Flexibilität im Denken und Bauen

DBZ Heftpartner Dipl.-Ing. Barbara Schott und Dipl.-Ing. Edzard Schultz, Heinle, Wischer und Partner, Berlin

Die Corona-Pandemie hat das Gesundheitswesen und damit auch seine baulichen Strukturen in den gesellschaftlichen Fokus gerückt. Temporäre Bauten wie das Corona-Behandlungszentrum und die Impfzentren haben zu einer neuen Form des Planens und einer Fokussierung auf elementare Anforderungen und Prozesse geführt. Welche Erfahrungen aus den letzten Monaten werden auch zukünftig den Gesundheitsbau beeinflussen?

Es hat sich gezeigt, dass die Anpassungsfähigkeit der Strukturen eine große Rolle gespielt hat, um schnell auf die neuen Anforderungen reagieren zu können. Systeme mussten phasenweise erweitert werden oder aber voneinander separiert werden. Anforderungen, die auch in normalen Zeiten allein durch den medizinischen Fortschritt und die technische Entwicklung gestellt werden, treten in der Pandemie ungleich konzentrierter auf. Elas­tizität, z. B. durch modular angelegte Strukturen, wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Wir werden uns immer fragen müssen: Wie flexibel können wir das Gesamtsystem trotz der hohen und teilweise sehr spezifischen Anforderungen gestalten?

Diese Fragestellung zeigt sich besonders deutlich bei einem zentralen Bereich der Krankenversorgung: der Notaufnahme. Die Patientenzahlen in den Rettungsstellen haben sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt und sie belasten damit ein eigentlich für Notfälle konzipiertes System. Als Folge sehen wir in diesem Bereich auch die größte Spannbreite von medizinischen Fällen: vom verstauchten Knöchel bis zum Poly­trauma-Patienten. Dies führt dazu, dass sich die harten Grenzen der Notaufnahme aufweichen und die Verflechtungen mit angrenzenden Bereichen wie Ambulanz, Radiologie und Überwachungspflege immer stärker werden.

Die Notaufnahme bildet eine Art Mikrokosmos in der Krankenhauslandschaft, aus dem heraus sich wiederum Erkenntnisse auf die Makrostruktur ableiten lassen. Das Themenspektrum reicht hier von der konkreten Versorgung bis hin zur Filterung der Patienten- und Versorgungsströme. Unterschiedliche Belegungsintensitäten und Nutzungsszenarien erfordern ein elastisches System, das erweitert und heruntergefahren werden kann: ein „atmendes System“ sozusagen.

Um diese Flexibilität zu ermöglichen, ist es von zentraler Bedeutung, die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Nutzer und die unterschiedlichen Nutzungsszenarien zu erfassen und zu analysieren. Hier sehen wir die Notwendigkeit und Chance, das methodische Spektrum des Entwurfsprozesses zu erweitern.

Wir nutzen Beispielpersonen, sogenannte Personas, denen persönliche Merkmale wie Alter, Rolle (z. B. Pflegekraft, Patient, Angehöriger), Gesundheitszustand bzw. Diagnose, Mobilitätsverhalten zugewiesen werden, um die verschiedenen Nutzer im heterogenen Kosmos Krankenhaus abzubilden. Zur Überprüfung von Wegebeziehungen kommen dann Patientenbewegungsschemata, sogenannte patient journeys, hinzu, die unterschiedlichen Krankheitsbildern zugeordnet sind. So können wir mit den Nutzern gemeinsam bestehende Prozesse und Denkweisen analysieren, entsprechende Lösungsansätze skizzieren, diese durch Tests überprüfen und zu optimalen Strukturen weiterentwickeln.

In frühzeitigen Tests mit 1 : 1-Modellen überprüfen wir mit den Nutzern verschiedene Varianten der Raumnutzung im Sinne einer niederschwelligen Erörterung der Planung. Dazu statten wir die Räume mit einfachen Mitteln aus. Es soll gerade kein perfektes Musterzimmer entstehen, sondern ein Modell mit Pappen und einfachen Einbauten, die dazu einladen, verschiedene Prozesse und Aufstellungen im Raum auszuprobieren und gemeinsam mit einer Gruppe von Nutzern zu evaluieren. Ziel ist hierbei, alle Akteure zu Wort kommen zu lassen und in den Prozess einzubinden.

Der Erkenntnisgewinn, den alle Beteiligten aus dieser Arbeit bisher ziehen konnten, ist enorm. Die Anordnungsszenarien der Arbeitsmittel können den alltäglichen Abläufen besser angepasst werden, neuartige Raumkonzepte praktisch überprüft und Denkfehler aufgedeckt werden. Dadurch werden Entscheidungen rechtzeitig und verbindlich abgesichert.

Die gemeinsame Arbeit aller Beteiligten am Modell und der Perspektivwechsel schaffen ein gemeinsames Verständnis, Transparenz und Vertrauen.

Mit großem Interesse beobachten wir Entwicklungen und neue Ansätze im Gesundheitsbau auf nationaler und internationaler Ebene. Für dieses Heft haben wir Arbeiten ausgewählt, die neue Antworten auf die Herausforderungen im Gesundheitswesen geben: Architektur für Gesundheit im spezifischen städtischen und ländlichen Kontext, Nachhaltigkeit im Bau- und Nutzungsprozess, kreative Lösungen für besondere Aufgaben und nicht zuletzt der menschliche Maßstab.

Heftpartner

Edzard Schultz ist Architekt und Partner im Büro Heinle, Wischer und Partner und Sprecher des Gesamtbüros. Er studierte Architektur an der TU Berlin. Bis heute engagiert er sich auch in der Lehre und Forschung, so zum Beispiel an der Clemson University South Carolina (USA) Architecture + Health. Er ist Mitglied im AKG und war u.a. im DIN-Ausschuss zur Neufassung der DIN 13080 tätig.

Barbara Schott ist Projektleiterin bei Heinle, Wischer und Partner und studierte Architektur an der TU Berlin. Sie ist Mitglied im AKG - Architekten für Krankenhausbau und Gesundheitswesen und setzt bei Ihren Projekten auf methodisch basierte Nutzerbeteiligung und agiles Projektmanagement.

Gemeinsam bearbeiten sie das breite Spektrum komplexer Bauaufgaben, maßgeblich Bauten für die Gesundheit mit einem ganzheitlichen Ansatz von der Masterplanung über Wettbewerbe und Realisierungen bis hin zur Evaluation.

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