Frankie & Johnny & Nelly
EBA51, Berlin

Nach einem Entwurf des Büros Holzer Kobler Architekturen entsteht auf einem 11 000 m² großen Grundstück im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick eine Wohnanlage für 411 Studierende. Zusammengesetzt werden die drei Gebäuderiegel „Frankie“, „Johnny“ und „Nelly“ dabei aus Containermodulen aus Cortenstahl mit lebendiger Rostoberfläche. Durch Vorfertigung soll hier bezahlbarer und doch attraktiver Wohnraum mit spannenden Außenräumen und Kommunikationszonen entstehen.

Auch in Berlin ist bezahlbarer Wohnraum knapp und gerade Studierende haben ihre Not, eine attraktive Bleibe zu finden, die sie finanziell auch bewältigen können. Auf der anderen Seite gilt die Zielgruppe als offen und experimentierfreudig. So entstand die Idee des Bauherrn Jörg Duske, das Konzept der Containerbauweise, das er in dem Projekt Keetwonen in Amsterdam gesehen hatte, aufzugreifen und fortzuführen: „In Amsterdam ging es darum, möglichst kurzfristig Wohnraum zu schaffen, daher wurden die Container dort in relativ einfacher Weise gestapelt. Mir ging es darum, dauerhafte und entsprechend höherwertige Wohnqualitäten mit architektonischem Anspruch zur Verfügung zu stellen“, so der Initiator. Diese Qualitäten fand er in dem Entwurf des Schweizer Architekturbüros Holzer Kobler Architekturen über einen Wettbewerb, den er 2012 ausgeschrieben hatte. Vorgabe des Wettbewerbs war, aus ehemaligen Hochseecontainern eine Studentenwohnanlage für etwa 400 Studenten zu entwerfen. Der Entwurf des Schweizer Architekturbüros, das bis zur Leistungsphase 4 in das Projekt eingebunden war, basiert dabei auf drei sich auffächernden Gebäuderiegeln, zusammengesetzt aus 12 m langen Hochseecontainern. Jeder Container bietet auf einer Grundfläche von 26 m2  ein Miniapartment mit eigenem Bad und Küchenzeile, wahlweise mit oder ohne Balkon. Die einzelnen Containermodule werden dabei nicht einfach übereinandergesetzt, sondern bilden durch Versprünge und Verdrehungen sowie vorgesetzte, relativ breite Laubengänge differenzierte Baukörper mit vorgelagerten Kommunikationszonen. Um die Gebäude insgesamt zu stabilisieren und horizontale Lasten aufzufangen, wurden punktuelle Kreuzverstärkungen aus Stahlprofilen eingesetzt und alle 40 m Stahlbetonzwischenwände eingezogen, die auch als Brandabschnitte dienen.

Sehr viel Wert legten die Architekten auch auf die Zonierung des Außenraums mit klar definierten, sehr unterschiedlichen Angeboten wie Schwimmteich, Boule- oder Grillplatz sowie einer Fläche für Urban Gardening. Neben so genannten Single-, Double- und Triple-Apartments, die aus jeweils ein, zwei oder drei Containern bestehen und zu fixen Kosten gemietet werden können, sollen auch Gemeinschaftsräume, wie eine Profiküche oder ein „Party-Waschsalon“, in den Containern realisiert werden.

Container-Architektur

„Uns liegt am Herzen, Wege zu finden, günstigen Wohnraum in der Stadt zu schaffen, der trotzdem besondere Qualitäten bietet. Die Modulbauweise halten wir dabei für einen geeigneten Ansatz“, erklärt Philip Norman Peterson aus dem Architekturbüro Holzer Kobler. „Jörg Duske war für uns als Bauherr insofern ein Glücksfall, dass er den Mut und die Leidenschaft mitgebracht hat, eine neuartige Idee auszuprobieren, auch wenn nicht von Anfang an klar definiert war, wohin die Reise geht.“ Denn im Container-Studentendorf EBA51 wird in Bezug auf den Einsatz von Containern für dauerhafte Wohnnutzung mit entsprechenden Anforderungen an Wärme-, Schall- und Brandschutz zu günstigen Preisen noch Pionierarbeit geleistet. Die Entwicklung ging dabei bislang vom Ausbau der Hochseecontainer vor Ort im ersten Bauabschnitt zu vorgefertigten Containermodulen, die bis vor kurzem von einer Firma in Serbien hergestellt wurden.

