Zentrum für seelische Gesundheit

Normaler leben
Zentrum für seelische Gesundheit, Neuss

Mit dem Zentrum für seelische Gesundheit in Neuss setzen sander.hofrichter architekten neue Maßstäbe. Sie zeigen wie man psychisch Kranken ein Zuhause auf Zeit gibt und Angestellten die Arbeit erleichtert.

Große Lichtrotunden unter der Decke, rote Ohrenbackenbänke – ebenso gut könnte das moderne Entrée ein Hotel sein. Erst wer genauer hinsieht, begreift: Das Sitzbankleder ist aus Stamskin, die

Eichenvertäfelung aus beschichteten HPL-Platten, und was wie Granit wirkt, sind Feinsteinzeugfliesen. Alle hier verwendeten Materialien müssen desinfektionsmittel- und urinbeständig sein, das ist vorrang-iges Auswahlkriterium. Auch das Check-in weicht vom Logierbetrieb ab, durchläuft doch jeder Ankömmling eine Aufnahmeuntersuchung. Dem unbedarften Besucher entgeht die Türe, die zu den parallel zum Foyer verlaufenden Praxiszimmern führt. Und Liegendpatienten werden direkt über die Außenzufahrt zu den Arztzimmern gebracht.

Angehörige warten unterdessen in der rot bestuhlten Wartezone oder der Cafeteria direkt hinterm Rezeptionstrakt. Ihr offenes Sitzplatzarrangement dient Patienten, Besuchern und Angestellten gleichermaßen als Café und Kantine.

Hotelpsychiatrie

Die Foyersituation ist typisch für das Gebäude. Es wirkt wie ein Hotel, funktioniert aber wie eine Psychiatrie. Zwar bedienen die Ludwigshafener Architekten sander.hofrichter die hohen Raumanforderungen, rutschen aber nie ins Krankenhaussterile ab. Dazu tragen wesentlich die kleinteilige Bebauung mit großzügigen Gärten, die lichte Innenraumgestaltung sowie viele durchdachte Detaillösungen bei. Vier Jahre dauerte die Baumaßnahme in dessen Verlauf die neugotische Altbausubstanz der alten Klinik um den 12 000 m2 Neubau erweitert wurde.

Erholung statt Verwahrung

Mit 5 000 m² Nutzfläche auf 30 000 m² Grundstück ist die Klinik groß. Doch das sieht man ihr nicht an. Die zwölf Stationen à 30 (statt der üblichen 24) Betten verteilen sich über vier kammförmig angeordnete Bettenhäuser. Jeder Komplex besitzt drei Stockwerke, doch bedingt durch die Hanglage des Grundstücks geht man vom Foyer aus nie mehr als eine Etage hinauf oder hinunter. Zwischen jedem Gebäude befindet sich für die Patienten ein einseitig offener Gartenhof. In den geschlossenen Stationen parterre dienen begrünte Lichthöfe als jeder Zeit zugänglicher Garten. Neben dem schönen Blick ins Grün sorgen die Einschnitte im 22 m langen Hausgrundriss für eine lichte und transparente Flursituation. Jede Station besteht aus einem Stützpunkt, den Aufenthaltsräumen und den Ein- bis Zweibettzimmern. Neben einem Einbauschrank sind die Zimmer mit Bett, Stuhl, Nacht- und Schreibtisch eingerichtet. Farbige Fensterwände mit passenden Gardinen und Klemmbrettleisten im Stations-CI setzen atmosphärisch Akzente, ohne zu dominieren. Um Frischluft zu gewähren, aber Fluchtgefahr vorzubeugen, besitzt jedes Zimmer zwei Fenster: ein breites festverglastes und ein schmales. Letzteres lässt sich öffnen, bleibt aber durch fixierte Außenlamellen versperrt. Um Monotonie zu vermeiden, sind die Fenster rhythmisch unterschiedlich arrangiert. So entsteht eine kleinteilig ausformulierte Fassade, die an Wohnhäuser erinnert.

