Haus J in Darmstadt

Natürliche SchönheitEinfamilienhaus J in Darmstadt

Ein kleines Wohnhaus mit großer Raumqualität, kostengünstig, in kurzer Bauzeit aus Holz und Lehm errichtet: Die vorgefertigte, mit Lehm und Faserdämmstoffen aus­gefachte Holzkonstruktion ist komplett rückbau- und recycelbar und hält das Haus im Sommer angenehm kühl. Für die innovative Außenfassade drehten die Archi-tekten Schauer + Volhard den üblichen Wandaufbau um.

Das Bauwesen produziert mehr als 60 Prozent des weltweiten Abfalls und verbraucht die Hälfte aller der Erde entnommenen Rohstoffe. Nur was verbaut wird, schert offenbar kaum jemanden: An vier von fünf Häusern in Deutschland klebt zum Beispiel ein Wärmedämmverbundsystem aus Polystyrol. Über die Vor- und Nachteile wird seit Jahren hitzig debattiert, unumstritten ist: Polystyrol lässt sich nur schwer entsorgen, ein Großteil des Materials wird nicht recycelt, sondern verbrannt. Auch stellt sich die Frage, ob ein erdölbasiertes Dämmsystem angesichts der Verknappung fossiler Brennstoffe noch zeitgemäß ist. Innen sieht es nicht besser aus: Wer einen gerade bezogenen Neubau betritt, dem schlägt oft noch der Geruch von Lösemitteln aus Farben und Anstrichen entgegen. Ökologisches Bauen beginnt bei der Auswahl der Baustoffe. Trotzdem werden landauf landab Häuser mit umwelt- und gesundheitsgefährdenden Baustoffen verkleidet oder gestrichen, eine klobige Solaranlage aufs Dach geschraubt und das Ganze als nachhaltig deklariert. Ökologisch bauen geht anders.

Wie, zeigt dieses kleine Einfamilienhaus in Darmstadt: innerstädtisch, auf kleinem Baugrund und mit ökologischen Materialien errichtet. Trotz eines knappen Budgets – die reinen Baukosten lagen am Ende bei 233 000 Euro netto – und nur sechs Monaten Bauzeit entstand ein natürlich schönes Gebäude mit hohem Wohnkomfort, überraschenden Durch- und Ausblicken, flexibel nutzbaren Räumen und immerhin 120 m² Wohnfläche. Der Neubau für ein
älteres Ehepaar steht auf einem Gartengrundstück an einer ruhigen Anliegerstraße. Das Erdgeschoss mit Eingang, Küche, Wohn- und Essraum, Duschbad und einem kleinen Gästezimmer lässt sich mit Schiebetüren unterteilen oder durchwohnen. Das Obergeschoss beherbergt Bad, Schlaf- und Arbeitszimmer. Ein zentraler zweigeschossiger Luftraum mit Galerie und Panoramafenster verbindet beide Etagen und schafft trotz des kompakten Grundrisses eine erstaunliche Offenheit und Raumqualität.

Mit seinem oxidroten Kalkputz fügt sich das Wohnhaus harmonisch in das städtische Umfeld und den umliegenden Baumbestand ein. Den von einem weiten Dachüberstand geschützten Balkon auf der Gartenseite tragen glattgeschliffene Rundholzpfosten. Die scheinbar spielerisch über die Fassade verteilten Holz-Aluminium-Verbundfenster folgen mit ihren schlanken, nach außen hochklappbaren Profilen den unterschiedlichen Wünschen nach Ausblick, Sonneneinfall und Belichtung. Das schmale Fensterband in der Küche leuchtet die Arbeitszeile mit Südwestsonne aus. Die tief herabgezogenen Fensterbrüstungen im Wohnraum und Schlafzimmer erlauben auch im Sitzen oder Liegen den Blick in den Garten. An den kleinen Ostfenstern der Eingangsseite wurden die Laibungen abgeschrägt, um die Morgensonne besser einzufangen. Selbst die Garderobe bekommt durch ein Innenfenster Licht aus dem benachbarten, hellen Treppenraum.

Viele solch kleiner, praktischer Details verschönern den Alltag der Bewohner. Eine bewegliche Einfriedung aus Holzlatten schirmt den Hof zur Straße hin ab, verdeckt Parkplatz und Mülltonnen. Neben der Haustür lädt eine an der Wand montierte Holzbank zum Sitzen ein. Das Vordach schwebt scheinbar schwerelos über dem Eingang: Es besteht einzig aus einem 2 mm dicken, verzinkten Blech, das über Zugstäbe mit der Fassade verbunden ist. Das Besondere an dem Haus ist, dass es nicht besonders sein will: Es erfüllt präzise die Wünsche seiner Bewohner und strahlt dabei unspektakulär und selbstverständlich Schönheit und Harmonie aus.

