Lärmbarriere außen, barrierefrei innen
Wohngebiet „Südliche Furth“ in Neuss

Wie ein gallisches Dorf schirmt sich das Wohnquartier Südliche Furth in Neuss gegen Lärmangriffe von außen ab. Ursprung des Lärms sind nicht die Römer, sondern eine ganze Armada von Autos und Güterzügen. Die Architekten Ercan Ag˘irbas¸ und Eckehard Wienstroer haben hier jedoch einen so lebenswerten Ort gebaut, dass das Projekt für den Mipim Award nominiert wurde.

Das Areal Südliche Furth war einst Containergelände der Bahn, bis diese es an die Stadt Neuss verkaufte. Es ist auf den ersten Blick ein unattraktives Gelände, denn östlich grenzt es an eine breite Stadtfurche aus Bahngleisen, auf denen Güterzüge und Regionalbahnen fahren. Dahinter liegt der Neusser Industriehafen. Nördlich des Gebietes überspannt eine mächtige Autobrücke die Gleise. Sie ist nicht nur eine Lärmquelle, sondern bildet unter sich einen unwirtlichen, mit Betonpfeilern bestandenen Ort. Im Süden liegt zwar fußläufig der Hauptbahnhof, doch der Weg dorthin passiert laute Industrieflächen. Dennoch ist das Grundstück für die Stadt von großer Bedeutung, denn es schafft die Möglichkeit, einen baulichen Abschluss für die Wohnquartiere im nördlichen Neuss zu markieren, und damit das Viertel baulich und mit Freiflächen aufzuwerten. Im Jahr 2003 schrieb die Stadt Neuss einen Wettbewerb aus, den das Neusser Büro Ag˘irbas¸ und Wienstroer für sich entscheiden konnte.

In Schichten

Wie ein Zwiebelsystem zonieren die Architekten das Areal, die lärm­unempfindlichen Funktionen legen sie dabei nach außen. Die äußerste Schicht bilden Betontürme mit Müll-, Abstell- und Haustechnikräumen. Dahinter, in einer ersten inneren Schicht, organisieren sie die Erschließung mit Laubengängen. Diese bestehen aus einfachen Stahlregalen, deren äußere Fassade mit Profilitglas verkleidet ist. Überdachte Stege verbinden die Laubengänge mit einem durchlaufenden Gebäuderiegel. Dieser umgrenzt das Areal wie eine Schallschutzwand, so dass das Herz der „Zwiebel“, der Innenhof mit seinen Freiflächen, vom Lärm geschützt bleibt. Die Wohnungen im Riegel zonieren die Architekten ebenfalls nach der Lärmempfindlichkeit der Nutzungen: Küche und Bad liegen zum Laubengang, der Schlafraum hat sein Fenster zum Hof. Die Wohnräume sind durchgesteckt, doch auch sie orientieren sich mit ihren Balkonen zum Innenhof.

In diesem stehen niedrigere Wohngebäude in einer Kammstruktur. Fußläufige Gassen zwischen den Häusern, ein grüner Teich, zwei Plätze und ein Wasserspielplatz erwecken das Idyll eines kleinen Dorfes. Der Kontrast von industriellem Außen und kleinstädtischem Innen könnte kaum größer sein. Eckehard Wienstroer erzählt: „Mich rief einmal der Planungsdezernent an, der den ersten fertig gestellten Teil des Gebäuderiegels von der Autobrücke sah – diese Fassade, die von außen wie ein Parkhaus aussieht – und er fragte mich zweifelnd‚ kann man da denn wirklich wohnen?“ Man kann, und die Architekten betonen den Kontrast sogar mit einem Farbkonzept. Die äußeren Betontürme tragen Farben, die der industriellen Natur entlehnt sind, ab­gemischtes Grün und Rostrot. Die hofseitigen Fassaden dagegen wirken mit klaren Farben, Zitronengelb, Orange und Hellblau. Damit es nicht zu bunt wird, bleiben die Architekten bei Akzenten und halten den Rest der Flächen in Weiß und Grau.


Nachbarschaften fördern

Barrierefrei ist die Südliche Furth in mehrfacher Hinsicht: So abschirmend die Bebauung in Richtung der Bahngleise und Straßen ist, auf der westlichen Grundstücksgrenze, dort, wo die Arbeitersiedlungen aus den zwanziger bis sechziger Jahren den Norden von Neuss formieren, setzt sich der Riegel nicht fort. Stattdessen verknüpft ein gemeinsamer Freiraum beide Viertel. „Wir erweitern die bestehenden Straßenzüge bis in das neue Quartier und geben ihnen hier mit einem Platz, einem Spielplatz und dem Teich einen Endpunkt“, erklärt Ercan Ag˘ir­bas¸. So begegnen sich Alteingesessene und Zugezogene im Hof der Südlichen Furth, auf einem der Plätze, auf dem Kinderspielplatz oder im Stadtteilhaus der Diakonie.

