Noch nie so viel gelernt

In seinen zehn Büchern über die Architektur unternahm einige Jahre vor dem Beginn der christlichen Zeitrechnung Marcus Pollio Vitruvius den Versuch, die (hellenistisch) klassische Architektur seiner Zeit auf einen Nenner zu bringen. Er gliederte das Gebaute in seine Typologien und die konstituierenden Bestandteile. Das ist lange her und wurde in den folgenden Jahrhunderten kaum jemals verworfen, ganz im Gegenteil wurden bestimmte Aspekte aus den zehn Büchern für sämtliche westliche Architekturschulen kanonisiert.

Nun hat Rem Koolhaas ein Team von Studenten der Harvard Graduate School of Design, sein Büro AMO und eine Gruppe von Experten aus Industrie und Forschung auf die Reise geschickt. Sie alle sollten zu den (nach welchen Kriterien genau ist nicht klar) ausgewählten 15 Elementen der Architektur – Boden, Wand, Dach, Fenster, Treppe etc. – Material in Geschichte und Geschichten aus Geschichte und Gegenwart sammeln. Deren aller abschließende Auswahl liegt nun in den genannten 15 Bänden vor, die insgesamt aber auch jeweils einzeln erworben werden können.

Auf zwischen 88 (escalator) und 308 (stair) Seiten bieten die einzelnen kleinformatigen Bände zumeist elementespezifische Rückblicke in deren Geschichte. Hier treten meist Erfinder, Ingenieure aber auch Künstler und ein paar Architekten auf, die für die Treppe beispielsweise richtungsweisende Projekte entwickelt und teils auch realisiert haben. Dicht an dicht gesetzte Fotografien und Diagramme (schwarzweiß mit, je Band, durchgängiger Sonderfarbe, selten farbige Fotos) erlauben ein Durchblättern und Innehalten an interessant erscheinenden Punkten. Aber auch eine kontinuierliche Lektüre ist möglich. Wobei gleich gesagt werden muss, dass wer nicht Adleraugen oder eine geeignete Leselupe besitzt, sich die Feinheiten der Textinformationen nicht oder nur sehr mühselig aneignen kann. Abgesehen von diesem gravierenden Mangel, dessen Vorhandensein eigentlich nicht nachvollziehbar ist, ist die Lektüre erhellend und man möchte sich dem Herausgeber Rem Koolhaas in dessen Auffassung anschließen, dass man noch nicht so viel über Architektur gelernt hat. Und zwar auf eine so leichte wie unterhaltende Art und Weise.

Es fehlt ganz sicher ein alle Bände aufschlüsselndes Register und ganz bestimmt ein Auszug aus der Literatur, die für die Vorbereitung und Durchführung der Sammelreise zielführend war. Dass sich der Blick auf die Fahrtreppen oder Treppen nach der Lektüre verändert, dass kann der Rezensent nur bestätigen. Wie das allerdings im Planeralltag wirksam wird, wird natürlich jeder Einzelne selbst erfahren müssen. Be. K.

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