BIM für kleine und mittlere Büros

FMZ Leinefelde

Bei der Planung eines neuen Fachmarktzentrums in Leinefelde setzen POS4 Architekten Generalplaner und das Beratungsunternehmen DEUBIM vollumfänglich auf den Einsatz von BIM. Der gewählte Open BIM-Prozess ermöglicht dabei eine optimierte Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten.

In der rund 10 000 Einwohner zählenden thüringischen Gemeinde Leinefelde haben vor kurzem die Arbeiten zur Erweiterung des bestehenden Fachmarktzentrums in der Herderstraße begonnen. Nach dem Abbruch eines bestehenden Einkaufsmarkts entsteht ein modern gestalteter, mit viel Glas ausgebildeter Neubau, der auf einer Bruttogeschossfläche von 6 220 m² eine Gesamtverkaufsfläche von 4 200 m² für unterschiedliche Einzelhandelsbetriebe zur Verfügung stellt.

Schon im Vorfeld der Planung hatte die Düsseldorfer RMA Real Estate Management Assistance GmbH als Bauherrin entschieden, das Vorhaben vollumfänglich als BIM-Projekt zu realisieren. Mit der Umsetzung wurde 2017 das ebenfalls in Düsseldorf ansässige Büro POS4 Architekten Generalplaner GmbH beauftragt. Um eine optimierte Anwendung der BIM-Methode zu erreichen, wurde außerdem das gemeinsam mit POS4 unter einem Dach tätige, auf BIM-Beratung spezialisierte Unternehmen DEUBIM hinzugezogen. Als Fachplaner in das Projekt eingebunden sind BERLing Ingenieure (TGA), Brendebach Ingenieure (TWP) sowie die Hagen Ingenieurgesellschaft (Brandschutz).

Das Vorhaben wird als BIM-Pilotprojekt durch die Bergische Universität Wuppertal wissenschaftlich begleitet und vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung gefördert: „Oberste Prämisse ist es dabei, die BIM-Methode für die Planung und den Bau im Mittelstand zu etablieren dazu einen Mittelstandsleitfaden (S. 100ff.) mit Praxisbezug zum Projekt vorzustellen“, erklärt Architekt André Pilling.

BIM als Methode für kleine Architekturbüros

„BIM? Das ist doch eher was für große Projekte und die ganz großen Büros“, so heißt es oft, wenn man sich in der deutschen Planungs-, Bau- und Immobilienwirtschaft umhört. „Dabei ist längst ausgemacht, dass die Methode BIM die gesamte Branche nachhaltig verändern wird“, so André Pilling, geschäftsführender Gesellschafter von POS4 Architekten Generalplaner. „Um so wichtiger ist es daher, dass BIM kein Privileg der großen Architektur- und Ingenieurbüros, Generalplaner und Generalunternehmer bleibt, sondern dass die Methode sukzessive auch im Mittelstand etabliert und auch für den gewöhnlichen Einkaufsmarkt nutzbar wird.“

Genau hier setzt das Pilotprojekt FMZ Leinefelde an: Um die Akzeptanz der Methode insbesondere in kleineren Architekturbüros weiter zu forcieren, soll mit dem Projekt untersucht werden, wieviel BIM tatsächlich nötig ist:

„Das Ziel ist also kein Technologiefeuerwerk, sondern die sinnvolle und pragmatische Nutzung der BIM-
Methode im Rahmen der realen Projektabwicklung bis hin zu Leistungsphase 8“,

erklärt Projektleiter Stefan Waerder. „Ganz bewusst hat sich der Auftraggeber deshalb für eine eher einfache Bauaufgabe mit vergleichsweise überschaubarer Geometrie entschieden.“

Entsprechend viel Raum gab es stattdessen, um in einem vorab gemeinsam durchgeführten Coaching mit dem Auftraggeber zunächst einmal die grundlegenden BIM-Ziele für das Projekt zu definieren und gleichzeitig Standards wie AIA, Rollen, Verantwortlichkeiten oder Vertragsgestaltung zu definieren. „Als großer Vorteil erwies sich dabei die große Offenheit des Bauherrn, der sich über das Projekt gleichzeitig auch Know-how für die eigene Praxis und Standards für künftige Vorhaben erarbeiten wollte“, so André Pilling.

Planung im Open BIM-Prozess

Aufgrund der heterogenen Planerlandschaft und der Absicht, ein „mittelstandsorientiertes SmartBIM“ zu initiieren, hatten die Verantwortlichen schon während des Workshops entschieden, das Projekt vorrangig im Open BIM-Prozess zu realisieren: „Das bedeutet, dass die Fachdisziplinen zunächst in unterschiedlichen CAD-Programmen arbeiten – wir mit ArchiCAD, die TGA und die Tragwerksplaner jeweils mit Revit –, und der jeweilige Planungsstand im IFC-Format zur Koordinierung zusammengeführt und dann am Ende der einzelnen Leistungsphasen dokumentiert wird“, berichtet André Pilling. Der Vorteil dabei: Open BIM bietet eine interoperable Methode für die durchgängige und gemeinschaftliche Planung auf Basis offener Daten-Standards. Denn gerade in kleinen und mittelgroßen Architekturbüros ist es häufig gar nicht möglich, dass die Mitarbeiter mal eben so auf ein anderes CAD-Programm umsteigen können, weil das nötige Know-how oder die nötigen Tools fehlen. „Hinzu kommt, dass wir auch den ausführenden Firmen die Möglichkeit geben wollten, über IFC Mengen- und Massen aus den Modellen zu ziehen und in die Erstellung von Werk- und Mon­tageplanung einzusteigen“, sagt André Pilling.

