Medien, Museen und mehr
Leeser Architecture, New York/USA

Den deutsch-amerikanischen Architekten Thomas Leeser interessiert die Verbindung von neuen Medien und Kunstströmungen mit Architektur und Design. Als Lehrender interessiert ihn „was kommt und was bleibt“. Alles trifft in seinen Arbeiten zusammen.

Thomas Leeser nimmt sich Zeit für unser Gespräch in seinem New Yorker Büro, obwohl er eigentlich schon auf dem Sprung zum Flug­hafen ist. Am Nachmittag wird er nach Moskau fliegen, um dort seinen Entwurf für das Polytechnische Museum in Moskau vorzustellen. Er ist in der engeren Wahl zusammen mit drei anderen internationalen Büros. Dazu zählen die Holländer Neutelings Riedijk, der Japaner Junya Ishigami sowie das russische Team Studio 44 aus St. Petersburg. Auf dem Besprechungstisch liegen die Museumspläne. „Wir haben die Innenhöfe mit einer Glaskonstruktion überdacht, um so neue Räume zu schaffen“, erläutert Leeser das Konzept. „Diese Glaswolke, wie wir sie nennen, schwebt über den Ausstellungszonen in den Innenhöfen und ermöglicht den Museumsbesuchern nicht nur Einblicke ins Museum sondern auch fantastische Ausblicke über die Stadt.“ Um das traditionsreiche Technikmuseum, das in den Jahren 1887 bis 1907 entstanden ist, zukunftweisend zu gestalten, schlägt Thomas Leeser außerdem ein digitales Archiv und eine automatisierte Bibliothek vor. Der Umgang mit neuen Medien zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit. Vielleicht liegt es daran, dass der gebürtige Frankfurter Mitte der 1970er Jahre zunächst Industriedesign und visuelle Kommunikation in Hannover studierte, bevor er zum Architekturstudium an die TH Darmstadt wechselte.

Anfang 2011 ist die Erweiterung des Museum of Moving Image in Astoria im New Yorker Stadtteil Queens fertig geworden. Das Museum wurde vor 30 Jahren in den ehemaligen Paramount Studios eröffnet und zeigt nicht nur historisches Filmequipment sondern widmet sich auch der digitalen Kunst. Dazu hat der Architekt im neuen Anbau einen großen Bereich für Wechselausstellungen geschaffen. „Beim Museum of Moving Image wollte ich Film und Architektur verbinden“, sagt Leeser. „Beide Disziplinen haben vieles gemeinsam, beide schaffen Räume.“ Von außen erinnert der Neubau mit seiner dreieckig gerasterten, blass-blauen Aluminiumfassade an Konstruktionen von Buckminster Fuller. Der Architekt zieht Parallelen zu digitalen Rastern und Raumschiffen.

Der Museumseingang liegt im Altbau und fällt durch große rosafarbene Buchstaben ins Auge. Sie sind auf die Fenster in der historischen Fassade gedruckt. Betritt man das Museum, geht es sofort in eine andere Welt. Alles ist weiß. Der Blick führt durch den ganzen Raum vom Empfangstresen über das Foyer unter der Saalschräge des großen Vorführraums bis in den neuen Gartenhof. Eine Rampe legt sich in den Weg und zieht Besucher magisch an. Sie entpuppt sich beim Nähertreten als knallblau gestrichener Tunnel, der in den großen Filmsaal führt. Ähnlich wie bei der Fassade des Anbaus ist der Saal komplett mit einem Dreiecksraster aus Filz im Yves-Klein-Blau ausgekleidet. Hier wird das Bild vom Raumschiff wahr. „Zur Eröffnung hat man Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ gezeigt. Besser konnte unser Saal nicht in Szene gesetzt werden“, meint der Architekt. „Im Museumsinneren arbeiten wir mit Überlagerungen von Räumen und Inhalten.“ Wandflächen werden überlagert mit Filmprojektionen. Gleich am Eingang bildet eine 15 m lange Wand zusammen mit dem Boden eine Projektionsfläche. Dahinter beginnt die offene Treppe und führt auf die erste Ebene zu einer Sitzlandschaft mit Bänken aus weißem Corian. Quasi als Röhre führt die Treppe weiter nach oben und endet scheinbar in einem schwarzen Loch – auf der Ebene für Wechselausstellungen. Was Leeser besonders wichtig ist: „Dass es sich bei diesem Projekt um ein öffentliches Bauvorhaben handelt. Während Museen in Deutschland meistens öffentliche Bauvorhaben sind, finanzieren fast ausschließlich Privatleute und Stiftungen die amerikanischen Museen.“

