Industrie spart Energie
Sanierung und Neubau Umicore Hanau

Für das neue Umicore-Werk in Hanau wurde historische Industriearchitektur durch einen modernen Neubau ergänzt. Zeitgemäß ist vor allem das Energiekonzept, das durch die Nutzung von produktionsbedingter Abwärme den CO2 Ausstoß um 70 % reduziert.

In Frankfurt-Hanau produziert der Chemiekonzern Umicore rund ein Drittel aller weltweit hergestellten Autokatalysatoren. Für die Fertigung der Prototypen wurde eine Industriehalle von cyros moser architek­ten aus Frankfurt mit viel Sinn für die Backsteinarchitektur der Gründerjahre saniert. Der neue Erweiterungsbau, der anstelle nicht mehr sanierungsfähiger Industriehallen entstand, schafft Platz für die Verwaltung. Die gemeinsame Erdgeschossebene von Neu- und Altbau teilen sich Forschung, Produktion und Technikzen­trale.

Das Klin­kermauerwerk des Bestandes wurde mit allen seinen Gebrauchsspuren aus über 100 Jahren erhalten. Lediglich die Eingriffe in den Fensterrhythmus wurden korrigiert und in den Originalzustand der Fassade zurückgeführt, dabei wurden die Fenster durch energetisch hoch­wertige Ausführungen ersetzt. Den Übergang zum Klinker­­mauer­werk ergänzten die Architekten durch eine umlaufende Zinkrahmung. Die Gebäudehülle des Bestandes erhielt eine neue Dachdämmung sowie an den Wänden eine Innendämmung und neue Bodenplatten mit unterseitiger Dämmung. Damit wird der Klinkerbau den zeitgemäßen Anforderungen an geringe Transmissionsverluste und CO2 Minimierung gerecht. Die geschlossenen Flächen der Neubaufassade bestehen aus vorbe­witterten, anthrazitfarbenem Zinktafeln, die auch von Umicore hergesetellt werden. Die darunterliegenden Öffnungen bilden ein geome­tri­sches Lamellenraster, indem sich die schmalen und vertikalen Fenster im immer gleichen Rhythmus mit den Wandpfeilern abwechseln. Am Übergang von Bestand zu Neubau markiert das Vordach mit seinem kräftigen Volumen den Haupteingang an der Nordseite und die Waren­anlieferung gegenüber an der Südseite.

Bau und Umbau wurden von Anfang an als GreenBuilding geplant. Bereits ab einer Außentemperatur von 0 °C wird keine gesonderte Heizenergie mehr benötigt. Der Ausstoß von CO2 wird gegenüber herkömmlichen Technologien um 70 % reduziert. Gemäß ihrem Werbeslogan „clean Air is our Business“ wollte die Umicore ein Zeichen für richtige Zukunftsinvestitionen setzen und zeigen, dass sich auch Gebäude für moderne Produktionsanlagen umweltfreundlich und energiesparend betreiben lassen.

Das Konzept sah ein Blockheizkraftwerk und die Nutzung der Hoch­ofenenergie aus der Produktion vor. Für die Beheizung und Kühlung des Gebäudes wird die Prozessabwärme der Produktionsanlagen in den Heiz- und Kühlkreislauf eingespeist. Schon in der Planungsphase wurden daher mit großer Sorgfalt die Anordnung der Produktions- und Forschungsabläufe diskutiert. Anlagekomponenten außerhalb der thermischen Hülle wurden an der rückwärtigen Anlieferungsseite installiert. Um den Kühlbedarf zu mindern, wurden Quellen mit zu großer Abwärme isoliert oder mit einer separaten Absaugung ausgestattet. Andere Geräte mit extrem hoher Lärmbelastung wurden in besonders schallgeschützten Räumen abgesondert.

Im Klimatisierungs- und Lüftungskonzept ergaben sich außerdem erhebliche Energieeinsparmöglichkeiten durch die räumliche Trennung von Bereichen mit unterschiedlichen Luftwechselraten, und überhaupt durch die Minimierung des Raumvolumens von Bereichen mit hohen Luftwechselraten, sowie durch den Einsatz von Wärmerückgewinnung­systemen in den Lüftungsanlagen. Zusätzlich werden die Luftvolumen­ströme außerhalb der Hauptnutzungszeiten abgesenkt.