Die Neubauten sind als sozialer Wohnungsbau geplant. Damit die Bewohner umsichtig miteinander und mit dem Gebautem umgehen, waren bestimmte Parameter wichtig: die soziale Durchmischung der Bewohnerstruktur, Raum für Nachbarschaft und gleichzeitig Raum für den Rückzug in die Privatsphäre. Deshalb planten die Architekten unterschiedliche Wohntypologien und Freiraumsituationen. Die Größe der Mietwohnungen reichen von Ein-Zimmer-Studios bis zu Sechs-Zimmer-Maisonettewohnungen. Von den 255 Wohnungen sind nur 35 freifinanziert, bei allen übrigen besteht eine soziale Bindung. Die Gefahr der Stigmatisierung des Wohnviertels sieht Eckehard Wienstroer aber nicht: „Die Bewohner greifen aus unterschiedlichen Gründen auf das Angebot sozialer Wohnungen zurück. Es gibt hier gut verdienende Angestellte mit großen Familien genauso wie Singles mit Transferleistungen. Zusammen ergibt das eine gute Mischung.“ Eine Wertigkeit der unterschiedlichen Wohnungstypen ist von außen nicht lesbar, alle haben einen Balkon und einen eigenen Eingangssteg. Dieser rückt die Wohnungen vom Laubengang ab und schafft einen Sozialabstand zwischen den Nachbarn und dem eigenen Wohnraum, ähnlich wie bei einem Vorgarten. Erdgeschossig sind Bäume gepflanzt, deren Kronen die Lufträume zwischen den Stegen füllen. Es entsteht der Eindruck eines Hofes, mit Gebäude auf der einen, transluzenter Laubengangfassade auf der anderen Seite. „Diesen Raum mit seiner besonderen Atmosphäre allen beteiligten Entscheidern vor Fertigstellung zu erklären, das war nicht einfach. Da war die Skepsis groß“, sagt Ercan Ag˘irbas¸. Die Treppenaufgänge zu den Laubengängen sind teils verglast, teils mit Netzen bespannt, an denen sich noch etwas mühsam Rankpflanzen emporziehen. An einigen Stellen ragen kleine Dachterrassen aus dem Gang vor die Fassade. Hier können sich die Nachbarn zum Plausch treffen, so die Idee der Architekten. Doch die Realität zeigt, es bleiben Barrieren: Keiner der Bewohner eignet sich den halböffentlichen Raum an. Keiner, der seinen Liegestuhl dorthinstellt und gärtnert. Die Idee bleibt Idee und so dienen die kleinen Terrassen als Grünräume.

Generationen verbinden

Die Kinder dagegen nutzen jeden Zentimeter ihres gemeinsamen Frei­raumes, toben auf dem Wasserspielplatz und spielen mit den Wasserläufen, die sich in niedrigen Rinnen durch das Quartier ziehen. Ihr Spielplatz liegt direkt neben dem Pflegehaus für pflegebedürftige und demenzkranke Menschen. Ob störend laut oder angenehm belebend, die Bewertung dieses Nebeneinanders hängt vom jeweiligen Bewohner des Hauses ab. Die meisten der Fenster jedoch sind an sonnigen Tagen geöffnet.

Details ohne Barrieren

Barrieren reduziert die Architektur von Ag˘irbas¸ und Wienstroer auch ganz praktisch. Die Laubengangerschließung ermöglicht einen ebenen Zugang zu allen Wohneinheiten und reduziert den Bedarf an Aufzügen auf ein Minimum. Diese weiteren Erschließungsebenen ziehen sich durch das Viertel und verknüpfen über Stege die Gebäude. Dies bedeutet kurze Wege zum Nachbarn ohne den Umweg über das Erdgeschoss. Den Bodenbelag der Laubengänge und Stege bilden Betonfertigteile, die die Architekten im Detail gesondert planten und dann herstellen ließen. So funktionieren barrierefreie Schwellen und Übergänge sowie der Regenabfluss gleichermaßen. Die Ablaufrinne für das Regenwasser ist direkt in den Beton eingelassen und mit einem schmalen Gitter bündig abgedeckt. Auf gleicher Höhe liegt die Türschwelle, deren Wasserablauf unter dem Blech der Schwelle entlang in dieselbe Ablaufrinne des Betonbodens fließt. „Diese Kon­struktion spart Höhe im Bodenaufbau und ist in allen Übergängen am Eingang und zu den Balkonen gleich ausgeführt“, erklärt Eckehard Wienstroer. Außer bei den Maisonettewohnungen sind die Grundrisse alle barrierefrei mit breiten Fluren, schmalen Fußleisten, niedrigen Schaltern, bodentiefen Fenstern, großzügigen Badezimmern und ebenerdigen Duschen. Das freut auch Familien, die im Flur viel Stauraum und auf den Stegen Platz für den Kinderwagen haben.

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