Kosten, Kampf, guter Industriebau

Dipl.-Ing. Michael Juhr

zum Thema „Industriebau“

Bis in die achtziger Jahre hinein waren Industriebauten der Ausdruck des Selbstverständnisses von Industriellen. Sie bildeten den Stolz derjenigen ab, die ein Produkt entwickelt hatten und dieses nun produzierten. Mit der Qualität der Gebäude, in denen die Produktion erfolgte, wurde allen Beteiligten, nämlich den Kunden, die dieses Produkt kauften, den Lieferanten, die Komponenten für die Herstellung des Produktes bereitstellten, und nicht zuletzt den Arbeitern, die einen Großteil ihres Lebens in eben diesen meist besonderen Produktionsräumen arbeiteten, Respekt entgegengebracht. Das Gebäude war ein Teil der Qualität des Produktes. Das Gebäude stellte, wie das Produkt selbst, einen Wert dar. Das Gebäude signalisierte Sicherheit, Beständigkeit und Identifikation.

Und heute? Die Identifikation findet in aller Regel durch übergeordnete Gebäude eines Konzerns statt, seien es Museen, Autowelten, Verwaltungen oder Besucherzentren. Oder der Bauherr verzichtet völlig auf eine wirkliche Repräsentanz und wird flüchtig im Virtuellen. Doch die gerade genannten Typologien sind natürlich kein Industriebau. So herausragend ein Teil dieser Gebäude auch ist, so wenig haben sie etwas mit Industriebau zu tun.

Was also ist Industriebau heute? Industriebau definiert sich heute ausschließlich über die Aspekte Funktionalität, Termine und (Investitions-) Kosten. All diese sind harte, an der Ökonomie ausgerichtete Faktoren. Untergeordnet spielen die Aspekte Gestaltung und Mitarbeitermotivation als weiche Faktoren eine Rolle. Betriebskosten und Multifunktionalität nehmen eine Zwitterposition ein. Hier wird alles akzeptiert was die Betriebskosten reduziert und die Mehrfachverwendbarkeit erhöht – gerne auch mit der Außenwirkung eines umweltgerechten Unternehmens. Die Investition muss sich in drei Jahren rentieren. Ist das nicht möglich, bleibt es bei den harten Faktoren.

Wie ist es unter diesen Zwängen möglich, guten Industriebau zu schaffen? Hier hilft die Aussage meines verstorbenen Mentors und Lehrers o. Univ.-Prof. em. Architekt Josef Große-Boes weiter: „Architektonisch anspruchsvolle und intelligente Gebäude lassen sich nur mit anspruchsvollen und intelligenten Bauherren realisieren.“ Diese Bauherren gibt es. Was aber ist mit den anderen? Sind diese anderen nicht anspruchsvoll und intelligent? Nein, das ist nicht immer so. Sie unterliegen Zwängen, die sie nicht beeinflussen können. Und hier beantworte ich gerne die selbstaufgeworfene Frage, wie unter diesen Zwängen guter Industriebau machbar ist. Durch exzellente Leistungen des Planungsteams. Es liegt an uns Planern darum zu kämpfen, die Bereiche Ökonomie, Ökologie und soziokulturelle Qualität so miteinander in Harmonie zu bringen, dass die harten Faktoren erfüllt werden und dennoch eine exzellente Industriearchitektur entsteht. Das kostet kein Geld. Das kostet allerdings Engagement, Enthusiasmus und Arbeit auf Seiten der Planer. Bauherren, die ein Projekt mit der Aussage gegenüber ihrem Planungsteam beginnen „kalkulieren Sie einmal die Honorare mit etwa 30 Prozent der HOAI“, gehören zu den Unbelehrbaren. Unter den Industrieauftraggebern stellen sie die Mehrheit dar. Wenden wir uns also denen zu, die Freude an einer anspruchsvollen, werthaltigen Industriearchitektur unter Berücksichtigung der gesamten Lebenszykluskosten eines Gebäudes haben. Und dieser Lebenszyklus endet bekanntlich nicht nach drei Jahren oder einer Vorstandsvertragslaufzeit.

Der Architekt

Dipl.-Ing. Michael C.-F. Juhr, geboren 1956 in Wuppertal, studierte an der Universität Gesamthochschule, Wuppertal, sowie der Polytechnic of Architecture, Leicester. Michael Juhr ist geschäftsführender Gesellschafter des Juhr Architekturbüro für Industriebau- und Gesamtplanung in Wuppertal. Die Arbeitsschwerpunkte des Architekturbüros sind Architekten- und Generalplanerleistungen für Industrie-, Logistik- und Gewerbebauten, Verwaltungsgebäude, Laborgebäude sowie die Einführung von QM-Systemen in Planungsbüros in den Arbeitsbereichen Neubau, Umbau, Sanierung und Modernisierung.

Herr Juhr hält Vorträge und verfasst Veröffentlichungen zu folgenden Themenbereichen: Wirtschaftliches Bauen, Qualitätssicherung von Planung und Ausführung, Entwicklung von Volumenoptimierungsmodellen für Industriegebäude und Entwicklung von dreidimensionalen Grundstücksoptimierungsmodellen für bestehende Betriebstandorte. Er hat einen Lehrauftrag im Fachgebiet Baubetrieb inne. www.juhr.de

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