Effektive Zusammenarbeit

Im Rahmen des vorab durchgeführten Workshops war u. a. ein BIM-Abwicklungsplan (BAP) festgelegt worden, der neben Zielen und den daraus abgeleiteten Anwendungsfällen auch die organisatorischen Strukturen und die jeweiligen Verantwortlichkeiten sowie die technischen Absprachen definiert: „Dieser BAP dient quasi als Nachschlagewerk für alle Beteiligten während des gesamten Projektverlaufs“, sagt André Pilling. In seiner Anwendung schafft er die Basis für eine effektive und reibungsfreie Zusammenarbeit zwischen Architektur, Statik, Haustechnik, Brandschutz und Ausführenden, gleichzeitig erhöht er auch die Transparenz für den Auftraggeber: „Ausgehend von diesen genauen Absprachen ist es jetzt im Projektverlauf z. B. möglich, genau zu sehen, welche Bauteilkollisionen noch nicht abgearbeitet sind und wer jeweils dafür verantwortlich ist“, so Pilling weiter. „Wichtig dabei ist auch eine spezielle Kultur des Miteinanders, die sich nicht an Fehlern, sondern am gemeinsamen Projekterfolg orientiert.“

Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen. Aber schon jetzt lässt sich feststellen, dass der Einsatz von BIM zwar nicht dazu führt, dass die Planung schneller oder kostengüns­tiger läuft, dass er aber eine deutlich bessere Planungsqualität und einen strukturierteren, transparenteren und disziplinierteren Planungsablauf ermöglicht, bei dem nichts dem Zufall überlassen bleibt: „Alle Projektbeteiligten wissen in jedem Moment, worüber gerade gesprochen wird, der Auftraggeber erhält gleichzeitig eine optimierte Gebäudedokumentation mit sämtlichen Details“, sagt Stefan Waerder. „Wichtig für einen erfolgreichen Projektverlauf bleibt aber in jedem Fall eine intensive Vorbereitung. Nur so weiß jeder, was er von BIM erwarten kann und was ihm in welchem Projektstadium abgefordert wird.“ Robert Uhde, Oldenburg

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Baudaten

Objekt: FMZ Leinfelde Standort: Herderstraße 1, 37327 Leinefelde Typologie: Fachmarktzentrum Bauherr: FMZ Herderstraße GmbH, www.rma-management.de
Nutzer: EDEKA, AWG, Mayer’s Markenschuhe Generalplaner: POS4 Architekten Generalplaner GmbH, Düsseldorf, www.pos4.de
Generalunternehmer: MBN Bau Aktiengesellschaft, Leinfelde, www.mbn.de Projektsteuerer: ASSMAN BERATEN + PLANEN AG, Dortmund, www.assmann.info
Planungszeit: August 2017 – April 2018 Bauzeit: Mai 2018 – Februar 2019

Fachplaner

BIM-Management: DEUBIM GmbH, Düsseldorf, www.deubim.de
Architekt: POS4 Architekten Generalplaner GmbH (inkl. BIM-Koordination), Düsseldorf, www.pos4.de
Mitarbeiter: Stefan Waerder, Rachid El Hajjami Tragwerksplanung: Brendebach Ingenieure GmbH, Wissen, www.brende­bach.de
Techn. Gebäudeausrüstung: BERLING Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin, www.berl-ing.de
Brandschutz: Hagen Ingenieurgesellschaft für Brandschutz mbH, Kleve, www.hagen-ingenieure.de
Lichtplanung: BERLING Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin, www.berl-ing.de
Energieplaner/-berater: Brendebach Ingenieure GmbH, Wissen, www.brendebach.de

Planungssoftware

Architektur: ArchiCAD, BIMx
Tragwerksplanung, Haustechnik: Revit
Koordination: Solibri, BIMcollab
4D–5D: BIM4You Kollaboration: DOCby.net, CAFM-Connect Editor

BIM Anwendung

Big Open BIM Virtuelles Gebäudemodell 3D-Modell 4D-Modell 5D-Modell As-build-Modell

Hersteller

Dach: Sika Deutschland GmbH, deu.sika.com
Wand STB Fertigteilte: RUNKEL Unternehmensgruppe Siegen & Gotha, www.runkelbau.de
Decke: Odenwald Faserplattenwerk GmbH, www.owa.de
Dämmung: Sonnenschutz WAREMA Renkhoff SE, www.warema.de
Steckdosen:
Büsch&Jäger, www.busch-jaeger.de
Software: ArchiCAD, BIMx, Graphisoft Deutschland GmbH, www.graphisoft.de; Revit, Autodesk, www.autodesk.de;
Solibri, Nemetschek SE, www.nemetschek.com; BIMcollab, KUBUS BV, www.kubusinfo.nl; BIM4You, bib-GmbH, www.bib-gmbh.de 

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