Gegen den Zwang das Harmonische in der Anpassung
Ein Gespräch mit Thomas Müller und Ivan Reimann, Müller Reimann
Architekten, Berlin

In Bielefeld haben Müller Reimann Architekten, Berlin, einen Fünfziger-Jahre-Verwaltungsbau zu einem „Dienstleistungszentrum“ umgebaut und deutlich erweitert. Dabei haben sie Alt und Neu so miteinander verwoben, dass man zweimal hinsehen muss, um Bestand und Erweiterung als solche auszumachen. Mit den Architekten Thomas Müller und Ivan Reimann sprachen wir über das lückenlose Weiterbauen, über den Zwang zur Kenntlichmachung des Neuen und die Chancen, die darin liegen können, Geschichte Geschichte sein zu lassen. Aber ganz ohne Anpassungen/Korrekturen geht es auch bei den Berlinern nicht.

Sind Sie mit allem zufrieden?

Ivan Reimann: Am Wichtigsten ist es, dass es uns gelungen ist, trotz des vielleicht auch berechtigt knappen Budgets unsere architektonischen Konzeptionen auf allen Ebenen und sogar in Detailbereichen gegenüber dem Wettbewerbsbeitrag aufzuwerten. So beispielsweise mit der riesigen Wendeltreppe, die aus dem alten Gebäude jetzt quasi mitten in die neue, zentrale Halle gestellt wurde. Wir haben damit einen spektakulären Raum geschaffen, der dem Ganzen ein Stück Identität verleiht.

Thomas Müller: Ja, durchaus. Das Projekt in Bielefeld wurde im geplanten Budget- und Zeitrahmen erledigt, was der Bielefelder Bürgermeister in seiner Eröffnungsrede in Kontrastierung zur allgemeinen Berliner Situation zum Anlass nahm, hierauf deutlich zu verweisen.

„Erledigt“? Hat es denn auch Spaß gemacht?

TM: Dann haben Sie mich komplett missverstanden. Das wäre genau das Gegenteil davon, wie wir arbeiten. Wir beschäftigen uns über die gesamte Projektdauer sehr intensiv mit allen Dingen, und selbst, wenn es vermeindlich dann fertig sein sollte, sind wir darüber hinaus immer damit beschäftigt, es zu perfektionieren.

Wie kann ich mir das vorstellen? Mit Hochglanzlack?

TM: Da kann ich vielleicht nur ganz pragmatisch und allgemein antworten. Ein Projekt kann ja nur so gut werden, wie es von Anfang an gedacht und entsprechend geplant wurde. In Bielefeld könnte man aber z. B. die technischen Dachaufbauten noch einhausen … Das ist bis jetzt aus Budgetgründen nicht geschehen.

Wegen möglicher indiskreter Blicke aufs Dach vom nahen Teutoburger Wald?

TM: Nicht nur das. Der für die Zeit typische Rücksprung des Dachgeschosses mit umlaufender Terrasse bietet Zugang zu verschiedenen Dachflächen, die zur Zeit allerdings noch nicht eine Begehung erlauben. Man hätte von hier aus aber grandiose Blicke auf die Stadt.

Da höre ich heraus, dass Sie die Stadt Bielefeld schon kannten?

IR: Wir waren beide mehrfach in der Stadt aus verschiedenen Anlässen. Andere Wettbewerbe, Vorträge usw. Die Stadt kennen wir wohl, wie wir viele andere Städte auch kennen.

TM: Na, bei mir war es wohl mehr. Der Wettbewerbsgewinn mit anschließender Realisierung war mir persönlich eine besondere Freude und ein persönliches Anliegen, die Vorfahren meiner Familie stammen aus Bielefeld, dem Lipper Land.

Hatten Sie damit den großen Hut bei diesem Projekt auf?

TM: Nein gar nicht, aber …

IR: Doch! Das kann man wohl sagen.

TM: Vielleicht schon, ich wollte dem Projekt sicherlich auf einer bestimmten Ebene etwas Emotionales mitgeben und gewährleisten, dass es auch etwas wird an dieser Stelle in der Stadt.

IR: Hier gab es diese emotionale Komponente, aber das ist immer so, dass sich nur einer von uns um ein Projekt kümmert, schon aus ganz pragmatischen Gründen. Ich war stark in den Wettbewerb involviert und Thomas in die Realisierung. Das hätte auch anders sein können.

Was ist der zentrale Punkt in diesem Projekt?

IR: Ausgehend vom Altbau haben wir versucht, ein Gesamtkonzept zu schaffen und dabei auf die übliche, fast schon klischeehafte Gegen­überstellung von Alt und Neu zu verzichten. Wir wollten ein neues Ganzes schaffen, einen neuen Ort, den es vorher nicht gegeben hat. Das ist zum einen der zentrale Innenraum, das sind aber auch die drei offenen Höfe, die eine neue städtebauliche Situation schaffen.

Wie erkennt man den Neubau, oder soll man das gar nicht?

