Optimale Volumen und reiche Fassaden
ECDM – Emmanuel Combarel Dominique Marrec Architectes, Paris

ECDM umschreiben ihre Architektur als die Materialisierung einer konstanten und tiefgehenden Analyse der Entwicklungen und Mutationen unserer Lebensumgebung und unserer Gesellschaft. Der Reichtum und die Vielfalt ihrer Projekte entstehen durch die Strukturierung ihrer Haltung gegenüber dem Kontext und durch die Hierarchisierung der Problemstellungen, die das Programm und der Ort implizieren. Die Qualitäten des Ortes, die Landschaft, der Gebrauch, der Lebensstil und die Wahl der technischen Lösungen sind hierarchisierende Elemente, die sich im Projekt wiederfinden müssen. Wenn man in der Arbeit von ECDM ein Charakteristikum finden will, dann ist es der wiederkehrende Versuch mit einer simplen, klaren und direkten Architektur vorurteilslos auf aktuelle Themen der Umwelt und Gesellschaft zu reagieren, ohne dabei mit nostalgischen oder stilistischen Elemente zu arbeiten. 

Der Beginn

Um die Ecke des Boulevard Voltaire, im 11. Pariser Arrondissement liegt das Büro der Architekten Emmanuel Combarel und Domi­-nique Marrec in der Passage Turquetil, einer kleinen und ruhigen, mit Kopfsteinpflaster belegten typischen Pariser Gasse, die durch einen schmale Eingang erreichbar ist. Es ist ein vierstöckiges, lilafarbenes Gebäude ohne speziellen Charme, in dessen Innerem sich die weiße Welt der jungen, arbeitsamen und sehr engagierten Mitarbeiter von ECDM auftut.

Emmanuel Combarel und Dominique Mar­rec gewannen 1993 das Albums de la Jeune Architecture, eine Auszeichnung, verbunden mit einer Ausstellung, des französischen Ministeriums für Unterricht und Kultur, für junge Architekten, die einen wesentlichen Beitrag zur Kultur des Landes leisten. Eine ehrenvolle Auszeichnung, die die Arbeit der beiden jungen Architekten honorierte, aber noch keinesfalls ihre Zukunft sicherte. Nach einem schwierigen, arbeitsintensiven Start zwischen der regulären Arbeit in verschiedenen Architekturbüros, der Arbeit an Wettbewerben am Abend und den Wochenenden, gründeten die beiden 1993 ihr eigenes Büro ECDM Architects.

Auf ihr erstes Projekt, dem Bonbon Kiosk – einer Box von gerade einmal 16m², im denkmalgeschützten Park Montsouris im 14. Pariser Arrondissement – schauen sie auch heute noch mit einem gewissen Stolz zurück. Man könnte ihnen unterstellen, dass man bereits an diesem kleinen Projekt die Grundsteine ihrer heutigen Architektursprache, die sie im Laufe der Jahre verfeinert haben, ablesen konnte: die Arbeit mit und an der Fassade, das Arbeiten in komplizierten, städtebaulichen Kontexten, das Optimieren von Oberflächen und das Aufwerten alltäglicher Raumprogramme.

Die Fortsetzung

2003 machen ECDM erneut mit einem Projekt auf sich aufmerksam: dem mit profilierten, goldfarbenen Metallplatten verkleideten Studentenwohnheim in Argenteuil, im Norden von Paris, einem L-förmigen Gebäude mit 164 Studentenwohnungen, mit dem sie für den prestigereichen, französischen Archi­tekturpreis: l’Equerre d’Argent, nominiert wurden.

„Das Studentenwohnheim in Argenteuil war für uns in erster Linie eine Arbeit mit der Wiederholung ein und desselben Elements, seinem Potential und was es produzieren kann, gerade in einem Kontext wie in Frankreich, wo repetitive, rasterartige Fassaden für arme Vorstadtwohnsilos ohne architektonische und funktionelle Qualität stehen“, umschreibt Dominique Marrec die Herausforderung an diesem Programm.

„Studentenwohnungen sind standardisiert und monofunktional, für Bewohner desselben Alters, denselben Ressourcen und einem sehr ähnlichen sozialen und intellektuellen Hintergrund. Ein Programm das schnell zu einer monotonen Fassadengestaltung führen kann.“ Mit diesem Projekt zeigten ECDM wie man die Fatalität der Wiederholung ausschalten kann, indem sie die vorfabrizierten Fassadenteile so anordneten, dass die Trennung zwischen Wand und Decke aufgelöst wurde und das Gebäude Masse bekam.

Durch scheinbar unbedeutende Elemente, wie den Schiebetafeln zum Verdunkeln der etwa 2,50 m hohen und 1,50 m breiten Fenster, auf denen man Notizen machen kann, der Gartengestaltung in Form eines Tetris-Spiels, dem Entwurf von farbenreichen, großzügigen Foyers und nicht zuletzt durch die goldfarbenen Fassadenpaneelen, die ein bisschen chic, aber auch gleichzeitig vulgär sind, versuchten sie dem Gebäude eine persönliche Note zu geben, sodass sich die Bewohner mit ihrem Gebäude identifizieren können.

