Interview

„Für Kinder zu bauen ist für mich vor allem eine Freude“
Im Gespräch mit Susanne Hofmann

www.baupiloten.com , http://fg-hofmann.blogspot.de

DBZ: Frau Hofmann, was bedeutet es für Sie für Kinder zu bauen?

Susanne Hofmann: Für Kinder zu bauen ist für mich vor allem eine Freude, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu erfahren. Es sind die Kinder, die Experten ihrer Bedürfnisse sind. Damit meine ich nun nicht, dass Kinder eine Kita planen könnten, aber sie verfügen über Erfahrungen und Wünsche, die man berücksichtigen sollte – auch weil sie es sind, die sich später sehr lange in den Bauten aufhalten werden. Wozu wir verschiedene Methoden entwickelt haben unsere Entwurfsprozesse mit Workshops mit Kindern beginnen zu lassen. Und es ist unglaublich, wie sich dabei auch erweist, wie sehr sich die einzelnen Kita- oder Schulgemeinschaften unterscheiden.

DBZ: Welche Unterschiede meinen Sie? Wie gingen Sie etwa bei Ihrer Leipziger Kita vor?

SH: In manchen Schulen wirken die Kinder einfach viel freier und offener als in anderen. Jede Gemeinschaft ist anders. Die Kita in Leipzig ist beispielsweise sehr naturwissenschaftlich orientiert. Die Kinder haben dort ein viel größeres Interesse zu experimentieren. Nachdem wir vorab die Pädagoginnen und Erzieherinnen getroffen hatten, um ein erstes Gefühl zu bekommen, was die Kita und ihre Kinder antreibt, haben wir eine Projektwoche über Wetterphänomene konzipiert. Dabei haben wir sie beobachtet und festgestellt, wie intensiv sich die Kinder mit Lichtreflexionen oder Vulkanen beschäftigt haben. Dies war dann auch der Ausgangspunkt für unseren Entwurf.

DBZ: Viele Architekten stehen aber solchen partizipativen Verfahren distanziert bis sogar ablehnend gegenüber. Sie scheuen den Zeitaufwand und die intensive Auseinandersetzung mit den Nutzern.

SH: Tatsächlich ist Partizipation nicht für alle spannend. Man muss einfach auch Spaß daran haben mit Kindern mittels Geschichten zu kommunizieren. Ich bin aber sehr neugierig, welche Erfahrungen und Wünsche die Nutzer in ein Projekt hinein geben können. Wir können viel von den Nutzern lernen, doch sollten immer allen Beteiligten die jeweiligen Kompetenzen klar sein. Kinder und Pädagogen sind die Experten für die Lernwelten, die Architekten Experten für Gestaltung und Baugeschehen. Und am Besten können Laien und Architekten über atmosphärische Qualitäten kommunizieren.

DBZ: Wenn Sie über Ihre Architektur sprechen, benutzen Sie sehr oft den Begriff Atmosphäre. Man hat den Eindruck, es ist einer ihrer zentralen Begriffe – warum?

SH: Viele Architekten versuchen ihre Architektur mittels Parameter zu objektivieren, was viele Nicht-Architekten nicht nachvollziehen können. Sie können sich oft nicht vorstellen, was damit gemeint ist. Über Atmosphären, über Stimmungen kann man sich hingegen sehr gut verständigen – und besonders gut mit Kindern. Über Workshops zu atmos­phärischen Qualitäten erhalten wir von den Kindern so viele Geschichten und damit auch Einblick in ihren Alltag und ihre Wünsche. Deshalb sagen wir auch „Form Follows Kids´ Fiction“, wobei ich „Kids“ in Klam­mer setzen möchte, da dies mit Erwachsenen auch gut funktioniert.

DBZ: Das Mittel Farbe scheint auch eine große Rolle in Ihrer Architektur zu spielen - oder?

SH: Tatsächlich kann ich mir nicht vorstellen, einen Ort für Kinder ohne Farbe zu bauen. Wir haben einmal eine Kita in einem abgetönten Weiß gebaut, die Kita Traumbaum in Berlin. Erst auf einen zweiten Blick entdeckt man die Farben, die dort eher versteckt eingesetzt wurden, aber die Räume durch ihre Reflexionen veränderlich erscheinen lassen. Dank Farben lassen sich Atmosphären verdichten und sie erfüllen den Wunsch vieler Kinder nach einer Architektur, die wandelbar ist. Mit Farben kann man aber nicht nur in Innenräumen große Wirkungen erzielen. Und es ist eine große Herausforderung die richtige Komposition von Farben zu finden. So haben wir in Leipzig für die grobe Putzfassade nicht nur einen Grünton gewählt, sondern noch einen Gelbton dazu gesetzt, um diesen an die changierenden Blätter der Bäume anzuknüpfen und zugleich den Wänden eine gewisse Tiefe zu verleihen.

DBZ: Vorgeschaltete Verfahren der Partizipation sind in unserer Wettbewerbskultur oft nicht vorgesehen. Alltag ist, dass die Architekten erst nach dem Wettbewerb mit den Nutzern in Kontakt treten. Müssen also unsere Wettbewerbsverfahren geändert werden?

SH: Wir nehmen an sehr wenigen Wettbewerben teil und das ist wirklich ein Problem. Wir finden es absurd, nicht von Anfang an mit den Nutzern zusammenarbeiten zu können, um ihre Wünsche zu erfahren. Heute entwickelt sich die Pädagogik beständig weiter. Da können wir Architekten nicht immer auf dem neuesten Stand sein. Darum sollten mehr Pädagogen in Jurys vertreten sein und möglichst auch stimmberechtigt. Doch ich habe viele Jurys ohne einen Pädagogen erlebt. Bewerbungsverfahren sollten auch stärker partizipative Aspekte mit einbeziehen. Gewiss muss man aufpassen, dass man die Nutzer nicht überfordert, die ja oft nur ein begrenztes Zeitbudget haben. Durch das Zusammenbringen aller Entscheidungsträger, die sich gezielt über die Ziele des Projekts austauschen, kann aber unheimlich Zeit gespart und es können Fehler vermieden werden.

DBZ: Bislang haben Sie zumeist für Kinder und junge Menschen gebaut. Könnten Sie sich vorstellen auch Verwaltungsbauten partizipativ zu planen?

SH: Das könnte ich mir schon vorstellen, schließlich verbringt man viel Zeit bei der Arbeit. Da würde ich mir wieder ein neues Planspiel überlegen. Was ich aber noch spannender fände, wäre, einmal für ältere Menschen zu bauen. Wie leben und was nehmen zum Beispiel Menschen mit Alzheimer wahr? Welche Räume und Angebote könnten ihnen geschaffen werden? ­Da wird noch zu wenig getan. Entwerfen ist für mich stets ein Erkenntnisprozess, worüber sich viele Architekten nicht immer klar sind. Entwerfen ist eine Form von Forschung.

Das Interview führte Claus Käpplinger im Auftrag der DBZ 

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