Endlich: die EIbphilharmonie, Hamburg

Endlich. In wenigen Tagen eröffnet in Hamburg ein Musikhaus, auf dessen Räume, auf dessen Aussichten, auf dessen klangliche Qualitäten wir alle wohl schon lange gewartet haben. Gefühlt seit Jahrzehnten, in Wirklichkeit nur 16 Jahre.

Gewartet darauf, wie die Räume werden, die privaten, die öffentlichen und natürlich wie der „weltbeste Klangkörper“ geworden ist, der große Saal mit seiner „Weißen Haut“. Über deren porige Oberfläche durften wir schon mal die Finger gleiten lassen, was überraschend angenehm war, aber natürlich wenig darüber aussagen konnte, wie denn nun die Musik hier klingen wird. Die kleine und die große, die alltäglich und feierliche, die kanonisierte und die, die es erst zu entdecken gilt. Wie diese Musiken alle in einem Raum klingen, der den Parametern Nachhall, Präsenz, Raumeindruck und Klangfarbe unterworfen ist. Dieser Raum wurde wie das Meiste von Herzog & de Meuron, Basel, entworfen, wurde aber von einem Klangdesigner so gestimmt, dass er weit besser klingen wird als ein erwartbarer Standard.

In den vergangenen Jahren ist es, wenn es um die Philharmonie auf dem Kaispeicher A ging, fast immer um Geld gegangen. Darum, dass das alles zu viel koste, mehr jedenfalls, als einmal geplant und verkündet war. Zehnmal so viel. Was nicht stimmt, den Nörglern aber gerade richtig rund zuviel war. Die Nörgler hört man zurzeit nicht, ganz wie im Rausch der Eröffnung sind sich die Meisten gerade einig: Die 790 Mio. € sind gut investiert.

Gut investiert: 790 Mio. €

Tatsächlich kann man sich Hamburg heute nicht mehr denken, ohne dass die wunderbar im Tageslicht changierende, auf einem erhöhten Ziegelsockel segelnde Glasskulptur vor das innere Auge zieht. Das, was Sydney vor Jahrzehnten und zuletzt Bilbao vor Jahren mit ihren zu Ikonen gewordenen singulären Kulturbauten geschafft haben, konnten die Hamburger jetzt ebenfalls für sich realisieren. Die Elbphilharmonie, ein Konzerthaus mit Luxuswohnungen und Hotel, mit Autostellplätzen und einer öffentlichen Plaza mit fantastischem Rundblick auf eine kontrastreiche Stadt, diese Elbphilharmonie wird Hamburg konkurrenzfähiger machen im scheinbar so wichtigen Wettbewerb der großen europäischen Städte um gesteigerte Prosperität. Wer an diesem wachsenden Wohlstand in den kommenden Jahren teil-haben wird, ist noch nicht raus.

Geschichten

Angefangen hatte alles vor bald 16 Jahren, als Hamburg wie viele weitere deutsche Großstädte baulich auf die New Economy setzte. Da kamen erste Pläne für das Gelände  um den Kaispeicher A. Hier sollte, auf der Spitze des Dalmannkais im Planungsgebiet der HafenCity Hamburg, nach einem Inves-torenwettbewerb das niederländische Büro Benthem Crouwel, Amsterdam, den Speicher Werner Kallmorgens abreißen, und ihn in seiner Silhouette mit neuen Mitteln als Bürohaus wiederaufbauen. Zudem sollte auf der östlichen Speicherseite ein 97 m hoher Turm das Projekt „MediaCityPort“ (MCP) komplettieren. Die Dotcom-Blase lies die Stadt zögerlich reagieren, die Kommission für Bodennutzung dachte über Alternativkonzepte nach. Armin Sandig, Präsident der Freien Akademie der Künste, protestierte in einem offenen Brief gegen die „Verstümmelung“ des Speichergebäudes und kurz darauf kursierten Bilder von einem neuen Konzerthaus auf der Kaispitze durch die Medien. Eines davon, das ikonografische Rendering der Westansicht, ist heute reales Analogon geworden.

