Oder kann das weg?

Gewerbe- und ­Kulturhaus Elys, Basel/CH

Spricht man in der Schweiz über Kreislaufwirtschaft, fällt unweigerlich der Name des Baubüros in situ. Und nahezu jede mit dem Thema auch nur vage vertraute Fachperson kennt das eine Bild dazu: eine Fassade mit einer Vielzahl unterschiedlicher Fenstertypen in einer Holzrahmenkonstruktion, das im Herbst 2020 fertiggestellte Kultur- und Gewerbehaus Elys in Basel. Der Umbau vom Lager- zum Kulturhaus wurde teilweise mit gebrauchten Bauteilen realisiert.

Die ArchitektInnen von in situ fühlen sich dem Bestand verpflichtet. Die Werkliste des Büros umfasst daher keine prestige­trächtigen Hochglanzprojekte, dafür aber etliche Arealentwicklungen, die immer in enger Zusammenarbeit mit den zukünftigen NutzerInnen stattfinden und oft ein langjähriges Engagement beinhalten.

Beim Kultur- und Gewerbehaus Elys in Basel war genau dieses minimalinvasive Vorgehen gefragt. Der Bau von 1982 ist Teil der städtebaulichen Entwicklung des Lysbüchel-Areals an der Grenze zu Frankreich. 2017 verlegte die Supermarktkette coop ihr dortiges Verteilzentrum an zwei neue Standorte. Gleichzeitig laufen aktuell einige Miet- und Baurechtsverträge mit den Schweizerischen Bundesbahnen SBB aus, was dem notorisch von Wohnungsnot betroffenen Stadtkanton die Möglichkeit gibt, das gesamte 11,6 ha große Gebiet zu einem Wohnquartier für bis zu 2 000 EinwohnerInnen zu transformieren.

Einer der ersten Bausteine ist das Elys, das dem ehemaligen Verteilzentrum neues Leben einhauchen soll. Der dreigeschossige, 88 m breite und ursprünglich 90 m lange sowie aus denkmalpflegerischer Sicht nicht erhaltenswerte Zweckbau beherbergt jetzt Ateliers, zwei Turnhallen für die benachbarte Grundschule, eine Boulderhalle, Musikproberäume und Veranstaltungsräume. Auch ein Restaurant und ein Club sind ge­plant. Der Umbau beschränkte sich aus finanziellen sowie aus Nachhaltigkeitsgründen auf einen begrenzten Rückbau und die ­Instandsetzung der Gebäudehülle.

Mehr Licht und ein Gesicht

An der Südostseite schloss der Bestand nahtlos an ein weiteres Lagergebäude an. Um eine attraktive Erschließung zu ermöglichen, ließen die PlanerInnen den Bau hier um zwei Stützenfelder zurückbauen. Für diese Seite galt es, eine neue Fassade zu kreieren, die gestalterisch auf den Bestand Bezug nimmt und gleichzeitig das Gesicht des Baus ist, befindet sich hier doch der Hauptzugang. Außerdem schuf man einen Innenhof, um Tageslicht in das tiefe Gebäude zu bringen. Auch hier brauchte es neue Fassaden, die analog zur neuen Südostseite gestaltet wurden. Steht man heute vor dem Bau, liegt die Idee, dafür gebrauchtes Baumaterial zu verwenden, auf der Hand: In allen angrenzenden Baufeldern geht der Abbruch des Bestands munter vonstatten, auch Gebäude, deren Bausubstanz noch einige Generationen überdauert hätte, verschwinden zugunsten von Neubauten. Doch Oliver Seidel, Projektleiter bei in situ betont: „Obwohl wir bereits bei verschiedenen Projekten mit gebrauchten Bauteilen gearbeitet hatten, war ein Umbau in dieser Größenordnung auch für uns neu.“

Urbane Mine

Entsprechend war das Vorgehen ein Sich-Herantasten, viele Entscheidungen wurden spontan auf der Baustelle getroffen. Es begann mit den Fenstern: Die Architekten fragten Schweizer Produzenten im Umkreis von 100 km nach Lagerfenstern, weiter sollte der Radius aus ökologischen Gründen nicht sein. So kamen 200 Fenster zusammen, die sonst wegen Falsch- oder Überbestellungen entsorgt worden wären – unterschiedlich in Form, Grösse und Material, aber alle neuwertig und dreifach verglast. Mit Transport und Lagerung lag der Durchschnittspreis bei 290 CHF, also um einiges günstiger als bei einem neuen Produkt.

