Liebe Leserinnen und Leser,

beim Thema Tragwerk denken wir unweigerlich an das Solide – die tragende und somit dauerhafte Struktur des Gebäudes, die dessen Standfestigkeit über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gewährleistet. Viele dieser Strukturen sind unauffällig, ordnen sich ganz dem architektonischen Entwurf unter und erfüllen ihre tragende Aufgabe im Verborgenen. Andere hingegen treten deutlich hervor und prägen den Entwurf auf spektakuläre Weise – denken Sie nur an all die imposanten Stadien, Hallenkonstruktionen oder Brückenbauwerke. Ähnlich verhält es sich mit dem Material – es kann einfach Mittel zum Zweck und wirtschaftlich optimiert sein, oder sich mit seinen speziellen Eigenschaften ganz bewusst in Szenen setzen. Aus welcher Perspektive man es auch betrachtet – das Tragwerk steht niemals für sich allein, sondern ist stets wesentlicher Bestandteil des architektonischen Ganzen.

Den aktuellen Entwicklungen folgend, kommt jedoch auch ins Thema Tragwerk Bewegung. Der Ansatz des zirkulären Bauens verlangt von den Verantwortlichen nicht nur Überlegungen zur Recyclierbarkeit von Baustoffen, sondern zunehmend auch zu einer späteren Wiederverwendung einzelner Komponenten, wenn nicht ganzer Tragstrukturen. Dazu kommen Aspekte der Materialoptimierung und Ressourcenschonung, welche die Überlegungen für oder wider bestimmte Materialien und Strukturen immer deutlicher beeinflussen. Eine Betrachtung des gesamten Lebenszyklusses, ein kontrollierter Rückbau sowie eine datenbankgestützte Erfassung der Bauteile sind wesentliche Komponenten, die im Entwurf wie in der Tragwerksplanung eine zunehmend größere Rolle spielen werden. Welchen Einfluss die sogenannte Ökobilanzierung auf den digitalen Planungs- und Bauprozess hat, lesen Sie z. B. im Beitrag von Bollinger+Grohmann in unserer Rubrik Digitalisierung (Seite 66).

Der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen TragwerksplanerInnen, ArchitektInnen und weiteren Fachdisziplinen kommt somit eine immer höhere Bedeutung zu. Dies bestätigte auch unser Austausch mit den Heftpartnern dieser Ausgabe, Alexander Hentschel und Oliver Schwenke von TRAGRAUM Ingenieure aus Nürnberg. Gemeinsam haben wir diese Schnittstelle bei verschiedenen Projekten beleuchtet und die Inhalte dieser Ausgabe zusammengestellt. Das Spektrum der ausgewählten Architektur-Projekte ist bewusst heterogen und reicht von der geschickter Raumnutzung beim Neubau einer Schule in München (Seite 24) über das optimale Zusammenspiel von Tragwerk, Gestalt und Funktion bei der VBZ-Busgarage in Zürich (Seite 30) und die spektakuläre Spannweite des Vordachs am TUM-Campus in München (Seite 36) bis hin zur geschickten Weiternutzung bereits vorhandener Tragstrukturen bei der Brücke über die Seine bei Limay/Mantes-la-Jolie (Seite 42). Weiter in die Tiefe geht es in unserem Bautechnikteil mit der skulpturalen Konstruktion der Capricorn-Brücke im Medienhafen Düsseldorf (Seite 48), dem Weiterbauen der Schulanlage Röhrliberg in Cham in der Schweiz (Seite 52) und einer ausgetüftelten Holzkonstruktion für die Ophelis Ausstellungshalle in Bad Schönborn (Seite 56). Wertvolle Tipps zum Thema Tragwerksplanung im Bestand gibt darüber hinaus auch unser Rechtsbeitrag (Seite 68).

Daher, wägen Sie ab, was es zur Optimierung Ihrer Entwürfe wirklich braucht, was Sie vielleicht an Vorhandenem nutzen können oder was in zukünftigen Bauwerken wieder zu Verfügung stehen könnte – im Sinne einer nachhaltigen Architektur UND Tragwerksplanung.

Ihre

 

Katja Reich

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