Die Wärmerück­gewinnung besteht aus zwei miteinander gekoppelten Kreisläufen, die sowohl die Abluft der Räume aus Alt- und Neubau als auch die Prozesswärme der Produktionsöfen zur Erwärmung der Frischluft nutzen. Sie erfolgt durch so genannte rekuperative Systeme, d.h. Plattenwärmetauscher. Denn aufgrund der Wärmeverluste aus dem Produktionsprozess, speziell durch die Wärmeabgabe der Öfen, steht genügend Verlustenergie zur Verfügung, die über die Wärmetauscher an die Raumluft abgegeben wird und den Nachheizbedarf der Raumluft erheblich zurückfährt.

 

 

Beteiligte

Projekt: Technikum und Verwaltungsgebäude
Architekten: cma cyrus I moser I architekten, www.cma-arch.de
Realisierungsmanagement:
cma generalplaner/ dobberstein architekten, www.cma-arch.de/www.dobberstein-architekten.de
Bauherren: Umicore AG & Co.KG

Energieplaner/Fachingenieure

Bauphysik: ITA GmbH, www.ita.de
Haustechnik: ESF Ingenieure, www.esf-ingenieure.de

Energiekonzept

Gebäudehülle: 
U-Wert Außenwand (Stb, Wärmedämmung 16cm, Putz/VM Zinkblech) = 0,23 W/(m²K),
U-Wert Bodenplatte (Stb Platte 20cm, unterseitige Wärmedämmung 10cm,
oberseitig Trittschalldämmung 4cm, schwimmender Industrieboden 14cm,
Epoxibeschichtung) = 0,25 W/(m²K), U-Wert Dach (Stb Decke 18cm,Wärmedämmung 18cm, Wolfin Folie) = 0,19 W/(m²K), Uw-Wert Fenster (Kunststoff) = 1,31 W/(m²K),
Ug-Wert Verglasung = 1,10 W/(m²K)
Luftwechselrate n50 = 4,00 1/h
Luftmenge (Lüftung)= 37500m³/h
Heizlast bei -12°= 320kW
Haustechnik:
Die Wärmerückgewinnung besteht aus zwei gekoppelten Kreisläufen. Zum einen wird die Frischluft über die Abluft der Räume aus Altbau und Neubau und zum anderen aus der Abluft der Produktionsöfen im Altbau erwärmt.

Energiebedarf

Thematisch passende Artikel:

DBZ Talk auf der BAU 2019

Alle Videos finden Sie auf unserem DBZ Youtube-Kanal: https://www.youtube.com/channel/UCJ60AZyuHI1d7zsjfvK-kIg

mehr
Ausgabe 2017-04

Fassadenmaterial Klinker

Das Mehrfamilienwohnhaus Wildbachgut im Zürcher Quartier Seefeld, realisiert von der Moser Wegenstein Architekten AG, orientiert sich an der Baugeschichte des Ortes und interpretiert sie in einer...

mehr

Backstein und Klinker

Wettbewerb für Neubau und Sanierung des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Kiel-Holtenau entschieden

Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung – vertreten durch das Gebäudemanagement Schleswig Holstein – plant den Neubau und die Sanierung des Wasser- und Schifffahrtsamtes...

mehr

Das Metropol Parasol und architektonische Form

ARCH+ features 7 mit Jürgen Mayer H. am 22. Oktober 2011, Berlin

Welche Rolle spielt die architektonische Form für die soziale Interaktion ihrer Benutzer? Was vermag ein Architekturentwurf städtebaulich zu leisten? Darüber diskutiert die ARCH+-Redaktion mit...

mehr
Ausgabe 2011-12

Sonnen- und Sichtschutz zugleich

Titanzink von ist ein langlebiger und sehr widerstandfähiger Werkstoff – ressourcenschonend produziert, zu 100 % recycelbar und zugleich wirtschaftlich und wartungsfreundlich. Perforierte Elemente...

mehr