Um diesem Sammelsurium ganz wörtlich einen Rahmen zu bieten, bot sich eine Holzkonstruktion an. Dafür konnte unter anderem Holz aus einem Abbruchobjekt ganz in der Nähe des Grundstücks verwendet werden. Die zuständige Holzbaufirma demontierte das Holz möglichst großformatig, entfernte alle Fremdkörper und ließ es zu Lamellen sägen, die wiederum zu Rahmenholz verleimt und zu Holzrahmenelementen verarbeitet wurden. Die Breite eines einzelnen Elements von 2,85 m ergab sich aus dem Gebäuderaster und der maximal transportierbaren Größe, die Länge von bis zu 9 m gab der Bestand vor. Durch das Aufbereiten ging allerdings einiges an Material verloren, letztlich stammen nur 40 % vom Rückbau. Der Rest ist neues Holz aus der Schweiz.

Die Fenster verteilte man aufgrund der Anforderungen des Raumprogramms in den einzelnen Holzrahmenelementen, das Verhältnis von offener zu geschlossener Fassade liegt bei 50 %. Die Zwischenräume wurden mit 30 cm Steinwolle gefüllt – ebenfalls gebraucht. Dafür organisierten die „Bauteiljäger“ von in situ Restmaterial von verschiedener Baustellen. Normalerweise gehen diese Reste zurück an den Hersteller, der sie mit hohem Energieverbrauch einschmilzt und in die Produktion zurückführt. Vier LKW-Ladungen Dämmung wurden so verbaut, ergänzt um Steinwollgranulat, das die Hohlräume auffüllt. Um Setzungen zu verhindern, bauten die Zimmerleute mit Holzstegen Schotten in die Elemente ein.

Da die Dämmreste aus unterschiedlichen Quellen stammen, weisen sie auch variierende Eigenschaften auf. Jedes einzelne Stück auf seine Wärmeleitfähigkeit zu überprüfen, wäre zu aufwendig geworden, daher setzte man pauschal den niedrigsten Wert an, was eine 20 % größere Wanddicke zur Folge hatte. Zusammen mit der Beplankung, einer 6 cm starken, WDVS-tauglichen Holzfaserplatte außen sowie 2 cm Zementfaserplatten innen kommen die Elemente so auf einen gerechneten U-Wert von 0,14 W/m2K. Bei den Beplankungen und der ebenfalls eingesetzten Dampfsperre handelt es sich um neue Produkte. Letztes Puzzleteil im Fassadenaufbau sind die markanten Trapezbleche in Grün und Beige, die dem Bau sein heutiges Gesicht geben und gleichzeitig auf die Vergangenheit verweisen. Die schmalen vertikalen Elemente ziehen sich über die gesamte Fassadenhöhe und bringen Ruhe in das durch die von den Versprüngen der Fenster geprägte Bild. Auch die Bleche haben eine Vergangenheit: Teilweise stammen sie aus dem Bestand, teilweise aus einem 50 m entfernten Getränkelager, das aktuell zu einem Wohnhaus umgebaut wird.  

Das Modell als Trumpf

Das Elys ist in der Schweiz ein Pionierprojekt des zirkulären Bauens. Die Initiative dafür ging von in situ aus. Aber wie konnten die ArchitektInnen die traditionell eher zurückhaltenden Behördenvertreter davon überzeugen, sich auf das Experiment einzulassen? Ein wichtiger Baustein dafür war ein Mock-up-Modell, das die Holzbaufirma vor dem Baustart anfertigte. Es zeigte, dass die unterschiedlichen Baumaterialien zu einem stimmigen und funktionalen Element zusammengefügt werden können. Gemäss dem verantwortlichen Holzbau-Meister Hans Emmenegger keine Selbstverständlichkeit: „Um die verschiedenen Bauweisen der Fenster auffangen zu können, mussten wir Details entwickeln, die es ermöglichten, ganz unterschiedliche Rahmendetails einzubauen.“ Das galt auch für die Auflagerpunkte der Holzrahmenelemente an der Südostfassade. Hier gab es nach dem Rückbau über die gesamte Länge eine Maßabweichung von bis zu 5 cm, die die neue Fassade ausgleichen musste. Die Holzelemente wurden dafür mittels L-Stahlprofilen dicht aneinander vor die Betonaußenwänden aufgehängt und miteinander verschraubt.

Auch als es um die Dämmung ging, half das Mock-up: Um ­Informationen zum möglichen Setzungsverhalten zu bekommen, führten die Holzbauer am damals schon einige Monate stehenden Modell eine Sondierung mittels Kernbohrung durch. Ergebnis: keine Hohlräume.