Während des Architekturstudiums in Deutschland hatte Leeser 1979 zusammen mit einem Freund am Wettbewerb für die Landeszentralbank Hessen teilgenommen. „Wir haben gewonnen und wurden zur Überarbeitung in die nächste Wettbewerbsphase eingeladen. Vorgabe war aber, mit einem etablierten Architekturbüro zusammenzuarbeiten“, erklärt Thomas Leeser. „Also fragten wir uns, wo die Spezialisten für Bankenarchitektur zu finden seien. Für uns war klar: diese Architekten sind in New York.“

So begaben sich die beiden Studenten in die USA und suchten in New York nach einem Partner. Richard Meier wollte den Wettbewerb nur unter seinem Namen machen. Das wollten die beiden nicht. Schließlich empfahl ihnen John Heijduk das Büro von Todd Williams, der noch keine Bank gebaut aber schon einmal eine Etage in einem Bankgebäude eingerichtet hatte. Die Zusammenarbeit am Wettbewerb war sehr spannend. Dabei empfahl Williams dem Studenten Leeser, sich für einen Studienplatz an der Cooper Union School zu bewerben. Am Ende war der Wettbewerb nicht gewonnen. Dafür hatte Thomas Leeser eine Zulassung für die renommierte Architekturschule in New York. Dort studierte er u. a. bei Peter Eisenman und arbeitete von 1980-1989 in dessen Büro. Zu seinen Projekten bei Eisenman zählen das Haus am Checkpoint Charlie in Berlin, das Wexner Center for Visual Arts und das Columbus Convention Center in Ohio. 1989 machte Thomas Leeser sich selbstständig und führt seitdem das Büro Leeser Architecture.

Parallel lehrte und lehrt er an verschiedenen, namhaften Architekturfakultäten wie der Cooper Union School, dem Pratt Institute in Brooklyn, dem IIT in Chicago, der Columbia University oder der Cornell University in New York. Was ihn an der Lehrtätigkeit interessiere? „What changes and what stays.“ Den großen Unterschied zwischen der deutschen Architekturausbildung und der amerikanischen sieht er darin, dass sich die Deutschen sehr an der technischen Machbarkeit orientieren während die Amerikaner ein Experimentierfeld für Entwurfstheorien schaffen.

Unter seinen Mitarbeitern sind viele junge Architekten. Das Büro liegt in einem der „kreativen“ Stadtteile New Yorks – in einem ehemaligen Lagerhaus am East River im DUMBO (= Down under Manhattan Bridge Overpass) in Brooklyn unweit des neuen Brooklyn Bridge Parks. Die meisten Aufträge Leesers sind Wettbewerbserfolge. International bekannt geworden ist das Büro mit dem Wettbewerbs­gewinn für das Mammoth and Permafrost Museum im sibirischen Yakutsk. Dort sollten Forschungseinrichtungen zur Erforschung der Mammuts in Kombination mit Ausstellungszonen entstehen, die im Dauerfrostklima Sibiriens konstruiert werden mussten. In dieser extremen Situation kreiert Leeser ein Gebäude auf Stelzen. Besucher werden in klimatisierten Röhren durch die aufgeständerten Ausstellungs- und Forschungsbereiche geführt. Ironischerweise ähnelt die Gebäudeform einem überdimensionalen Tier. Dabei passt sich die Hülle mit ihrem schollenartigen Muster der Landschaft an. An ihrer Innenseite sollen geneigte Gärten den Eindruck von der   Tundra-Vegetation vermitteln. 

Wegweisend war der prämierte Beitrag für den geladenen, internationalen Wettbewerb Eyebeam Atelier Museum in Chelsea/New York. Der Stadtteil in Manhattans Westen war jahrzehntelang ein Industriegebiet geprägt von Lagerhäusern und KFZ-Betrieben. Dann siedelten sich viele Künstler und Galerien an. Mittlerweile ist er ein begehrtes Wohngebiet. Leesers Wettbewerbsbeitrag basiert auf der Struktur der Lager und Garagen: „Wir entwickelten ein flexibles, zweigeschossiges Modul, das wir stapelten und ineinander verschachtelten.“ Die einzelnen Module dienen Künstlern und Designern, die mit neuen Medien arbeiten. Aufzüge sind Lastenaufzüge, die Fassaden Schaufenster für digitale Medien, das ganze Museum Instrument für neue Kunstströmungen. Dieser Museumsentwurf stand Pate für den Wettbewerbsbeitrag zur Designschool der Zeche Zollverein in Essen.

