Gefühl von Freiheit im Hinterkopf behalten Ein Gespräch mit Andreas Moser, cma I cyprus I moser I architekten, Frankfurt a. M. www.cma-arch.de

Alle (zwei) Jahre wieder lädt der Objektmöbelhersteller Vitra Archi­tekten  in seinen Frankfurter Showroom an der Gutleutstraße ein, diesen mit eigenen Ideen zu bespielen. Das kann zur gut gestalteten Büropräsentation geraten oder zum Kunsthappening werden. Irgend­­wo dazwischen fanden sich im September 2013  in der „Ampelphase 6“ die Architekten des Frankfurter Büros cma I cyprus I moser I architekten, Frankfurt a. M. mit „frame“ wieder, einer Arbeit jenseits vordergründiger Selbstdarstellung. Im Gegenteil, so jedenfalls scheint das Gespräch mit einem der cam-Partner, Andreas Moser, anzudeuten, geht es dem Architekten hier eher um die viel zu selten wahr­genommene Möglichkeit der Selbstfindung; jenseits des Dauerstresses im Büroalltag, der ganz bestimmt nicht, wie Andreas Moser hier andeutet, auf die Wochentage Montag bis Freitag beschränkt ist.

Andreas Moser, wie ist die Stimmung, ist alles gut gelaufen?

Na, alles super! Und zwar so super, daß ich einen Tag vor dem Aufstellen von „frame“ fast einen Herzinfarkt bekommen hätte. Wir hatten vom Straßenbau- und Verkehrsamt keine Aufstellgenehmigung!

Wieso nicht, was lief hier falsch?

Nun, das Amt hat im Jahr 7 000 Veranstaltungen im Jahr, die sind absolute Profis … und wir nicht [lacht]. Die Schreiner hatten schon alles aufgeladen fürs Aufstellen auf dem Römerberg. Aber: Wer etwas im öffentlichen Raum machen möchte ohne kommerzielle Absichten, muss das Künstlerische für seine Arbeit, sein Objekt nachweisen.

Wie macht man das? Ist das nicht schwierig?

Ja sicher. Und mein Part war das auch gar nicht. Hier tritt der Jürgen [Löffelholz, Be. K.] auf. Der hat schon immer Kunstsachen gemacht.

Woher kennt ihr euch?

Wir kennen uns schon lange, sind auch befreundet. Aber bisher hatte sich keine Gelegenheit ergeben, ein gemeinsames Projekt zu machen. Als cma angesprochen wurde, hier bei der Ampelphase mit zu machen, war sofort klar, dass wenn es einer macht, dann fällt das in mein Ressort … Zeit zu verschwenden ohne zu wissen, wofür am Ende …

Zeit zu verschwenden? Kann cma sich das leisten?

Nein, ich wollte damit nur sagen, dass viele das so sehen. Architekten, sind ja nicht bloß Künstler, die haben auch ein Büro zu führen, die haben Verantwortung für Existenzen. Ich muss ja gucken, dass der Laden läuft. Und machen wir uns nichts vor: Architekten sind ja nicht Architekten geworden, weil sie glauben, damit richtig viel Geld zu verdienen. Ich glaube, dass Architekten in ihrer Arbeit ein Stück weit ihrem Idealismus nachkommen können. Dennoch muss man sich in dieser lebenslangen Perspektive auch immer wieder einen solchen Spaß wie diesen hier gönnen!

Spaß? Ist der Gewinn einer solchen Arbeit nur ein Spaß oder kommt da nicht doch mehr am Ende raus?

Im Prinzip ist es genau das Gegenteil. Durch Jürgen ist mir wieder einmal und zwar sehr nachdrücklich bewusst geworden, wie wichtig es ist, im alltäglichen beruflichen Tun die Perspektiven zu wechseln. Unser erster Ansatz, ohne Jürgen, war, hier ein Objekt ins Schaufens-ter zu stellen, mittels dessen wir, in einer Art multimedialer Überhöhung, unsere Arbeiten gezeigt hätten.

Wie das Stefan Forster beispielsweise hier gemacht hat?

Nein, so nicht. Wir hätten die Arbeit „urban fuck you look“ genannt. Heute laufen ja alle mit dem Handy vor der Nase durch die Straßen und niemand schaut noch auf jemand. Das haben wir dann Jürgen gezeigt aber der hat abgewunken. So nicht. Nett, aber viel zu allgemein. Jürgen hat ein bischen nachgedacht, ich wurde immer nervöser, denn ich bin es gewohnt, auf den Punkt abzugeben. Wir haben uns an einem Sonntagnachmittag getroffen und haben in ein paar Stunden den ganzen Plot, das Design etc. entwickelt. Aber dann fing die Arbeit erst an. Der kreative Part war vorbei.

Wie kam euer Konzept der Nichtpräsentation bei den Mitspielern an?

Ich glaube ganz gut … Die Ideenfindungsphase für die Ampelgeschichte hier bei Vitra war nicht unkompliziert. Was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass hier sechs Kreative um einen Tisch sitzen, die alle Chefs sind! Zuerst aber haben wir ein Thema gesucht.

Vitra hat hier nichts vorgegeben?

Nein, nichts. Was es aber nicht leicht machte. Wir waren eine heterogene Gruppe. Ich kannte die Meisten. Sonst waren mehr etablierte, vielleicht auch bekanntere Frankfurter Büros da. Da ist es dann möglicherweise ganz schnell so: Wir haben alle Chef gelernt, aber ich bin noch mehr Chef als du und deswegen gebe ich jetzt das Thema vor … so ähnlich jedenfalls. Wir haben uns alle nicht so recht getraut …

Auch Stephan Forster nicht?!