Den beiden Architekten ist es wichtig, auch einem alltäglichen Raumprogramm mit beschränktem Budget ein wenig Luxus einzuhauchen. Auch beim Studentenheim mit 230 Wohnungen im benachbarten Epinay-surSeine an dessen Wettbewerb sie zeitgleich mit demselben Auftraggeber teilnahmen, versuchten sie den kammartig angeordneten Gebäuden durch noch größere und breitere Fenster, die in der Dicke der Wand verschwin­den und einer vorfabrizierten leicht glänzen­den Fassade eine großzügige Ausstrahlung zu verleihen. Der Luxus besteht in der Größe der Fenster und der farbenprächtigen Freiräume, der guten Ausarbeitung der Fassaden und vorfabrizierten, breiten Balkone, die als zusätzlicher Raum verwendbar sind. Anziehungspunkt ist das hohe, verglaste Gemeinschaftsgebäude, das einen fließenden Übergang vom straßenseitigen Vorgarten in die  dahinterliegenden Gärten schafft.

Die intensive Arbeit mit Sichtverbindungen, der Landschaft und der Volumetrie der Gebäude spiegeln sich in der Folge gerade an den innerstädtischen Projekten in Paris wieder. Besonders auffällig wird das bei ihrem aktuellsten Pariser Projekt, dem RATP Bus­depot und Bürogebäude in Montrouge, auf dessen Dach sich eine Wohn- und Parklandschaft vielfältigster Formen entfaltet.

Bei ihrem ersten sozialen Wohnbau in der Rue Louis Blanc nutzten sie die kleinen Parzellen optimal, indem sie die Wohnungen ineinander verschachtelten. Die Form des Komplexes ergab sich durch die rigorose Umsetzung der erlaubten Grenzabstände, der zulässigen Geschosszahlen und der Baufluchtlinie. Anstatt der ursprünglich geforderten 13 Wohnungen konnten sie so 17 Wohneinheiten realisieren.

Es entstand ein sehr effizientes, im Hinterhof von sieben auf zwei Obergeschosse abgestuftes Gebäude, in dem es keine zwei Woh­nungen mit dem gleichen Grundriss gibt.

Durch das Aufständern des Gebäudes auf V-förmige Stützen und das Freimachen des Erdgeschosses von Wohnungen oder Geschäf­ten schaffen sie es nicht nur die hohen Kosten und die lange Bauzeit für eine Tiefgarage zu sparen, sondern kreieren eine Landschaft und einen für die Pariser Innenstadt sehr teuren Außenraum, in dem die geparkten Autos, Fahrräder, spielende Kinder und selbst noch Bäume nebeneinander Platz haben.

2008 stellen sie fast zeitgleich ein zweites Gebäude mit Sozialwohnungen in der dichten Pariser Innenstadt fertig, in der sie ihr Können im Umgang mit komplexen restriktiven Rahmenbedingungen erneut unter Beweis stellten.

„Je schwieriger die Rahmenbedingun­gen sind, desto interessanter ist die Arbeit und desto reicher kann das Ergebnis sein“, sagt Emmanuel Combarel. „Die Komplexität und Einschränkung bei einer Bauaufgabe stimulieren uns auf der Suche nach Lösungen. Wie auch immer sich die Situation vor Ort präsentiert, unsere Arbeit besteht darin, sie zu verbessern“. Er ist davon überzeugt, dass Architektur das Potential und die Kraft hat bestehende Situationen umzudrehen, oder sie zumindest aufzuwerten. „Der Kontext ist für uns sehr wichtig.“ fügt Dominique Marrec hin­zu, „nicht nur der geografische, architektonische oder topografische, sondern auch der soziale, wirtschaftliche und geschichtliche.“

Die 63 Sozialwohnungen in der Rue de Picpus liegen an der Ecke zwischen der Rue Gossec mit seinen homogenen Haussmann-Fassaden und der heterokliten Gebäude- und Fassadenstruktur der Rue de Picpus. Eine noch chaotischere und undeutlichere Bausituation. „Die Funktion eines Gebäudes besteht nicht unbedingt darin alles zu lösen und zu harmonisieren, sondern vielmehr Paradoxe aufzuzeigen. Paradoxe, die zum Beispiel durch die Herkunft der unterschiedlichen Bewohner gegeben sind,“ meint Dominique Marrec und fügt hinzu, dass: „Eine der wichtigsten Aufgaben der Architekten darin besteht, Diversität zu schaffen und Möglichkeiten zu finden, diese Diversität zu erzeugen, auf dem Niveau der Wohnungsgrößen, der Grundrisse, der Fassaden, der Finanzierbarkeit, der sozialen Unterschiede, etc.“

Neben dem Gefälle der Straße gibt es auch einen Niveauunterschied zwischen dem grünen Innenhof und der Rue de Picpus. Durch das Aufständern der beiden Gebäudeteile schaffen sie eine visuelle Verbindung zwischen der Straße und dem schönen Hinterhof. Die dreieckigen, kaleidoskopartigen Bodenplatten erlauben den Übergang zwischen den unterschiedlichen Terrainniveaus und den ungehinderten Zugang zu den Behindertenwohnungen im querliegenden Erdgeschoss. Diese über den Innenhof zugänglichen Wohnungen besitzen große Raumhöhen, die ihnen großzügige Luft-, Licht- und Raumverhältnisse verschaffen.

