Screen das Abspielen beruhigender und sich langsam verändernder Bilder und kann via Tablet interaktiv zur Unterstützung kognitiver und physischer Trainingsprogramme genutzt werden. Im Forschungsprojekt ent­wickelte Szenarien von Wolken und Sonnenlicht bieten nicht nur Beruhigung, sondern auch dringend benötigte Abwechslung.

Die deutlich verbesserte Akustik der ­Räume und die ideal auf Pflegeabläufe abgestimmte Anordnung der technischen Komponenten soll ein für Patienten und Pflege­personal messbar verbessertes Pflegeumfeld schaffen. Störgeräusche durch Geräte und Alarmsignale konnten gedämpft oder in das zentral angeordnete Beobachtungszimmer verlagert werden. Ziel ist die weitgehende Eliminierung von Stressoren aller Art, die den Heilungsprozess negativ beeinflussen.

Das vorliegende, auf alle Wahrnehmungsebenen der Patienten fokussierte und lang­fristig im realen Betrieb nutzbare Pilotprojekt ist in der Intensivmedizin weltweit ohne vergleichbares Beispiel. In einer nun anschließenden Forschungsphase werden die tatsächlichen Effekte auf Wohlbefinden und Heilungsverlauf durch die beteiligten Ärzte evaluiert; dies kann möglicherweise auch zu fortlaufenden Anpassungen des Zimmers führen. Nach mehrjähriger Zusammenarbeit von Ärzten, Pflegepersonal, Klinikleitung, Architekten und technischen Planern sowie der Beteiligung zahlreicher Firmen ist daher eher ein Anfang gemacht, als ein Abschluss erreicht. Dennoch ist das Projekt ein Aufschlag für eine Architektur, die unser konventionelles Verständnis von „Kranken“-Häusern hinter sich lässt und einen Eindruck davon vermittelt, in welche Bereiche ein Bauen für die Gesundheit in Zukunft vordringen muss.

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