Und die Bilanz? Lohnt sich das Bauen mit gebrauchten Bauteilen? Hans Emmenegger beantwortet die Frage differenziert: „Ja und Nein. Während sich zum Beispiel der Holzrahmenbau durch das aufbereitete Material nicht von einer regulären Konstruktion unterschied, erforderte der Einsatz der kleinen, unregelmässigen Dämmteile eine hohe Flexibilität. Dieser Baustoff wird ja sonst auch wieder rezykliert, es ist also die Frage, ob der Aufwand gerechtfertigt ist.“

Umgekehrte Vorzeichen

Offenheit und Flexibilität sind Themen, die sich bis in den Betrieb hineinziehen. Denn die NutzerInnen konnten den Bau noch gar nicht auf Herz und Nieren prüfen. Wegen der Pandemie ist er weitgehend geschlossen. Doch vielleicht inspiriert er dereinst die NutzerInnen, wie er das bei den Planern tat: Denn hier bestimmte nicht der Entwurf den Bau, sondern der Bau den Entwurf – in jeder Hinsicht.

⇥Tina Cieslik, Düdingen/CH

Baudaten

Objekt: Gewerbe- und Kulturhaus ELYS

Standort: Elsässerstrasse 215, CH-4056 Basel

Typologie: Umnutzung Industriebau

Bauherr: Immobilien Basel-Stadt

Nutzer: Diverse, unter anderem Erziehungsdepartement Basel-Stadt und ELYS Boulderloft

Architekt: Baubüro in situ, Basel/ CH, www.insitu.ch

Mitarbeiter (Team): Oliver Seidel, Marco Sirna, André Santos, Kerstin Müller, Ria Saxer, Martin Isler, Claudia Schulz

Bauleitung: Chris Ruegg, Norbert Gerigk, Martin Isler

Bauzeit: Dezember 2016 – September 2020

Fachplaner                             

Tragwerksplaner: Jauslin Stebler AG, Basel/CH,

www.jauslinstebler.ch

Fassadentechniker: Husner Holzbau AG, Frick/CH,

www.husner.ch

Generalplaner: Eric Honegger, Baubüro in situ, Basel/ CH, www.insitu.ch

Energieplaner: Plattner Engineering GmbH, Bubendorf/CH (PV-Anlage), www.plattner-engineering.ch

Energieberater: Gartenmann Engineering AG,

Basel/CH, www.gae.ch

Brandschutzplaner: Peter Deubelbeiss AG, Ruedi Mohler, Obermumpf/CH, www.pd.ag

Elektroplaner: HKG Engineering AG, Pratteln/CH,

www.hkg.ch

HLKS-Planer: RMB Engineering, Basel/CH, www.rmb.ch

                                              

Projektdaten                           

Grundstücksgröße: 34 314 m²                               

Grundflächenzahl: 34 314 m²

Geschossflächenzahl: 35 156 m²

Nutzfläche gesamt 35 156 m²

Nutzfläche: 23 666 m²

Technikfläche: 5 245 m²

Verkehrsfläche: 6 245 m²

Brutto-Grundfläche: 9 412 m²

Baukosten (nach SN 506 500)

BKP 1 Vorbereitungen und Abbrüche: ca. 686 002 €

BKP 2 Bau ohne Honorare: ca. 9,65 Mio. €

BKP 4 Umgebung: ca. 163 200 €

BKP 29 +5 Honorare und Baunebenkosten:

ca. 3 Mio. €

Gesamt brutto: ca. 13,5 Mio. €

Energiebedarf

Primärenergiebedarf:

Nach SIA 380/1:2009, Umbau: Qh = 188,8 MJ/m2

U-Wert Flachdach = 0,17 W/m2K

U-Wert Fassade Re-Use = 0,15 W/m2K

U-Wert Außenwand = 0,17 W/m2K

U-Wert Boden gegen außen = 0,15 W/m2K

Hersteller

Dachdämmung:  EPS-Dämmplatten Sika Schweiz AG, che.sika.com

Dichtung: Sarnafil von Sika Schweiz AG

Fenster: Ausschussfenster diverser Fensterfirmen

Fassadenbekleidung: vorhandene Alu-Bleche

Fassadendämmung: Upcycling; restliche Dämmung von Flumroc, www.flumroc.ch oder Steico,

www.steico.com

Dieses ungewöhnliche Projekt beweist, dass zirkuläres Bauen keine Floskel bleiben muss. Durch Wieder- und Weiterverwendung von „2. Wahl“-Bauelementen entsteht überraschend Neues. Durch Vielfalt und sensible Differenzierung im Vorgehen gelingt den ArchitektInnen eine mondrianeske Fassade.«⇥

⇥DBZ Heftpartner Christian Olaf Schmidt und

⇥Markus Plöcker, Schmidtploecker Architekten

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