In den Hang gebaut 

Hotel Gfell, Völs am Schlern/IT

Die Südtiroler Küche hat einiges zu bieten. Ob süß oder herzhaft, jede Region hat ihre lokalen Spezialitäten, die mit viel Liebe zubereitet werden. So auch im Restaurant Schönblick, einem seit 1967 geführten Familienbetrieb in Völser Aicha, am Fuße des Naturparks Schlern-Rosengarten. Abseits der Touris-tenpfade am Ende der Straße gelegen, ist es der perfekte Ort der Einkehr für Wanderer, die die unberührte Südtiroler Natur schätzen. Man kann es als eine mutige Entscheidung der Familie Mair ansehen, das bestehende traditionelle Restaurant durch ein Hotel mit 17 Zimmern und einem Wellnessbereich zu erweitern.

In die Landschaft integriert

Der Clou: Vom Hotel ist erstmal nichts zu sehen. Denn anstatt ein weiteres Gebäude neben das Restaurant zu setzen, entschieden sich die ArchitektInnen von noa* network of architecture dazu, dem Geländeverlauf zu folgen und die Zimmer in den Hang zu integrieren. Am Übergang der Bergbauernhöfe zu den bewaldeten Berghängen ist ein sensibler Umgang mit der Landschaft wichtig. Eine Herausforderung, die auch der Architekt Andreas Profanter schätzt: „Wir fragen uns, wie zwischen der Natur und der Architektur bestmögliche Synergien entstehen und keine omnipräsente Gestaltung der Landschaft die Show stiehlt.“ Das Konzept sah vor, dass der Gast von jedem Zimmer einen unverbauten Blick in die Landschaft hat und der Restaurantgast auf der Terrasse im Gegenzug keinen Einblick in den Hotelbetrieb bekommt. Aus diesem Grund verteilt sich das Bauvolumen auf zwei Ebenen im Hang, deren unterirdische Konstruktion und Verbindung mit dem Bestand minimale Auswirkungen auf die Umgebung haben. Aus der Not wurde sogar eine Tugend gemacht und der Aushub dazu verwendet, das Terrain im Geländeverlauf weiter zu modellieren.

Raumkonzept

Der bestehende historische Stadl wurde elementarer Teil des neuen Ensembles, architektonisch und aus Sicht der Nachhaltigkeit eine effektive Lösung. In Kleinarbeit wurde die Fassade restauriert und der Bestand ertüchtigt, um das traditionelle Aussehen zu bewahren. Zur Talseite öffnet sich Letzterer mit einer großen Fensterfront, die zugleich einen Übergang zur nicht öffentlichen Terrasse und der Natur markiert. Je nach Tageszeit und Anforderung fungiert der lichtdurchflutete Raum als Rezeption, Frühstücksraum oder Aufenthaltsbereich. Die Anmutung der lokalen Holzbautradition harmoniert mit ihrer modernen Interpretation in Form der Feuerstelle, der Möbel, Textilien und der Beleuchtung.

Über eine Treppe werden die 17 Zimmer in den beiden unteren Etagen erschlossen. Inspiriert von der Schönheit der Bergwelt, steht die Natur in der Gestaltung der Zimmer erneut Pate. Hinter einer Holzvertäfelung im Eingangsbereich verstecken sich die Schränke und Ablageflächen, die der Gast für den durchschnittlich eine Woche dauernden Aufenthalt benötigt. Durch die Positionierung des Bettes öffnet sich bereits beim Aufwachen der traumhafte Blick in die Natur. Soweit der Blick reicht, sieht man nur Kiefernwälder, Weiden und Berge. Dies macht ein 4,80 m breites, bodentiefes Panoramafenster möglich. Ein eigenes Loungesofa und das offene Bad komplettieren den privaten Raum. Die vor Einblicken geschützte private Terrasse erweitert den Innenraum nach außen. Auf der Ebene -2 führt der Holzbelag sogar direkt zur angrenzenden Bergwiese.↓