Umgedrehter Wandaufbau

Obwohl der Neubau von außen verputzt ist, besteht er fast vollständig aus Holz und Lehm. „Alle reden von Nachhaltigkeit – die Baustoffe Holz und Lehm sind es“, sagt Architekt Franz Volhard vom Büro Schauer + Volhard, das seit mehr als dreißig Jahren Holzbauten entwickelt, die mit Lehm ausgefacht werden. Für den Bau der Außenfassade drehten die Darmstädter Architekten den herkömmlichen Wandaufbau quasi um: „Die schwere, wärmespeichernde Lehmschale kam nach außen und kann – im Gegensatz zu außen hochgedämmten Wandkonstruktionen – direkte und indirekte Sonnenwärme aufnehmen.“ Die Innendämmung ermöglicht im Winter warme Wandoberflächen und eine Absenkung der Raumtemperatur. Im Sommer bleibt das Haus, trotz nur 29 cm Wandstärke, anders als leichte Holzkonstruktionen angenehm kühl – dank 35 t Speichermasse in Innenwänden, Decke und Estrich.

Klug integrierte Haustechnik ergänzt die natürliche Klimatisierung: Ein Schamottspeicher-Grundofen, in dem Stückholz verfeuert wird, erwärmt Wohn- und Essbereich und konvektiv über den Luftraum das ganze Haus. Zusätzlich temperiert eine Fußbodenheizung die Räume.
Statt auf Fundamenten gründet das Gebäude auf einer wärmedämmenden Schüttung aus recyceltem Schaumglasschotter. Einzig die Grundplatte ist als minimierte Stahlbetonplatte ausgeführt. Der Kiesaushub wurde als wassergebundener Belag für Parkplatz und Hof wiederverwertet.

Die vorgefertigten Holzrahmen- und Massivholz-Deckenelemente wurden in wenigen Tagen aufgebaut und mit einem leicht geneigten Dach aus großformatigen Faserzement-Wellplatten gedeckt. Um die Montage zu beschleunigen, kamen die Holzrahmen samt Querstreben und Stützen sowie einseitig mit aussteifenden Gipsfaserplatten beplankt auf der Baustelle an. Die Innenwände fachten die Handwerker mit stranggepressten Lehmsteinen aus, die sie mörtelfrei in die offenen Gefache stapelten und mit Klemmleisten befestigten.


Strohlehm als Außenschale

Für den Bau der 12 cm dicken Lehmaußenschale klammerten die Lehmbauer eine horizontale, außen durchlaufende Lattung auf die Pfosten. Darauf montierten sie von außen eine geschosshohe Arbeitsschalung. Anschließend verfüllten sie die Zwischenräume der Lattung von innen mit Strohleichtlehm und glätteten die Flächen mit einem Holzbrett. Da die Schaltafeln nach dem Auftrag des Lehms sofort in den nächsten Abschnitt versetzt wurden, schafften drei Arbeiter in zwei Wochen 200 m² Wandfläche. Die Trockenzeit ließ sich für haustechnische Installationen und Estricharbeiten nutzen.

Decken- und Dachunterseiten wurden – ebenso wie die Wände – mit Gipsfaserplatten beplankt, Stützen- und Sparrenzwischenräume mit Zellulose ausgeblasen und die Oberflächen gespachtelt. Von außen erhielt die Fassade einen zweilagigen, mit Mineralfarbe gestrichenen Kalkputz.

Verzicht auf Folien und Dichtungsbänder

„Dank des Lehms konnten wir weitgehend auf Kunstharzleim gebundene, Verschnitt intensive Plattenwerkstoffe verzichten“, sagt Franz Volhard. Der kompakte Wandaufbau aus kapillar leitfähigen Stoffen ermöglicht zudem einen robusten Feuchteschutz ohne Luftschichten, Folien und Dichtungsbänder. Auch an den mit Lärchenholzbrettern verkleideten Fensterlaibungen wurden zum Putz hin keine Dichtungen verbaut, hinter denen sich Stoßfeuchte sammeln könnte. Lehm und Kalkputz nehmen die Feuchtigkeit auf und geben sie schnell wieder ab.

Die für das Haus neu entwickelte, mit Lehm und Faserdämmstoffen ausgefachte Holzkonstruktion ist komplett rückbau-, veränder- und reparierbar. Alle Holzverbindungen wurden lösbar verschraubt, die Lehmsteine trocken verbaut. Auch die Beplankungen sind demontierbar. Die meisten Baustoffe können ohne Qualitätseinbußen wiederverwendet werden, Umbauten sind mit einfachem Werkzeug möglich.

Nachhaltig schöne Details

Um die Hüllfläche und das beheizte Volumen zu verringern, minimier­ten die Architekten die Dachneigung auf 12,5 °C – etwas mehr als die Mindestneigung von Welleternit. Ein weiter Dachüberstand schützt die die Fassade allseitig vor der Witterung. Die Sparren laufen über dem Balkon durch und verjüngen sich zum Dachrand von 6 x 22 cm auf schlanke 6 x 8 cm. Die Fußpfette ruht elegant auf mittig eingeschnittenen Rundpfosten. Filigran wirkt auch der Balkon: Schmale Vierkantprofile aus Stahl halten das Geländer aus waagerechten Lärchenholzleisten. Sie wurden mit Gewindestäben in Stützen und Träger gedreht. Alles ist reversibel und einfach austauschbar, der Materialverbrauch auf ein Minimum reduziert. Das Haus beweist bis ins Detail, dass nachhaltiges Bauen zeitlos schön sein kann.

Michael Brüggemann, Mainz

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