Klarer Schnitt
Marie Curie Schule, Ronnenberg

Wenn es zu wild wuchert, wird gestutzt. Venneberg & Zech haben der Marie Curie Schule in der Nähe von Hannover ihre klare Struktur wiedergegeben. Inmitten der über mehrere Jahrzehnte entstandenen Gebäude, haben sie einen Neubau errichtet – nahezu ohne provisorische Bauten, dank der guten Zusammenarbeit des Bauherrn, des Nutzers und des GUs im Kosten- und Zeitrahmen.

Es ist die größte Bauaufgabe der Stadt Ronnenberg. Vielleicht auch eine der am längsten andauernden, von 2009 bis 2015. Und dennoch mit wenigen Anpassungen vom ersten Wettbewerbsentwurf bis zum fertigen Gebäude. Das bestätigt nicht nur Ulrich Zech, Partner des

Architekturbüros Venneberg & Zech, sondern auch der Bauherrenvertreter Florian Schwindt von der Stadt Ronnenberg. Gemeinsam mit Dr. Frank Hellberg, Schulleiter der Marie Curie Schule, sind sie sich einig: Der Umbau der kooperativen Gesamtschule in der Nähe Hannovers ist sowohl ein Gewinn für die Stadt als auch und im Besonderen für die 1 400 SchülerInnen und 140 LehrerInnen.

Die Vorplanungen für den europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb begannen 2008. Gemeinsam mit Dr. Frank Hellberg entwickelte Florian Schwindt bereits 2009 ein Raumprogramm für die Sanierung. „Deswegen gab es kaum inhaltliche Diskussion“, sagt Zech über die Zusammenarbeit, nachdem sich die Hannoveraner Architekten 2011 im nichtoffenen Wettbewerb gegen 18 Mitbewerber durchsetzten. Sechs Büros waren bereits gesetzt, unter anderem die späteren Preisträger Venneberg & Zech. Die restlichen zwölf, wie zum Beispiel Schulz & Schulz oder Mosaik Architekten, folgten der Einladung, am Wettbewerb teilzunehmen.

Venneberg & Zech überzeugten mit ihrem Konzept, das Zech „den ganz großen Befreiungsschlag“ nennt. Die sich um einen Innenhof gruppierenden Gebäude aus dem Jahr 1964 sowie deren Flügel im Norden wurden in den 1990er-Jahren sowie in den Jahren 2008 und 2009 um Gebäude im Norden, Süden und Westen erweitert. Dieses sukzessive Weiterbauen war dem Ensemble anzusehen. Den Gebäuden war keine einheitliche Handschrift abzulesen. Außerdem fehlte es der Schule an Räumen, an qualitativ hochwertigen Pausenhöfen und an einem Brandschutzkonzept.

Der Entwurf der Architekten sah vor, das Gebäudeensemble aus drei verschiedenen Jahrzehnten neu zu strukturieren, indem sie den Abbruch der zwei Gebäudeflügel im Norden und Süden vorschlugen und durch einen zentral angeordneten, zweigeschossigen Neubau ersetzen. Der Neubau ist der Dreh- und Angelpunkt der Schule. Als verbindendes Element zwischen dem Neubau und dem Bestand schlugen die Architekten eine Magistrale vor. „Nur dieser Entwurf sah den Neubau mit solch einem kompakten Baukörper an dieser Stelle vor“, sagt Schwindt. Das erstaunt, denn die Position ermöglicht die geforderte Sanierung und die Erweiterung während des Schulbetriebs ohne allzu große Störungen. Hellberg nennt für den nahezu störungsfreien und reibungslosen Ablauf noch einen weiteren Grund: „Zwischen dem Generalunternehmer und uns gab es einen stetigen Austausch – quasi eine ‚kurze Leitung‘ – für Rücksprachen und Fragen.“ Hinzu kam, dass die Abrissarbeiten zum größten Teil in den Sommerferien statt- fanden. Dennoch mussten die SchülerInnen vorübergehend in ein Provisorium ziehen. Die Container boten für ein Jahr neun Klassenräume, sechs weitere stellte eine in der Nachbarschaft liegende Schule.

Clear Cut

Doch bevor die Sanierung des Ostgebäudes, des ersten Bauabschnitts, 2013 beginnen konnte, prüften die Architekten zunächst die Bausubstanz. Die Architekten erkannten, dass die vorhandenen Wand-, Fußboden- und Deckenaufbauten den heutigen Anforderungen nicht mehr genügten, weswegen die Architekten in der Ausschreibung festhielten, dass immer bis auf den Rohbau zurückgebaut werden solle. „Mit dem von uns geforderten ‚Clear Cut‘ haben sich die Nachträge erheblich minimiert“, sagt Zech. Aufgrund des durchnässten Estrichs in der Lehrküche der Schule gab es einen Nachtrag. Und trotz der nachträglichen technischen Anbindung der Lüftungsanlage an den Bestand, hielten die Architekten sowie der Bauherr das Budget. Das ist zum einen Schwindt zu verdanken, der findig genug war, die technische Anbindung separat finanzieren zu lassen. Zum anderen ist sich Zech sicher, dass die Clear-Cut-Methode dazu geführt hat. Zudem „bietet sie Rechtssicherheit für Architekten“, sagt Zech.