Gestaltung und Material

Die Gestaltung der Innenräume setzt die konzeptionelle Leitidee der Architektur fort und wurde bis ins kleinste Detail durchdacht. Natürliche Materialien und Stoffe wurden ausgewählt, die eine gemütliche, aber nicht altbackene Atmosphäre schaffen. Für die Möbel – Schränke, Bänke, Betten, Tische und Stühle – und den Bodenbelag fiel die Wahl auf Eichenholz, zum Teil in dunklen Nuancen. Die gewählten Textilien ergänzen das Holz durch ihre natürliche Textur und Farbtöne. Rohfasern wie Leinen und Baumwolle, aber auch Filz kommen zum Einsatz. Als wiederkehrendes Element zieht sich das stilisierte Motiv einer Blume als roter Faden durch die Gestaltung – von eigens entwickelten Ornamenten auf Oberflächen zur Orientierung bis hin zu Accessoires wie den Zimmerkarten. Der Wellnessbereich auf der Etage -1 greift die Farb- und Materialsprache der Zimmer auf. Neben der finnischen Sauna und der Bio-Sauna können die Gäste in sechs Ruhenischen, die vollständig mit Holz ausgekleidet sind, entspannen. Die Planungen für einen Pool sind bereits abgeschlossen und werden im nächs­ten Bauabschnitt realisiert. Auch in puncto Haustechnik wurde auf Nachhaltigkeit geachtet. So werden die Heizung und Warmwasseraufbereitung über einen CO2-neutralen Pelletofen betrieben und eine moderne Dämmung gewährleistet einen hohen Temperaturkomfort.

Der Mut der Bauherren zahlt sich aus. Alt und Neu verbinden sich zu einer Einheit, die dasteht, als ob es niemals anders gewesen wäre. Das ist auch der Verdienst der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen am Projekt Beteiligten – von den Planern bis zu den ausführenden Gewerken. In der Hotellerie geht es immer darum, ein Erlebnis für den Gast zu schaffen. Auch wenn man viel in der Welt gesehen hat, ist der Erfolg eines Projekts stets von den Gegebenheiten vor Ort abhängig. Die Suche nach dem Unverwechselbaren, dem Alleinstellungsmerkmal, ist Teil des Konzepts. Umso wichtiger ist es, das Vorhandene zu würdigen und das Neue nicht zu historisieren. Das ist im Hotel Gfell eindrucksvoll gelungen. Der Stadl hat eine neue Bestimmung bekommen, er wird von den Gästen als authentisch und damit nachhaltig zeitlos empfunden. Wer hier herfindet, wird mit Ruhe und der stets wechselnden Schönheit der Bergwelt belohnt. Dass der aus dem Südtiroler Dialekt stammende Begriff „Gfell“ für die höchstgelegene Wiese eines Hofes nun Namensgeber für das Hotel ist, das ist das i-Tüpfelchen!

Eva Herrmann, München

Projektdaten

Objekt: Hotel Gfell

Standort: Gfellweg 22, Völs am Schlern/IT

Bauherr: Schönblick KG des Mair Andreas

Architektur/Innenarchitektur: noa* network of architecture, Bozen/IT, www.noa.network

Fertigstellung: Juli 2020

Anzahl der Zimmer: 17

Preis pro Übernachtung: ca. 224 €

www.gfell.it

Hersteller

Fassade: Schweigkofler Srl., www.schweigkofler.it, Zimmerei Antholzer KG, www.zimmerei-antholzer.com

Fenster: Südtirol Fenster GmbH, www.suedtirol-fenster.com

Aufzug: Kone GmbH, www.kone.de

Sauna: devine wellness-anlagenbau gmbh, www.devine.at

Textilien: Hotex Textil GmbH, www.hotex.de

Sanitärobjekte: Sanikal, www.sanikal.com

Waschbecken: Flaminia Keramik, www.franck-co.de

Armaturen: Gessi s.p.a, www.gessi.com

Von Wiesen und Wäldern umgeben, wird das neue Gebäude zur Brücke zwischen zwei Welten, bei der die Architektur eine Symbiose zwischen Natur und Gebautem, zwischen Heute und Gestern, ­ermöglicht.«
noa* network of architecture
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