Ich habe auch Glück gehabt
Im Gespräch mit Oberbaudirektor Jörn Walter, Hamburg

Nach zweimal neun Jahren Amtszeit will er nicht mehr verlängern: Der Oberbaudirektor Hamburgs, Jörn Walter, will neue Wege beschreiten. Um auf neue Ideen zu kommen beispielsweise. Im „Geschäft Stadtplanung“ wird er bleiben, das kann man zwischen den Zeilen lesen, die das nachfolgende Gespräch mit ihm wiedergeben. Und gut gelaunt war er auch, trotz aller Wehmut, die ihn in diesen Wochen immer wieder einmal überkommt. Wer ihn beerbt, wird es nicht leicht haben, aber – wie Jörn Walter selbst sagt – er oder sie sollte neue, ganz eigene Impulse setzen.

Herr Walter, Ende und Neuanfang: Wie fühlt sich das an?

Das fühlt sich gut an. Klar, es gibt diese Augenblicke, in denen mich die Wehmut ergreift, aber ich bin schon optimistisch gestimmt mit der Aussicht, nach dieser langen Zeit noch einmal etwas Neues anfangen zu können

Wehmut? Was stimmt Sie wehmütig?

Na ja, es gibt ja viele schöne Aufgaben, die mit dieser Tätigkeit verbunden sind. Es gibt Projekte, die noch laufen und die ich gerne noch fertig sehen würde, es gibt noch Dinge, die kommen und auch sehr spannend sind. Das macht dann manchmal wehmütig, weil ich hier nicht mehr mit dabei bin.

Ein Beispiel?

Zum Beispiel die Wasserhäuser im Baakenhafen, die hätte ich gerne fertig gesehen. Auch hier in direkter Nachbarschaft haben ein paar Projekte angefangen, die ich als Oberbaudirektor nicht mehr fertig erleben werde. Oder die größeren Siedlungen, von denen einige fast abgeschlossen sind. Aber die Dinge gehen weiter und irgendwann muss man loslassen. Ich mache das eben jetzt.

Was kommt danach? Werden wir Sie erleben, wie Sie dem Luxus frönen, endlich wieder Zeit für eigene Dinge zu haben?

Ich empfinde das schon als sehr angenehm, wieder mehr Zeit als jetzt für mich zu haben. Ganz sicher werde ich mich mehr auf ehrenamtliches Arbeiten konzentrieren und auf die Lehre, die ich aus Zeitgründen in den letzten Jahren ziemlich vernachlässigt habe. Hin und wieder ein Preisgericht oder andere Dinge in anderen Städten. Vielleicht komme ich auch noch auf ganz neue Ideen.

Was könnte das sein?

Nun bin ich ja extrem mit Hamburg verbunden, aber in anderen Städten gibt es eben auch interessante Aufgaben. Ob und was das im Einzelnen wird, werde ich sehen und gehe da erst einmal mit einer gewissen Gelassenheit in diese Zeit.

Wie wird man denn Oberbaudirektor? Vor 18 Jahren anders als heute?

Nein, das Verfahren ist ziemlich ähnlich geblieben hier in Hamburg. Es gibt eine Findungskommission und danach müssen die unterschiedlichen politischen Gremien zustimmen. Dass man das Verfahren fachorientiert durchführt, sehe ich sehr positiv. Schon aus diesem Grund bin ich optimistisch, dass Hamburg eine gute Nachfolgerin oder einen guten Nachfolger für mich finden wird.

Das war jetzt sehr allgemein. Wie sind Sie, Jörn Walter, auf diesen Posten gekommen?

Bevor ich nach Hamburg kam, war ich Planungsamtsleiter in Dresden. Da hat man mich in den Neunzigern angesprochen, ob ich mir den Posten in Hamburg vorstellen könnte. Ich habe mich dann nach kurzer Abwägung hier beworben und hatte Glück! Denn schließlich ist Hamburg eine der schönsten Millionenstädte dieser Welt. Und dann gab es eine fantastische Aufgabe wie die HafenCity. Mehr kann man sich als Planer wohl nicht wünschen! Deswegen war es für mich auch sehr leicht zu sagen: Ja, das mache ich!

Aber was macht ein Oberbaudirektor konkret und was anderes, als ein Bausenator oder Baudezernent einer anderen Großstadt?

Die Konstruktion hier ist möglicherweise nur mit Berlin vergleichbar, da wir auch ein Stadtstaat sind. Aber sie unterscheidet sich, weil der Oberbaudirektor als oberster technischer Beamter nicht Teil der politischen Führung ist, sondern die oberste Koordinierungsstelle in der Verwaltung für den gesamten bautechnischen Bereich. Das führt dazu, dass diese Position deutlich fachorientierter gesehen wird als in anderen Städten.

Meine erste große Aufgabe war die HafenCity, aber dann kamen schnell andere Themen dazu, die ich selber wichtig fand. Als promminentestes Projekt ist sicherlich der „Sprung über die Elbe“ zu nennen. Da musste ich schauen, wie ich das auf den Boden bekomme, damals mit der IBA Hamburg, der Gartenschau und so weiter.