Diesen Coup hatte der Investor Alexander Gérard gelandet, der schon beim gescheiterten MCP engagiert war und das Hanseatic Trade Center, der Philharmonie gegenüber, finanziert. Gérard hatte in den 1970er-Jahren an der ETH Zürich Architektur studiert, möglicherweise kennen Investor und Architekten sich aus dieser Zeit. Gegen die Direktvergabe – denn um eine solche handelte es sich im Grunde nach der Projektübernahme durch die Stadt 2003 – klagte nur einer und ohne Erfolg: Stephan Braunfels, bis heute selbst ständig in Sachen Musikhäuser unterwegs.

2004, nur wenige Monate nach der Grundsatzentscheidung des Senats für den Bau der Elbphilharmonie im Dezember 2003, übernahm Hartmut Wegener die Aufgaben eines Senatsbeauftragten für den Philharmoniebau. Er bediente sich für die Wahrnehmung der Bauherrenaufgaben der ReGe Hamburg als Managementgesellschaft. Während seiner Amtszeit kam es zu den ersten Kostensteigerungen, die zunächst nur die natürlichen Korrekturen einer völlig desolaten Kostenschätzung waren. Denn tatsächlich geisterte ganz am Anfang die Zahl von 40 Mio. € für die Philharmonie durch die Presse. Auch die 77 Mio. €, eine Zahl, die heute immer wieder als erste Kostenschätzung kolportiert wird, stammt aus dieser Zeit und wurde unter Wegener niemals richtig gestellt. Das undurchsichtige Handeln und viele Managementfehler führten im September 2008 zur Entlassung Wegeners, ein gutes Jahr nach Grundsteinlegung im April 2007.

Das europaweit ausgelobte Bieterverfahren für den Bau der Philharmonie – immer ausgenommen die bis heute nicht in den genannten Gesamtkosten enthaltenen Baukosten für den westlichen Wohnturm – hatte 2006 das Konsortium Adamanta (Hochtief und Commerzbank) mit seinem Gebot über 241 Mio. € für sich entschieden. Erst 2013 wurden die Gesamtkosten vertraglich auf den heute überall genannten Betrag von 790 Mio. € festgeschrieben, wie gesagt, ohne die Erstellungskosten für die zwischen 120 und 400 m² großen 44 Luxuswohnungen, die von der Hamburger Quantum Immobilien AG finanziert und vermarktet werden (Raumkonzepte von Citterio-Viel & Partners, Mailand).

Meist standen die Kosten im Mittelpunkt

Bei der Elbphilharmonie hatten in der Berichterstatung meist die Kosten im Mittelpunkt gestanden – so gerne die 35 000 €/m² für die Topwohnung oder die 20 000 € für nur eines der mehr als 1 100 individuell verform-ten Glaselemente der einschaligen Fassade. Da geht die Architektur schnell unter. So beispielsweise die schon genannten Fassadenelemente, die mit ihrer Verformung Licht modulieren und organisch geformte Öffnungen sind, die mittels ihrer Bedruckung – zwei Druckfolien, die zwischen den insgesamt vier zu einer Einheit verschmolzenen Glasscheiben liegen – den Wärmeeintrag mindern sollen und direkte Einblicke erschweren. So auch die „Weiße Haut“ im Großen Saal, die aus etwa 10 000 individuell gefrästen Gipsfaserplatten besteht, die den Klang so modellieren sollen, dass er an jeder Stelle des Saals in gleich hoher Qualität ankommt. Eine Höchstleistung, die der Klangdesigner Yasuhisa Toyota an einem maßstäblichen Modell (1:10) mit 2100 in Filz gekleideten Miniaturzuhörern über Monate erarbeitet hatte und an der, wie er in einem Interview sagte, nichts mehr geändert werden kann.

Klangdesigner Yasuhisa Toyota

Nicht ganz so schicksalsergeben zeigt sich Toyota beim „Kleinen Saal“, der als „Schuhschachtel“ mit den Maßen 30 m lang, 14,6 m breit und 10 m hoch das ideologische Gegenstück zum „Weinbergprinzip“ des „Großen Saal“ darstellt. Ab Dezember 2016 versetzten Arbeiter mehrere Wandsegmente des eigentlich schon fertiggestellten Raums, dessen Oberfläche aus französischer Eiche besteht, die in vertikal verlaufenden Frässchnitten zu einer wunderbar kabbeligen Vollholzseelandschaft moduliert wurde.

