Maßstäbe setzen

„Nach gut acht Jahren erscheint der lange erwartete sechste Band des Gesamtwerks“, so schreibt der Verlag und lässt dabei offen, was denn vor acht Jahren war (Erscheinungsjahr von Band 4). Lange erwartet war er sicherlich, da sein Erscheinen schon ein paarmal an­gekündigt worden war. Mit Band 4 veränderte sich das Layout, ja das ganze Konzept. Es verschwinden die für die Frühzeit so typisch satten Bleistiftzeichnungen, die Farbfotos rücken ans Ende. In wissenschaftlichen Büchern nennt man diese Farbbildersammlung „Farb­tafeln“. Apropos Wissenschaft: Die unregelmäßige Erscheinungsweise der Bände erklärt der Herausgeber damit, dass es auch bei „wissenschaft-lichen Werkausgaben“ (den catalogues raisonnés?) üblich sei, bei der Erscheinungsweise dem Zugriff auf die Quellen­lage zu folgen und nicht der konsequenten Nummerierung den Vorrang einzuräumen.

Anders geworden ab Band 4 und also auch in dem vorliegenden sechsten Band ist auch die Präsenz der Architekten. Die erzählen jetzt zu fast jedem Projekt eine kleine Geschichte. Vom Erfolg aber auch von den Miss­erfolgen, die nicht selten eine Studie Studie haben bleiben lassen. Geblieben ist natürlich das Format, die schrille Farbgebung der Leineneinbände, das schön schwere, leicht rauhe Werkdruckpapier, die stringente Typografie, die dichte Belegung der Seiten mit Abbildungen aus dem Planungs- und Bauprozess. Unverständlich die Trennung der Zeichnungen von den Projekten, die wie die „Bilder“ weiter hinten in einem eigenen Teil versammelt sind.

Auf jeden Fall verändert hat sich die Nähe des Lesers zum – schreiben wir mal – „Werkstück“, also dem Gebauten. Denn die Auftragslage ist explodiert. So findet man Unbekannte, die teils besser auch unbekannt geblieben wären, oder positiv betrachtet: deren Vorhandensein und Dokumentation die große Maschinerie der Bautenproduktion besser verstehen lässt. Die Arbeiten zeigen, so der Verlag, „die Schweizer Architekten auf der Höhe ihres Könnens“.  Was wir nicht hoffen, denn von der Höhe aus geht es nur hinunter. HdeM setzen Maßstäbe, auch in der Bücherproduktion. Be. K. (Langfassung auf DBZ.de, Suchwort „Buchrezension“)

Herzog & de Meuron 2005-2007. Gesamtwerk Bd. 6, hrsg. v. Gerhard Mack. Birkhäuser, Basel 2017, 304 S., 325 sw- u. 1 000 Farbabb.
124,95 €, ISBN 978-3-0356-1003-1

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