Daneben gibt es ständig neue Themen, mit denen eine Stadt konfrontiert ist. Als ich hier anfing, hatte Hamburg eine stagnierende Phase. Das hat sich fundamental geändert, gerade in den letzten Jahren. Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum verlangen nach neuen Flächen, nach neuem Wohnraum. Wir mussten die Infrastruktur erneuern, den öffentlichen Raum und damit die Stadt attraktiver machen. Und die Kernaufgabe: immer auf guten Städteumbau und gute Architektur achten, durch ein funktionierendes Wettbewerbswesen, aber auch durch direkte Einflussnahme. Dabei ergibt sich Manches erst aus dem großen Prozess. Prominentes Beispiel ist hier die Elbphilharmonie, die sicher nicht gekommen wäre, hätte die Stadt nicht diese Aufbruchstimmung gehabt. Da habe ich, das kann ich offen sagen, auch Glück gehabt.

Ein Oberbaudirektor kann doch machen was er will. Oder etwa nicht?

Das ist ein fundamentaler Irrtum, den ich bei dieser Gelegenheit gerne aufkläre. Nein, ein Oberbaudirektor ist eher ein General ohne Armee. Natürlich mache ich nichts alleine, ich habe viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meiner Behörde. Aber unsere Struktur ist sehr dezentral organisiert, wir haben starke Bezirke und starke Fachbehörden, wir unterliegen einem großen Einfluss seitens der Politik und – deutlich zunehmend – der Zivilgesellschaft, aber auch einer sich modifizierenden Immobilienbranche. Für alle Projekte brauchen wir breite Mehrheiten auf der regionalen und auf der gesamtstädtischen Ebene. Und am Ende brauchen wir Akteure, die das Ganze umsetzen. Das alles zu organisieren kann mühsam sein.

Gab es in den 18 Jahren den Moment, wo Sie alles hinschmeißen wollten?

Nein, so einen Moment gab es nicht. Es gab natürlich auch Rückschläge, Projekte wurden nicht realisiert, weil es wirtschaftlich kriselte. Oder die wunderbare, aber eben auch sehr teuer gewordene Elbphilharmonie, der das Science Center von Rem Koolhass zum Opfer gefallen ist. Und nicht zuletzt: Ich bin auch Realist!

Hatten Sie einen kreativen Think Tank an Ihrer Seite? Ein festes Beratergremium?

Da gab es nichts Institutionalisiertes. Ich habe solche Gespräche immer punktuell mit Leuten geführt, die ganz konkret einen Beitrag zur jeweiligen Aufgabe leisten konnten. Insofern waren das immer wechselnde Gruppen von unterschiedlich langer Lebensdauer, je nach Projektgröße.

Was sollte Ihre Nachfolgerin/Ihr Nachfolger können?

Also da habe ich kein konkretes Bild vor Augen. Die Rolle des Oberbaudirektors ist ja auch historisch betrachtet von ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten ausgefüllt worden. Natürlich habe ich ganz subjektive Vorstellungen davon, wie es in Hamburg weitergehen sollte und so hoffe ich, dass es jemand wird, der oder die ein paar Grundgedanken weiterführt. Aber trotzdem glaube ich, dass nach so langen Zeiträumen neue Impulse gebraucht werden. Auf jeden Fall hoffe ich auf Offenheit und die Bereitschaft in der Kommission, sich möglicherweise auf jemand ganz Anderen einzulassen.

Gute Nerven, ein breites Kreuz?

Ja, das alles auch. Man muss mit großen Apparaten umgehen können, mit der Vielzahl der Akteure. Vor allem aber weiß ich, dass es wichtig ist, eine eigene Vision zu haben. Es gibt in der Planerwelt vielfach die Auffassung, dass ein Oberbaudirektor oder Stadtbaurat nur noch ein besserer Moderator sei. Das glaube ich definitiv nicht! In dieser Position ist es sehr wichtig, eine eigene Meinung zu haben und bereit zu sein, diese auch zu vertreten. Vielleicht gewinnt man nicht immer, aber unterm Strich kann man damit sehr viel erreichen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Vielstimmigkeit endloser Akteure und Meinungen auch ein paar dabei sein müssen, die sagen, das könnte eine gute Lösung sein, die verfolgen wir jetzt einfach mal eine Zeit. Das wird auch von der Zivilgesellschaft gewollt und erwartet.

Werden Sie sich weiter in Hamburger Stadtplanungsbelange einmischen?

Ich hoffe, dass ich die Kraft zum Schweigen habe!

Was wünschen Sie Hamburg?

Ich wünsche der Stadt, dass sie das Spezifische, nämlich so dicht am und mit dem Wasser zu leben, pflegt und weiterentwickelt, den Hafen als gestaltprägenden Wirtschaftsstandort nicht aus den Augen verliert und natürlich, dass sie die Einzigartigkeit dieses homogenen Stadtbildes einer Millionenstadt lebendig erhält.

Mit Prof. Jörn Walter unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 10. Mai 2017 in dessen Büro, 12. Etage der BSW (Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen in HamburgWilhelmsburg)

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