Ja, gut [lacht] … Das hat dann Heiko [Heiko Stahl, Vitra Frankfurt; Be. K.] übernommen. Und in Ermangelung konkreter Vorschläge haben wir zuerst über den Rahmen gesprochen … und der Rahmen wurde es dann ja auch. Und zum ersten Mal nicht „Stop Motion“ oder andere Anglizismen. Am Ende war der größte Konsens beim einfachsten Titel: „Einblicke/Ausblicke“. Der erlaubte, wenn er nicht schon das allerneueste war, jedem das Quentchen Authentizität in der Arbeit, das die Sache insgesamt ganz rund gemacht hat finde ich.

Aber von der Titelfindung schließlich ging es ja erst richtig los. Weil keiner von uns gleich eine spezielle Idee für seinen Beitrag hatte, stürzten wir uns alle darauf, dass wir den Raum beruhigen müssen. Also Lüftungsanlage, Beleuchung, alles sollte ausgeblendet werden für die Inszenierung unserer Arbeiten. Wir waren also recht orientierungslos im Wünsch-dir-was-Land unterwegs. Was sich nach dem ersten Kostenvoranschlag aber schnell in Wohlgefallen auflöste. Wir ahnten, dass das mehr für jeden würde, als er zu zahlen bereit gewesen wäre und schnell hatten wir andere Ideen.

Vitra hätte bei einem Totalumbau mitgemacht?

Ja, die haben am Anfang gesagt, es ist eure Bühne, ihr macht das. Es gibt ein Budget, das auf alle verteilt wird, aber es ist schon so, dass die Büros für ihre Präsentation hier auch Geld mitbringen sollen.

Hattest du das Gefühl, ihr sechs konkurriert miteinander?

Nein, übehaupt nicht. Unser Konzept kam gut an bei den anderen. Und deren Arbeiten überzeugen mich auch. Und dass unsere besondere Präsenz hier – du hattest es glaube ich gerade unterstellt – als Provokation empfunden wurde von den anderen kann ich nicht bes-tätigen. Ich fand es gerade auch sehr angenehm durch die Zurücknahme der Arbeit im Showroom, dass ich mich hier auch gar nicht selbst darstellen muss. Vor vierhundert Leute zu sprechen ist nicht mein Tagesgeschäft!

Du hast es gestern bei der Eröffnung immer wieder aufblitzen lassen: cma ist zwar schon lange in Frankfurt, gehört aber noch längst nicht zum Establishment. Wie ist Vitra denn auf euch gekommen?

Keine Ahnung. Ich denke, Vitra sucht sich sehr dezidiert ein heterogenes Feld von Architekten aus. Das ist jetzt nicht mit Vitra abgestimmt! Aber mit Blick auf die sich schnell ändernden Ansprüche, die sich ändernden Vorstellungen davon, wie wir leben und arbeiten, muss auch Vitra als Konzern gucken, dass sie nicht mit den Etablierten alt werden. Ich glaube, um eine ausreichende Markdurchdringung zu erreichen, muss auch Vitra in die Nischenbereiche gehen, damit sie nicht irgendwann ein Mercedes-Syndrom haben, dass sie sich nämlich selbst überholt haben und keiner will sie mehr.

Jetzt haben wir gar nicht über „frame“ gesprochen. Drei Sätze dazu?

Einblicke/Ausblicke: Bei einem solchen Thema war uns schnell klar, dass wir kein statisches Objekt abliefern konnten. Was aber dann? Wir haben ein Schaufenster, wollen aber nichts hineinstellen. Also nehmen wir das Fenster und stellen es woanders hin. Der „frame“ ist dessen maßstäblicher verkleinerter Nachbau.

Wir gehen raus aus dem Raum, weil wir den anderen, den Frankfurtern, den Touristen oder einem Hochzeitspaar eine Bühne geben wollen. Das Bühnenbild sollten dabei besondere Plätze in unserer Stadt sein. Dadurch ergeben sich dann die Ein-, Aus- und Durchblicke. Wir haben bisher Unmengen an Fotos. Die zeigen alle, dass die Leute Spaß haben an unserer Arbeit oder vielmehr daran, dass sie in unserer Arbeit vorkommen. Dass sie hierbei den städtischen Raum mithineinnehmen, ist den meisten vielleicht gar nicht bewusst.

Wird eine solche Arbeit, das Nachdenken über den Raum und seine Darstellungsmöglichkeiten eure, ich sage mal, Schwarzbrotarbeit verändern, direkt oder vielleicht eher subkutan?

Es wird sicherlich eher wie du sagt „subkutan“ sein. Das Schöne an einer solchen Arbeit ist, dass man wieder weiß, dass man wie in der Schule oder der Uni Montags anfangen und jeden Tag durcharbeiten kann, und man kontrolliert am Ende das Ergebnis. Andere feiern die ganze Woche und hauen dann in kürzester Zeit eine Arbeit raus, die unter Effizienzgesichtspunkten nicht besser sein könnte. Ich glaube, sich an dieses Potential ab zu zu erinnern, dessen bedarf man dieser subkutanen Dosen zwischen durch. Ich kann nicht unser Büro dazu auffordern: Macht eure Arbeit doch am Wochenende und bleibt von Montag bis Freitag zuhause … [lacht] Aber so ein bischen sollte man dieses, ich sage mal „Gefühl von Freiheit“ im Hinterkopf behalten. Auch, weil ein Team, das ohne Spaß an der Arbeit ist, auf Dauer nichts Gutes produziert.

Mit Andreas Moser sprach DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 5.September 2013 im Vitra Showroom in Frankfurt a. M.

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