2002 erreichte Leeser (als einer von acht Gewinnern der ersten Phase) neben SANAA die zweite Runde und wurde am Ende mit einem von vier dritten Preisen ausgezeich­-net. 2002 entstand auch der Entwurf für das 3 Legged Dog Art & Technology Center (3LDNYC) in Downtown Manhattan. Die Gruppe für Medienkunst und Experimentelles Theater hatte ihre alte Wirkungsstätte bei den Anschlägen auf das World Trade Center im September 2011 verloren und benötigte dringend neue Räumlichkeiten. Das neue 3LDNYC befindet sich nun im Erdgeschoss der Battery Park Parkgarage. Neben einem 200 Sitze fassenden Theaterraum beherbergt es Probenräume, Audio- und Videostudios sowie Ausstellungsflächen. Der Clou ist die lang gestreckte weiße Lobby, die sich wie eine Tunnelröhre durch das Erdgeschoss zieht. Hier können Medieninstallationen ähnlich wie in den Räumen des Museums of Moving Image präsentiert werden. Die Röhre und der verglaste Theaterraum setzen ein Zeichen für das neue 3LDNYC in der eher monotonen Betonfertigteil-Parkhausfassade. Die Kultur­institution war 2006 eine der ersten, die wieder in unmittelbarer Nähe der World Trade Center Site eröffnet hat. Seitdem wird sie besonders von den Anwohnern angenommen. Viele von ihnen sind seit dem Unglück bewusst in diesen Stadtteil gezogen um ihn wiederzubeleben.

Ein halbes Jahr lang weckte 2007 die temporäre Medieninstallation und Ausstellung „Laboral Art Center – Gameworld“ in Gijon/Spanien reges Interesse. In einem alten Werk­stattgebäude platzierte Leeser eine lego-ähnliche Landschaft mit einem flexiblen System aus digitalen „Spielstationen“. Farbe war Programm: digitales Blau für die Landschaft und Spielstationen. Letztere wurden im Laufe der Ausstellung nach und nach von Digital-Blau in leuchtend Rot-Orange umgewandelt. Die Medienausstellung entstand in Zusammenarbeit mit zwei Kuratoren des New Yorker Whitney Museums for Art und der Londoner Tate Gallery, die den Wettbewerbsbeitrag für das Eyebeam-Museum kannten. Das Wechselspiel zwischen Alt und Neu und die Wirkung von Farbe sind auch Themen beim Umbau eines Familienlofts in Soho. In die in Weiß gehaltene Wohnung baute Leeser ein Möbelelement, das eine neue Ebene mit einer Schlafgalerie bildet und die Treppe, den Stauraum sowie Bäder und die Küche darunter vereint. Gestalterisch ragt die Galerie wie eine Flugzeugtragfläche in den Wohnraum.

Thomas Leeser ist in die New Yorker Archi­tektenliste und in die Liste der Architektenkammer Hessen eingetragen. Auch wenn sein Lebensmittelpunkt in den USA liegt, nimmt das Büro auch an deutschen Wettbewerben teil – wie 2008 am Wettbewerb für das Theater in Heidelberg. Dabei stach sein Wettbewerbsbeitrag besonders städtebaulich hervor. Ähnlich wie beim Anbau vom Museum of Moving Image planten die Architekten einen Baukörper mit prägnantem Fassadenraster, das als Medienfassade funktionieren sollte, indem die Fugen unterschiedlich leuchten. Als Kontrast zu der Hightech-Fas­sade, erhält der Theatersaal ein gediegenes Ambiente mit Wandgemälden einer romantischen, typisch deutschen Landschaft – ­etwas Ironie darf sein. Neben dem Theater für Heidelberg entstand im gleichen Jahr ein Wettbewerbsentwurf in den Vereinigten Arabischen Emiraten für ein Luxushotel am Meer –  das Helix Hotel in Abu Dhabi. 208 Zimmer und Suiten liegen an einem spiralförmigen Flur, der sich durch Aufweitungen oder Einengungen verformt. So erhalten die Zimmer individuelle Vorzonen und das Hotel einen wirkungsvollen zentralen Luftraum. Im Erdgeschoss und in der Ebene darüber liegen das Restaurant und die Konferenzbereiche.Ähnlich einer Stadt in der Stadt gibt es Shops, Lounges und Cafés sowie einen luxuriösen Spa mit einem Lauftrack im Freien. Gekrönt wird das Hotel von einer Poollandschaft auf dem Dach. Das Projekt liegt zur Zeit auf Eis. Jedoch brachte sein Konzept Leeser den Auftrag für eine Luxus-Shopping Mall im thailändischen Bangkok, die seit 2011 gebaut wird. In seinem Stadtteil baut der Architekt zur Zeit das denkmalgeschützte Strand-Theater im historischen Brooklyn Academy of Music Cul­tural District  für die gemeinnützige Kultur­institution BRIC um. Außerdem entstehen dort Ausstellungsbereiche und Werkstätten für die Glasmanufaktur Urban Glass. In Manhattan arbeitet das Architektenteam an der Umgestaltung des Paley-Center – einem Pendant des Museums of Moving Image als „Museum für Rundfunk und Fernsehen“.

Und der Entwurf für das Polytechnische Museum in Moskau? Einige Wochen nach unserem Interview erfahre ich, dass der leider nur auf dem zweiten Platz gelandet ist. Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Junya Ishigami hat man sich in der zweiten Runde schließ­lich für den jungen Japaner entschieden.
Susanne Kreykenbohm, Hannover 

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