Formschön orientieren

Die vier Bettenhäuser sind so farb- wie formschön – nicht zuletzt dank der Mithilfe eines Signaletikers. Um jedem Haus eine eigene Identität zu verleihen und Treppenhausmonotonie abzuschwören, sind Zugänge und Inneres mit je einem Pflanzenmotiv im eigenen Farbton gestaltet: Bambus-Grün, Platane-Orange, Kornblume-Aubergine, Ginkgo-Gelb. Je lichter die Geschosse werden, desto satter sind die Farben. Dank der Wand- und Türgestaltung verliert man nie die Orientierung. Zugleich bannen semitransparente Pflanzenmotive auf Glastüren die Gefahr, dagegen zu laufen. Dies sind nur einige von vielen wirksamen Maßnahmen, Klinikcharakter vorzubeugen.

Mehr Funktion, weniger Formales

Ganz gleich, welche Station – die Material­gestaltung ist einheitlich, aber nie monoton. Neben Farb- und Pflanzenakzenten sorgen helle Eichenverkleidung und beiger PVC in den Krankenkassen- bzw. Industrieparkett in den Privatstationen für Ambiente aus einem Guss. Beim Eintritt durch die Glastür blickt man auf den Stützpunkt mit eigens von sander.hofrichter entworfenen Sitzelementen. Gerahmt mit einem Fries in Holzoptik ent­faltet er Rezeptionscharakter. Dank der geschlossenen Glasfront kann das Personal hier ruhig arbeiten und hat dennoch die

Patienten in Sicht. Um Laufwege zu sparen, verschachtelt jeder Stützpunkt flächen-effizient Stationsverwaltung, Personalraum, Besprechungszimmer, Medikamentenvorbereitung sowie das Kriseninterventionszimmer und ein Wellnessbad. Rechts und links des zentralen Anlaufpunkts befinden sich die Aufenthalts- und Sozialräume. Hinter der Gemeinschaftszone reihen sich die Patientenzimmer zu den Außenwänden hin auf. Damit Wohnlichkeit statt Sterilität dominiert, entwickelten die Architekten gemeinsam mit Bauherren und Belegschaft klinikspezifisches Mobiliar:

– Elegant fügen sich Waschbecken und Dokumentenwagen in die Schrankwände des Stützpunkts ein. Die Edelstahlbecken mit abgestimmten Papierspendern haben hochwertigen Badezimmercharakter; die Wagen sind aus dem gleichen Holz wie die Wand geschreinert.

– Zur leichteren Medikamentenzuordnung sind die Fächer zur Befüllung des Tablettendispensers ausziehbar, die Medizinschränke haben transparente Module, die mit Rollläden zu sichern sind, und bodentiefe Raumverglasung gewährt Sichtkontakt zu den Patienten.

– Damit Alurollwagen nicht den Gang versperren, parken sie in Extranischen der Verteilerküchen. Zwei Schiebetüren in Holzoptik trennen die Küchenzeile vom Essbereich. So kann das Personal ungestört die Essens­ausgabe vorbereiten, ohne dabei die Aufenthaltsqualität zu beeinträchtigen.

Das detaillierte Gesamtkonzept überzeugt funktional wie ästhetisch bis in kleinste Details, brilliert aber auch mit seiner städtebaulich und landschaftsplanerischen Gesamtkomposition. Aus Bauherrensicht gab die filigrane Kapelle den entscheidenden Ausschlag im europäischen Wettbewerb. Die Ludwigshafener integrierten das 50er-Jahre-Bauwerk, dessen Abriss die Mitbewerber vorsahen.

Dazu muss man Folgendes wissen: 2004 fusionierten die beiden psychiatrischen Krankenhäuser St. Josef und St. Alexius zur St. Augustinusklinik. Bis 2012 wurden beide Häuser in einem ergänzenden Neubau zusammengeführt, der nun die einstige St. Josefklinik ergänzt. Für ihn wichen unzeit­gemäße Teile der alten ringförmigen Krankenhaus- und Klosteranlage.

Mit dem Abriss stellten die Architekten die Kapelle frei und integrierten sie im Neubau als Mittelpunkt. Heute setzt die nach dem Krieg wiedererrichtete Kirchenmauer die Foyerwand fort. Einerseits herrscht moderne Formensprache, andererseits kontrastieren Kapellenmauer, der grunderneuerte Innenhof und die durchs Fenster blitzende Altbausubstanz des Verwaltungstraktes.

Ein Kontrast, der sich bereits auf dem gelungen modernen Vorplatz mit rekonstruiertem „Epanchoir“ ankündigt: links neugotische Torbogenromantik, rechts neuzeitliche Transparenz.

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