Ein kleines Gedicht
García-Abril & Ensamble Studio auf kulinarischen Abwegen

Trüffel! Um keinen anderen (essbaren!) Pilz ranken sich mehr Legenden, als um dieses vielleicht kostspieligste aller noch gesunden amuse gueule. Eine davon ist mittlerweile allerdings endgültig entmystifiziert: die, dass der Perigordtrüffel, der Weiße Albatrüffel/Piemont-Trüffel, der Sommertrüffel und Burgundertrüffel allein ein Geschenk der Natur seien, also nicht züchtbar. Leider ist dem nicht mehr so, die einsam jagenden Trüffelschwein- oder Trüffelhundeführer gehören der Vergangenheit an. Die eigentlich im Verborgenen wachsende und nur schwer auffindbare Kostbarkeit kann jetzt endlich auch großflächig angebaut und im Supermarkt käuflich (und meist überteuert) erworben werden.

Aber so ist der Mensch, erfindungsreich und also manchmal ohne jeden Verstand (oder sollte ich schreiben: ohne jedes Wissen?). Der Spanier Antón García-Abril (mit Ensamble Studio) ist ein erfindungsreicher Mensch, seine Architekturen zeugen allerdings von Verstand und – das ganz sicher auch – von Wissen. Er weiß, was er seinem Baumaterial (vorzugsweise Beton), seinen statisch extravaganten Konstruktionen abfordern darf; beispielsweise beim Bau der Villa Hemeroscopium (DBZ 8/2009), bei welchem tonnenschwere Balken ein überaus filigranes Wohnhaus mit fliegen­dem Pool in Wettkampfdimension bilden. Jetzt aber einen „Trüffel“, eine Eigenzüchtung in Beton, die der Exquisität eines weißen Piemont-Trüffel allein in geschmacklicher Weise nachsteht (glücklicherweise, ansonsten wäre der Bau wohl längst verspeist).

Sie gruben ein Loch, formten drumherum den Aushub als kleinen Wall, gossen eine Bodenplatte. Auf diese schichteten sie Heuballen und formten damit das spätere Volumen des Trüffels. Der Heuballenstapel wurde mit Beton eingegossen. Nach ein paar Tagen gruben sie den Trüffel aus Beton frei. Das Ergebnis war ein amorphes Gebilde, dessen Oberfläche erdig rauh und betonhart war und eine Mischung aus Sprengrest und einer Plastik von Hans Josephsohn. „Wir hatten da noch keine Architektur geschaffen, eher ganz schlicht einen Stein.“ Von dem sägten sie mit Seilsägen vorne und seitlich (Fenster und Eingang) eine mächtige Scheibe ab.

Jetzt kam der Auftritt des Kalbs Paulina, das die rund 50 m³ feinsten Heus gleich vor Ort und über das folgende Jahr verteilt auffraß; bis es mit 300 kg Lebendgewicht zu den ausgewachsenen Rindern zählte. Das Ausfressen der Höhle offenbarte mit jedem Tag mehr die Unentschiedenheit des Raumes innen, der zwischen Naturhöhle und geplanter Geometrie schwankte. Zwar hatten die Architekten die Verformungen der Heuballen unter der Erd- und Betonlast annähernd berechnet, doch wie sich der Innenraum tatsächlich am Ende gestalten würde, mussten sie offenlassen. Um so größer die Freude, dass der Einraum in seiner Differenzierung der einzelnen Zonen kaum noch größerer Nachbearbeitun­gen bedurfte; die Bettstelle vor dem Panoramafenster (Meerblick), die Dusche unterm Himmel, die klappbare Toiletten-Waschanlage und nicht zuletzt der befriedigende Zug des Kamins über der offenen Feuerstelle, alle diese wenig variablen Einbauten fügten sich perfekt en ensemble.

Wie viel Platz braucht man für ein Wochenende draußen, wie viel Platz für Gäste, die nicht mehr wollen, als sich nach dem Abendessen in großer Runde „auf ihr Zimmer“ zurückzuziehen? 13,40 m²? Sie hätten, so die Architekten, das Cabanon Le Corbusiers vor Augen gehabt, mit seiner Funktionalität, aber auch in seiner Dimen­sion (13,40 m²). Doch abgesehen davon, dass das „Cabanon in Beton” mit Le Corbusiers modulorbestimmter Holzhütte äußerlich – und in der Weise des Werdens – nur etwas auf den zweiten Blick gemeinsam hat, ist der angeschnittene, weiße Trüffel im nordwestlichsten Punkt Spaniens (bei Laxe, Costa da Morte) ein Ort des Rückzugs, der Entspannung in Abgeschieden­heit verspricht (Le Corbusier hatte prominen­te Nachbarn und – wenn er denn einmal da war – andauernd Besuch).

Beiden Miniaturarchitekturen ist die Exposition über dem allerdings recht unterschiedlichen Meer gemeinsam, auch ihr Verstecktsein unter Baumkronen. Doch dort, wo der Meister beinahe schon ländliche Rustikalität und das Klaustrophobe mönchischer Zellen evozierte – Sensuchtsort aller wirklichen und möchte gerne Intellektuellen –, ist der Betonbau, der bewohnbare Trüffel, Ausdruck von Luxus. Beide zeugen von Kennerschaft, der eine gehört ganz der (auch legendenreichen) Architekturgeschichte, der andere wird vielleicht einmal für viele Folgebauten Prototyp sein: handgemacht, ein Stück gebauter Natur. Oder wie Antón selbst sagt: „un pequeño poema“, ein kleines Gedicht. Und das sagt man doch auch zu einem köstlichen Gericht wie beispielsweise Fasanen-Supreme mit Trüffel?! Be. K.

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