Begonnen wurde die Umsetzung 2013 mit dem Kopfbau des mittleren „Johnny“-Riegels aus 20 Original-Frachtcontainern. Diese mussten allerdings extrem stark bearbeitet werden, um den gewünschten Ansprüchen einer differenzierten Architektur zu entsprechen. Werden Container beispielsweise so gestapelt, dass sie Ecke auf Ecke sitzen, kann einer von acht weiteren belastet werden. Bei Auskragungen oder größeren Öffnungen müssen sie hingegen statisch ertüchtigt werden. Für Auskragungen beispielsweise wurden kreuzförmige Stahlprofile gewählt, die sowohl horizontal unter der Unterseite des auskragenden Containers als auch vertikal auf den Innenseiten der Seitenwände verschraubt sind.„Es musste sehr viel in die vorhandene Substanz eingegriffen und Material ergänzt werden. Bei diesem Bauabschnitt sprechen wir aber auch nicht von Vorfertigung“, so Bauherr Duske. Dementsprechend war es für die Beteiligten nicht verwunderlich, dass in dieser ersten Phase, die etwa sechs Monate umfasste, keine Kosteneinsparungen erzielt werden konnten. Bei der Neuanfertigung von Containermodulen können diese statischen Sonderlösungen von Anfang an berücksichtigt werden und es wird nur das Material verbraucht, das auch wirklich gebraucht wird. Andererseits haben die Frachtcontainer eine besondere Ausstrahlung. Jeder erscheint wie ein Unikat, das seine eigene Geschichte hat. Die vom Bauherrn gewünschte rostige Oberfläche unterstreicht die Originalität und Lebendigkeit des Orts.

Modulbauweise

So wurde entschieden, im folgenden Bauabschnitt, dem Westriegel „Nelly“, die Container samt Oberflächenpatina vorfabrizieren und im Werk ausbauen zu lassen, um so vor Ort Zeit und Kosten sowie Aufwand bei der Koordinierung der Gewerke einsparen zu können. Bei einer Größenordnung von ca. 400 Modulen ist es aber schwierig, in Deutschland einen Anbieter zu finden, mit dem das Ziel des kostengünstigen Bauens umzusetzen wäre. „Mit 411 Modulen, zudem in unterschiedlichen Ausführungen, bewegt man sich in einer Stückzahl, die beispielsweise für einen deutschen Fertighaushersteller noch nicht attraktiv genug ist“, erläutert Architekt Peterson. So fiel die Entscheidung auf eine Vorfertigung in Serbien. Der Hersteller lieferte die Containermodule gedämmt, mit Fenstern und einer Edelstahlnasszelle ausgestattet sowie mit den Öffnungen für die Leitungen versehen. Die Module sind, wie die Container, von innen mit Mineralwolle gedämmt, wobei für alle auskragenden Bauteile eine Vakuumdämmung mit entsprechend höherer Dämmleistung gewählt wurde. Vor Ort wurden dann von lokalen Firmen die Stränge für Sanitär, Heizung und Elektro in den vorgefertigten Schächten verlegt sowie Bodenbeläge, Fliesen und Tapeten aufgebracht. Die Containermaße gewähr­­leis­teten einen einfachen Transport.

Doch die Vorfertigung im Ausland brachte einige Schwierigkeiten mit sich, beispielsweise durch abweichende Normen und Zertifizierungen. In diesem speziellen Fall kam es zudem zu vertraglichen Differenzen und sachlichen Mängeln, so dass die Zusammenarbeit abgebrochen werden musste. „Dass es hier zu Schwierigkeiten mit der Herstellerfirma kam, ist ärgerlich, kann aber auf jeder Art von Baustelle passieren. Das sollte nicht das Prinzip der Vorfertigung in Frage stellen. Es funktioniert an sich sehr gut und ist für uns der richtige Weg. Wir schaffen nun 120 Module in drei Monaten“, betont Jörg Duske. „Man braucht allerdings die richtigen Partner!“ So erwies sich das zuständige Bauamt in Berlin-Köpenick als Glücksfall. Es stellte sich nicht entgegen, sondern unterstützte das innovative Projekt, für das im Baugenehmigungsverfahren diverse Vorschriften und Paragrafen neu interpretiert werden mussten, da die gewählte Bauform in dieser Weise bislang nicht vorhanden war.

Vorfertigung bietet die Möglichkeit, durch Serialität Zeit und Kosten einzusparen. Aber wie viel Architektur ist damit noch möglich? Das war auch die zentrale Frage für das Büro Holzer Kobler Architekturen: Wie viel Wohn- und Lebensqualitäten lassen sich über den Städtebau, das Spielen mit den Containermodulen zu einem ansprechenden Baukörper mit hohen Aufenthaltsqualitäten und der Planung der Freiflächen schaffen, die die doch recht schlanken und knappen Maße der Container aufwiegen?

Im Containerdorf in Berlin-Treptow entsteht eine Architektur, die dazu auffordert, benutzt zu werden. So werden bereits jetzt die vor den Containern entstandenen Laubengangflächen für gemeinsame Essen im Freien genutzt. „Das A und O eines gelungenen Projekts liegt darin, so gute Wohnqualitäten zu schaffen, dass sich die Bewohner mit dem Ort und dem Gebäude identifizieren“, so Peterson. Das scheint in Treptow zu funktionieren. Dennoch möchte der Architekt die Modularchitektur weiter optimieren, beispielsweise über etwas breitere Container, die sich dennoch gut transportieren lassen, eine Anordnung der Module, die spannend ist, aber statisch weniger Eingriffe benötigt oder durch das Herunterbrechen der Vorfertigung von ganzen Modulen auf einzelne Bau-elemente. Nina Greve, Lübeck

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