Genug anzusehen

Draußen an Philip Johnsons Museumsbau in Bielefeld hängt eine Replika des „Ballon für zwei“ von Haus-Rucker-Co, eine transparente Blase, Analogie auf den Uterus, ein Verweis auf – von heute aus gesehen – fremde Zeiten. Body Extensions und Mind Expander, Pneumatische Gebilde, mobile Informationsapparate, ja sogar „Herzräume“ (Coop Himmelblau, zuletzt zu sehen auf der Architekturbiennale in Venedig) waren die Erfindungen von Architekten, die wohl alle am Stillstand in der Architektur litten und der SF-Euphorie in jedem Federstrich, in jedem Text, in jedem Modell huldigten. Damals schaute die ganze Welt auf die Raketenstarts, erste Versuche des Menschen, den Planeten Erde und damit auch die alles fesselnden Gewissheiten abzuschütteln.

„1968. Die Große Unschuld“ heißt die noch bis Anfang August laufende Ausstellung, und der dazu erschienene Katalog liegt jetzt vor. In 20 Kapiteln werden die Themen der Ausstellung auf 576 Seiten gut lesbar aufgearbeitet, darunter auch die oben beschriebenen Archi­tekten(gruppen, -bewegungen). Dass Haus Rucker und alle Gleichgesinnten am Anfang des bilderreichen und ungewöhnlich anspruchvoll gestalteten Kataloges stehen, könnte man als Hinweis darauf deuten, dass die Architekten tatsächlich diejenigen waren, die sowohl die künstlerrischen Entwicklungen inspirierten wie auch die politisch sozialen Veränderungen am stärksten katalysierten. In dem auch für den Laien sehr gut lesbaren und in seinem weiten Überblick über diese so hochspannen­de wie wirkungsvolle Zeit einmaligen Katalog analysieren zahlreiche Experten einen Zeitschnitt, in welchem es – abseits der Revolten und des globalen politischen Auf­ruhrs – eher um einen emanzipatorischen Impuls ging; welcher in Joseph Beuys seinen Höhepunkt fand. Mit Chronik und Namensregister.

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