Europas längste Fahrtreppe hinauf zur Plaza

Die „Tube“ genannte Rolltreppe muss genannt werden, über sie erschließen die Architekten die Plaza. Aber nicht einfach so, die 82 m lange, gebogene Fahrstraße steigt zunächst steil an, dann verflacht die Steigung bis fast Null Grad und entlässt die Besucher vor dem Panoramafenster im 6. OG: Elbe, Hafenszene. Nach dem Aussichtsstopp geht es in die Gegenrichtung eine kurze Fahrtreppe hinauf zum untersten Punkt der Plaza. Ein paar Stufen noch, schon stehen die Besucher auf der Plaza. Genauer: Sie stehen unter der Glasskulptur mit Hotel etc. und Philharmonie. Zwischen Elphi-Shop und Restaurant, Hotellobby und Shop, zwischen geschwungenen Glaswänden, die die Plaza nach außen hin schließen und ohne die der Wind übers allgegenwärtige Klinkerpflaster fegen würde.

Die Plaza ... die war das Versprechen von Stadt und Architekten, neben dem besten Konzertsaal der Welt, einem Luxushotel und Luxuswohnungen in bester Stadtlage einen spektakulären Ort anzubieten, der allen offensteht. Nun ja, fast allen, denn wer hinauf will zum wunderbaren Rundgang auf der Mauerkrone des um knapp 3 m hoch aufgemauerten ehemaligen Kaispeichers, der muss ein Ticket ziehen. Das ist zwar kostenlos, aber eben erst nach (Gesichts-)Kontrolle erhältlich. Von der Plaza werden in zwei skulpturalen Treppenräumen die Foyerlandschaften der beiden Konzertsäle und natürlich die Säle selbst erschlossen. Der Zutritt zu diesen Räumen ist allein Konzertkarteninhabern erlaubt.

Klobige Sitzmöbel

Wer allerdings eine Karte hat und in den großen Saal eintritt, wird schon von den Dimensionen der Weinberglandschaft beeindruckt sein. Doch trotz des Durchmessers des ovalen Konzertkessels mit einem maximalen Durchmesser von 55 m und einer Höhe von 25 m sitzt kein Zuhörer vom Dirigenten weiter als 32 m entfernt. Die Bestuhlung des Großen Saals wirkt etwas klobig, sie soll mit ihrem Design keine Assoziationen von klassischem Musikhausmobiliar freisetzen; auch ein Jazz- oder Rockliebhaber soll sich hier wie Zuhause fühlen. Letzterem ist ein Sitzplatz aber ganz gewiss nicht die erste Wahl. Wie überhaupt der Saal mit seiner wunderschönen Akustikhaut aus gefrästen Gipsfaserplatten allem Gerede zum Trotz einer ist, der einer analogen Musik geweiht zu sein scheint und weniger den elektronisch verstärkten Klängen. An deren Raumwirkung noch bis zur Eröffnung gefeilt wird.

Die große Klais-Orgel, die sich in der Weinberglandschaft sichtbar hinter einem durchbrochenen Spitzengewebe aus Gipsfaser befindet, hat ein Fernwerk im Akustikreflektor, der aus dem Zentrum der Saaldecke herabhängt, den Schall lenkt und – neben den Orgelpfeifen – tonnenweise Licht- und Bühnentechnik enthält.

