Funky Design-Hostel

Wer heute eine Jugendherberge aufsucht – und das vielleicht nach einigen Jahrzehnten zum ersten Mal – wird sich freuen. Die Häuser haben sich – meist jedenfalls – ganz schön gemacht. Schön gemacht auch. Neben Einzel­zimmern mit Dusche gibt es nun endlich WLAN, Chill-Zonen und Sichtbeton, mal dezent lasiert, mal flächig bunt gestrichen oder mit unbehandeltem Holz lebendig kontrastiert.

Natürlich sind dafür die Übernachtungspreise deutlich an­gehoben worden, aber Luxus kostet eben. Der Landesverband Bayern ist nun – auch, weil Jugendherbergen wirtschaftlich arbeiten müssen – dazu übergegangen, den Immobilienbestand zu verjüngen. Eine Jugendherberge pro Jahr will er neu bauen oder eine bestehende sanieren. Dazu lädt man sich Archi­tekturbüros ein, die für „jugendgemäße Unterkunftsstätten“ (DJH) das geeignete Händchen haben; mit Blick auf die schon gewählten Büros kann man auch vom „Feeling“ schreiben.

Die Jugendherbergen in Bischofswiesen, oder Oberammergau (beide Schulze Dinter Architekten), oder die in Nürnberg (Fritsch + Knodt & Klug Architekten, in Zusammenarbeit mit Franchi und Dannenberg) sind Beispiele für eine radikale wie zumeist gelungene Verjüngung von Traditionsstandorten. Was im Falle des Umbaus auch für die Qualität des Bestandes spricht, der hier immer noch den vielleicht wesentlichen Aspekt zum Ergebnis beiträgt. Dass die größte Landesverbands-Herberge, die City Jugendherberge München, von GRAFT überplant wird (im Wettbewerb erfolgreich u. a. gegen Büros wie Snøhetta oder YES architects), wird da niemanden überraschen.

LAVA Architekten, die schon 2011 mit dem Umbau der Herberge in Berchtesgaden erfolgreich waren, sollen im nächsten Jahr die Herberge in Bayreuth neu bauen. Geplant ist ein Y-förmiger Grundriss für die rund 3 400 m² Nutzfläche große „funky design“-Erlebnisstätte. Hier, so LAVA, werde nicht das Erwartbare realisiert, sondern das „Überraschende“. Dass LAVA explizit den Zugang zu „online and community“ hervorhebt, weist vielleicht auf das eigentlich Zukünftige: Die Individualisierung der Häuser, der Räume und Übernachtungsplätze verlangt nach der alles sichernden Netzstruktur, ohne die es scheinbar heute niemand mehr aushält. Früher lag man mit (zunächst) Fremden im 8-Bett-Zimmer, heute liegen die auf Einzelzimmer verteilt nebenan.

Die Freunde hat man neben sich auf dem Kopfkissen im Smartphone, connected über online and community. Trotz aller architektektonischer Qualitäten werde ich sie vermissen, die alten, oft unzulänglichen Herbergen mit ihrer ganz besonderen Aura. Aber wer weiß, vielleicht sind ja gerade deren Nichtqualitäten in weiterer Zukunft das Alleinstellungsmerkmal, das die Planer dann mit digitaler Perfektion zurückerfinden. Also: Ausweise behalten und schon mal zu LAVA und Co pilgern. Denn das, was draußen vor den JH-Türen liegt, das ändert sich allein im Auge des Betrachters. Be. K.

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