Die Gegenwart

Nach zahlreichen Wettbewerben, die ECDM in den abgelaufenen Jahren mitgemacht haben, befinden sie sich heute in der glücklichen Lage, viele der engagierten Projekte zu realisieren. Die Kinderkrippe in der Rue Pierre Budin im 18. Arrondissement in Paris, das Büro- und Wohngebäude Le Monolithe in Lyon, oder das Bürogebäude in der ZAC Claude Bernard wiederum in Paris zeigen genauso wie die Reihenhaussiedlung Chemin de Pouvourville in Toulouse , dass sie nicht nur im städtischen Wohnbau ihre Kenntnis vorzuweisen haben.

Auf die Frage nach der Funktion eines Architekten antwortet Emmanuel Combarel: „Selbst nach all diesen Jahren, bleibt es für mich schwierig den Beruf des Architekten genau zu umschreiben.“ Er weiß auch, dass das größte Dilemma des Architekten darin besteht, nicht alles wissen zu können und dennoch konstant Entscheidungen treffen zu müssen. Eine der bedeutendsten Aufgaben des Architekten besteht darin, den Menschen und dem Auftraggeber zuzuhören und davon die Synthese zu bilden. Hilfreich findet er seine Lehrtätigkeit an der Ecole nationale supérieure d’architecture de Versailles (ENSA-V): Der Unterricht hilft und zwingt den Architek­ten seine Ideen und Positionen zu stärken und zu präzisieren.

Nachhaltigkeitszertifikate

Auch im nachhaltigen Bauen sind sie Vorreiter. Viele ihrer Realisierungen wie das Studentenwohnheim in Epinay-sur-Seine, die Sozialwohnungen in der Rue Louis oder das internationale Ausstellungszentrum Tomi Ungerer in Straßburg besitzen das Haute Qualité Environnementale (HQE) oder das Batiment basse consommation (BBC) Zertifikat.

„Die Forderung nach nachhaltigem Bauen ist ein Werkzeug, das einen Dialog in Gang setzt und die klassische Architekturdiskussionen entspannt. Es arbeitet letztlich in unserem Sinne, weil für die Politiker und Auftraggeber Architektur zugänglicher wird und sie unser Fach zu schätzen lernen, gerade weil die Kriterien für Nachhaltigkeit Teil unseres ganz normalen Alltags sind, ist Emmanuel Combarel überzeugt.“

Die Architektur der beiden zeichnet sich durch Ideenreichtum, gepaart mit Grazie im Sinne von Schönheit und Eleganz aus. Sie selbst umschreiben ihre Projekte als sehr praktisch, immer auf der Suche danach, was am besten passt und am funktionellsten ist. „Jedes Gebäude ist ein Prototyp,“ sagt Dominique Marrec und macht damit unmittelbar deutlich, warum in den Projekten des Büros keine wiederkehrende Handschrift zu lesen ist. „Wir haben weder stilistische noch formale Vorurteile, was dazu führt, dass es in unseren Projekten eine große architektonische Diversität gibt. Jedes Mal beginnen wir ein Projekt von Null. Was gleich bleibt ist die Arbeitsmethode, der Prozess und die Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber und allen Partnern, die an der Realisierung eines Projekts betei­ligt sind. Das ist der rote Faden unserer Arbeit, nicht aber eine vordefinierte Architektursprache.“

Was an all ihren Projekten auffällt, ist die vielfältige Fassadengestaltung im Besonderen an den Wohnbauten. „Mit neuen Wohntypologien kann man aufgrund der restriktiven Bauverordnungen kaum experimentieren,“ betont Dominique Marrec, „weshalb wir den Balkonen, als sehr wichtige Erweiterungen des Wohnraums viel Beachtung schenken. Die Bewohner können sie als Veranda, kleinen Gemüsegarten, oder einfach geöffnet nutzen. Diese Erweiterungen sind für uns ein sehr wichtiges Thema mit einem großen Poten­zial, vor allem in dichten, städtischen Räumen.“

Emmanuel Combarel und Dominique Mar­rec wirken sehr dynamisch, erfrischend und für alle neuen Abenteuer offen. Ihre Arbeit sehen sie als ständige Weiterentwicklung und permanentes Lernen, das in kleinen alltäglichen Schritten und von Projekt zu Projekt erfolgt.

Michael Koller, Den Haag

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