TM: Dem Fachmann wird das Neue sofort auffallen über die Formensprache, die Bautechnologie, die Materialien etc. Für den nicht ganz so im Betrachten Trainierten wird sich der Bau, und das empfinde ich als schön und wichtig, als harmonisches Ganzes darstellen.

IR: Wir haben einen Widerwillen gegen das klischeehafte Trennen von Alt und Neu, das sich permanent gegenübersteht. Das hat einmal damit zu tun, dass wir historische Gebäude in der Zeit belassen möchten, in der sie entstanden sind. Zum anderen sind wir der Überzeugung, dass es heutzutage überall so viele Brüche gibt, dass es nicht die Aufgabe der Architekten sein kann, neue Brüche zu erzeugen und diese Brüche auch noch zu zelebrieren. Wir wollen eher heilen, besser noch: versöhnen.

Haben Sie ein Faible für die Fünfziger? Wo steht das Bielefelder Projekt in der Reihe Ihrer anderen Arbeiten?

TM: Wir sind ein Büro, das sich sowohl mit Neubauten wie auch mit historischen Häusern beschäftigt. Überspitzt kann man sagen, dass das normalerweise zwei Sensibilitäten sind, die sich nicht ausschließen, aber gerne getrennt werden. In unseren Projekten macht es uns Spaß, nicht nur Neubauten zu entwerfen, nicht nur historische Gebäude umzubauen, sondern beides miteinander zu verbinden. Auf die Fünfziger Jahre bezogen sehe ich in unserem Büro in den letzten Jahren eine spannende Entwicklung. Die Bauten der Fünfziger und Sechziger haben jetzt einen Status erreicht, in welchem sie wertgeschätzt werden, aber sie bedürfen der Pflege, der Überarbeitung.

Und ganz sicher sind diese Bauten auch eine gefährdete Spezies …

IR: Vielleicht liegt das auch daran, dass nicht wenige davon bautechnisch falsch gemacht wurden und deshalb schon in schlechtem Zustand sind. Aber ich wollte noch etwas anderes sagen. Wir beschäftigen uns schon länger mit dem Aspekt des Weiterbauens. Egal was wir heute anfassen, es ist eine Art von Weiterbauen am Bestehenden.

Stichwort Weiterbauen: Was haben Sie mit der Treppe gemacht?

TM: Im Wesentlichen wurde die wunderbare Treppe zwar als Neubau doch in ihrer Form und an gleicher Stelle beibehalten. Höher ist sie um das Zugangsgeschoss des jetzt abgesenkten Haupteingangs.

IR: Die Treppe lag ursprünglich direkt vor einer Wand, ein klassisches Fünfziger Jahre Treppenhaus. Wir haben die Treppe als Zentrum in dem zentralen Erschließungsraum der jetzt mehrflügligen Anlage neu definiert … obwohl immer noch an gleicher Stelle!

„Dienstleistungszentrum“ steht auf dem Etikett, wie konnten Sie das Dienen in der Fortschreibung der Fünfziger artikulieren?

TM: Wir haben den Riegel entlang der August-Bebel-Straße um die zusätzlichen drei Flügel erweitert. Dieses Volumen haben wir über ein Atrium zugänglich gemacht, das den Besucher einlädt.

IR: Es ist weniger eine Frage der Architektur, ob hier jemand als Kunde oder als Bittsteller empfangen wird. Vielmehr ist es eine Frage des Umgangs miteinander, der in dem Gebäude gepflegt wird. Das ist aus meiner Sicht nicht etwas, was der Architekt steuern muss.

Wie haben Sie das große Volumen in den Kontext eingepasst?

TM: Wir haben drei Höfe ausgebildet, haben Fassadenfluchten angepasst und uns an den bestehenden Straßenräumen orientiert.

IR: Die Architektur der Fünfziger Jahre hat sich meines Erachtens zu wenig um den Städtebau gekümmert. Unsere selbstgestellte Aufgabe war es also, den Neubau in die Stadt zu integrieren. Sprünge in der Fassadenflucht Neu zu Alt ergeben sich aus dem Bestand, Rücksprünge aus Abstandsflächen … Das war im Wettbewerb noch nicht so deutlich, aber jetzt bin ich glücklich, dass das so geworden ist.

Hat Sie, als Sie im fertigen Bau standen, etwas überrascht?

TM: Die Wirkung der Dachflächen vor dem Dachgeschoss, das, was wir aus dem Altbauriegel in die Erweiterung überführt haben. Von hieraus die Stadt zu überblicken … ja, das ist schon beeindruckend.

IR: Mich überzeugt, dass es uns gelungen ist, das Alte mit dem Neuen so hervorragend harmonisiert zu haben. Ist das aber überraschend? Ich habe das, glaube ich, wohl erwartet.

Mit Thomas Müller und Ivan Reimann sprach DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 12. Mai 2014 in ihrem Büro am Kurfürstendamm in einer beeindruckend edlen Fünfzigerjahrearchitektur.

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