Auf Federpaketen schallentkoppelt gelagert

Der „Große Saal“ – aber auch der kleine – sind schallentkoppelt ins größere Philharmoniegebäude eingebaut. Das heißt, beide Räume stehen als eigene Konstruktion in einer zweiten, sie umschließenden. Dabei ruht der „Große Saal“ auf 342 Stahlfederpaketen, der kleine auf 56. Zusätzlich kommen Schwingungstilger zum Einsatz. Der Grund für diese hochkomplexe und extrem teure Konstruktion ist einerseits, dass man während eines Konzerts – es wird ja nicht ständig Anton Bruckner gespielt – den Hafenlärm nicht hören möchte, der Zuhörer und Musiker irritieren könnte. Vor allem aber wurde dieser Aufwand getrieben, weil tatsächlich weder den Hotelgästen, vor allem aber nicht den Luxuswohnungseigentümern, zugemutet werden kann, alltäglich dem Konzertprogramm nebenan ausgesetzt zu sein. Auch wenn nicht ständig Anton Bruckner gespielt wird.

Das Dach

Das häufig schneeweiß gleißende Dach des Konzerthauses besteht geometrisch aus acht wellenförmig angeordneten Kugelteilflächen. Der tiefste Punkt des Daches liegt bei 80 m, der höchste bei 110 m. Die Konstruktion des die Stahlbetoneinbauten überspannenden Daches ist ein Stahlbau, der sich aus 1 000 Dachträgern zusammensetzt, die sämtlich Unikate sind. Es gab kein reguläres Raster, auf dem eine einfache Montage hätte erfolgen können. Geschlossen wird das Stahlgerippe mittels zwischen die gekrümmten Träger gespannten Trapezblechen TR85 mit einer Dicke von 1,0 bis 1,25 mm. Das Gleißen des Daches resultiert aus der Reflexion der auf die Dachhaut montierten 8 359 weißen Pailletten. Die eloxierten und pulverbeschichteten (RAL 9016) Aluminiumscheiben haben einen Durchmesser von 90 und 110 cm. Die Scheiben wurden – um auf den gekrümmten Flächen stimmig zu sitzen – als 3D-Objekt geplant (zum Dach folgt in der Februar-Ausgabe der DBZ ein ausführlicher Fachbeitrag).

Erschöpft am (Happy) Ende

Seien wir ehrlich: Die Geschichte ist zu lang geworden. Am Ende wollte so recht niemand mehr über die Kosten schreiben, über die Schuldzuweisungen, die Rechtfertigungen. Herzog & de Meuron thematisierten ihren Frust auf der Architekturbiennale 2012 in Venedig. Sie führten mit der Präsentation von relevanten Zeitungsbeiträgen um Modelle der Elbphilharmonie herum wändelang vor Augen, wie schwierig die Verhältnisse zwischen Architekten, Bauherrn, ausführenden Firmen und natürlich der Öffentlichkeit ist. So sieht Frust aus. Aktuell stellt Jacques Herzog in einem Spiegel-Interview fest, er müsse sich jetzt „etwas anderem zuwenden. Und zwar nicht nur, weil ich als Architekt das Gebäude abstoßen möchte, sondern weil dieses Gebäude auch mich abstößt. Denn einmal vollendet, braucht es den Architekten nicht mehr; es lebt nicht von ihm. Der Architekt spielt keine Rolle mehr, es sind die Nutzer und Benutzer, die es lebendig erhalten.“ Wem er und sein Team sich nun zuwenden, kann man der Presse entnehmen, also auch der DBZ. Der Wettbewerbsgewinn auf dem Kulturforum in Berlin mit einem Vorschlag für ein Museum des 20. Jahrhunderts braucht tatsächlich alle Kraft: die, gegen eine uneinige Bauherrschaft durchzuhalten, gegen Verrisse in beinahe allen Feuilletons, gegen Finanzkrisen und politischen Wandel.

Erschöpft sind auch die medialen Begleiter, die am 11. Januar 2017 noch einmal alles geben werden. Um dann hoffentlich endlich über das zu schreiben, was die Elbphilharmonie eigentlich ist: eben kein Produkt ästhetischer Kalkulation, kein Beispiel für Missplanung und Kostenexplosion, kein Ort der Immobilienspekulation und Motor voranschreitender Gentrifzierung, sondern schlicht ein schön gebautes Haus, in dem Musik zum Klingen gebracht wird. Im besten Falle Musik von Begeisterten für ebensolche. Der Ort ist nun definitiv dafür in der Welt, die Musiker sicher auch, jetzt ist es an uns. Be. K.

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