Die Chance

Den Mittelpunkt der Schule bildet der Neubau, der die Klassenräume, Differenzierungsräume sowie ein Internetcafé aufnimmt. „Der Abriss der Altbauten wurde so als Chance begriffen, hier grundsätzlich ‚aufzuräumen‘, neue Zusammenhänge zu bilden und Außenräume neu zu interpretieren“, sagt Zech. Der große Pausenhof im Süden ist nun der Haupteingang. Von dort gelangen die SchülerInnen in alle wichtigen Gebäude. Einge­rahmt von dem im Osten liegenden Gebäude, das Werkräume, Lehrküchen und den Freizeitraum fasst und den im Westen liegenden Verwaltungsbau, bestimmt der Neubau mit seiner Ästhetik das Ensemble. Das obere Geschoss des Neubaus scheint auf der Magistrale im Erdgeschoss zu schweben. Der Eingang aus grünem, emaillierten ESG ist eingeschoben. Da sich transparente, bodentiefe Dreifachverglasungen mit grüngefärbten Gläsern abwechseln, entsteht an der vertikal strukturierten Glasfassade ein Farbspiel auf der Magistrale, auf den Fluren im oberen Geschoss und in den Räumen der Verwaltung. Im Erdgeschoss bodentief verglast, wird die Fassade im Obergeschoss durch ein horizontales Fensterband gegliedert. Um den Neubau in den Bestand einzupassen, verzichteten die Architekten im oberen Geschoss auf das vorwiegend im Erdgeschoss eingesetzte, cremeweiße Ver­blendmauerwerk, stattdessen verwendeten sie dort verputztes WDVS.

Gefallen, erhalten

Ein großzügiges Foyer verbindet die um einen mit 8 m hohen Bambus begrünten Innenhof angeordneten Klassenräume mit der Magistrale. Im Innern nehmen die Architekten das Mauerwerk wieder auf. Die Riemchen sind ein wiederholtes Element auf den zwei Geschossen, genauso wie die wiederkehrende Farbe Grün. Als Puffer zwischen dem Innenhof und den Klassenräumen dienen Flure. Auch dort tauchen die grüngefärbten Verglasungen den Flur in ein grünes Lichtspiel. Um das Licht in die Klassenräume zu lenken, ordneten die Architekten Oberlichter zu den Fluren hin. Diese verbinden den Außen- mit dem Innenraum. Der Bodenbelag aus grünem Naturstein ist hauptsächlich in den Bereichen der Magistrale zu finden. Auf den Fluren, in den Klassenzimmern ist ein robustes Material notwendig. Die

Architekten entschieden sich deshalb für grünes Linoleum. Zech spricht gar von einer Leitlinie: „Robuste, hochwertige Materialien erzeugen bei den Nutzern Verantwortung. Was dir gefällt, das erhältst du.“

Im Kontrast dazu stehen die Materialien auf der Terrasse des Innenhofs im oberen Geschoss. Roh und rau: Gebogener Corten-Stahl mit rohem Beton bietet Sitzgelegenheiten im Freien. Sie sind Treffpunkte. Auch entlang der Magistrale finden sich immer wieder Sitzmöbel aus Faserbeton, vereinzelt oder in Gruppen. Die SchülerInnen sollen die Magistrale für unterschiedliche Aktivitäten nutzen, so der Wunsch der Architekten. Gleichzeitig dient sie auch als überdachte Erweiterung des Pausenhofs.

Durch die Sanierung und Neuorganisation des Bestands gewinnen die SchülerInnen neue, differenzierte Außenräume. Der Hauptpausenhof ist eine große Fläche zum Spielen und Toben. Der Pausengarten ist ein ruhiger Aufenthaltsort mit Sitzmöbeln. Zudem haben die Architekten einen Naturgarten mit Biotopen, einen Freizeitgarten als Freizeit- und Erholungsraum sowie zwei Pausenhöfe für Lehrer geplant.

Das kann unübersichtlich wirken, ist es dank eines von den Architekten entworfenen Farbkonzepts aber nicht. Das Farbkonzept gliedert die einzelnen Bereiche der Schule und dient gleichzeitig dem Amok-Schutzsystem. Unterschiedliche Farben ermöglichen den Sicherheitsleuten, im Ernstfall schneller einen Überblick zu bekommen.

Quasi Passivhaus

Über die perforierte Heiz-Kühldecke werden die Klassenräume auf Temperatur gehalten und akustisch optimiert. Heizkörper gibt es im Neubau deshalb überwiegend nicht. Ergänzt wird das passive System durch manuelles Lüften. In jedem Raum sind die Fenster zu öffnen. Sollte ein Fenster geöffnet werden, wird die raumlufttechnische Anlage über einen Fensterkontakt automatisch abgeschaltet und somit Energie für das Umwälzen von Luft gespart. Die Wärmeenergie wird durch Erdsonden gewonnen. Durch die Maßnahmen erreicht die Marie Curie Schule nahezu Passivhausstandard.

Venneberg & Zech haben mit der Neuorganisation der Marie Curie Schule eine klare Mitte geschaffen, die lange Zeit verborgen war. Freigelegt schafft sie Verbindung und fördert Kommunikation – und das nachhaltig. S.C.

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