Bushof Aarau/CH

Blau bewölkt Bahnhofsvorplatz, Aarau/CH

ETFE-Folien kennt man als mehrere Quadratmeter große Kissen, die bei Dächern oder bei Fassaden verbaut werden. Anders in Aarau: Über den Vorplatz des neugebauten Bahnhofs schwebt eine blaue Wolke mit dem größten Folien-Luftkissen der Welt.

Aarau boomt. Die Stadt, zwischen Basel, Bern und Zürich gelegen, hat bei rund 20 000 Einwohnern mehr als 27 000 Arbeitsplätze. Entsprechend groß ist der Pendlerverkehr, entsprechend ist die Stadt ein Verkehrsknotenpunkt, entsprechend der Bahnhof hoch frequentiert. Doch mussten die Aarauer lange warten, bis sie ihren alten, 1856 erstellten Bahnhof durch einen neuen ersetzen konnten. 1991 gab es einen Wettbewerb, 1992 hieß nach der zweiten Stufe der Sieger Theo Hotz mit den Verkehrs- und Tragwerksplanern von „suisseplan“. 1996 war die Planung abgeschlossen, doch die politischen Entscheidungen dauerten. Zwölf Jahre später wurde endlich begonnen – mit einem vollkommen anderen Konzept und nur dem ersten Bauabschnitt. 2010 feierte die Stadt die Eröffnung des neuen, vorerst 190 m langen Bahnhofs, wobei nur 15 % des Gebäudes von der Bahn genutzt werden. Der Rest ist dem Einzelhandel und Büros vorbehalten. Und die

Aarauer mussten erleben, dass sich ihr neuer Terminal abermals in eine Baustelle verwandelte: Mateja Vehovar, die einst als Wettbewerbsarchitektin und Projektleiterin bei Theo Hotz diesen Bahnhof plante, und ihr Partner

Stefan Jauslin wurden beauftragt, den Bahnhofsplatz mitsamt unterirdischer Passerelle und einem bedachten Busbahnhof neu zu planen.

Der Vorplatz war den bis zu 50 000 Reisenden, die täglich via Zug in Aarau ankommen oder abfahren, ebenso wenig gewachsen wie der alte Bahnhof: zu klein, zu vollgestellt, ein unübersichtliches Sammelsurium an Hinweisschildern und Kandelabern, Rabatten und Pflanzkübeln, Taxiständen und Kurzparkplätzen, einem Pavillon und einer Tiefgarageneinfahrt. Und die Haltestellen der Busse waren auf die Umgebung verteilt. Niemand fühlte sich in Aarau willkommen. Die Neugestaltung des Bahnhofsplatzes musste sich allerdings einem Bürgerentscheid stellen – und die Aarauer stimmten mit 83,8 % zu. Und das, obwohl die Architekten keineswegs einen auf den ersten Blick gefälligen Entwurf vorlegten: keine geschlossene Halle, kein durchgehendes Dach, sondern eine amöbenförmige Wolke auf Stützen, die noch dazu mit einem großen, bei Wind und Wetter wenig Schutz bietenden Durchblick – vulgo: Loch - versehen war. Die Dachwolke offerierte den Aarauern allerdings einen weiteren Superlativ, nachdem schon die Bahnhofsuhr das größte Ziffern­blatt der Schweiz besitzt: das größte Luftkissendach der Welt mit einer Fläche von 1 070 m².

Luftkissen aus ETFE-Folien kennt man in der Architek­tur schon eine ganze Weile. Anfangs für ambitionslose Gewächshäuser oder Schwimmhallen benutzt, dann unter ökologischem Vorzeichen für Dächer von anspruchsvollen Wohn- und Bürogebäuden. Und seit Herzog & de Meuron die Kissen bei mehreren Fußballstadien einsetzten, haben sie Kultstatus erreicht. Freilich, die Luft-kissen sind stets nur wenige Quadratmeter groß. Ganz anders in Aarau. Über dem Bahnhofsvorplatz gibt es  
gerade eine einzige Luftkammer mit einem Volumen von 1 810 m³. Formbestimmend sind Stahlseile in einer Gesamtlänge von 3,76 km, die über und unter das Kissen gespannt wurden. Überdies ist das Luftkissen bedruckt – und es ist auf der Oberseite blau. „Von Anfang an wollten wir unter dem Dach eine räumliche Stimmung erzeugen, die derjenigen einer Waldlichtung ähnlich ist“, sagt Mateja Vehovar. Und: „Um die Passagiere in einer hellen und freundlichen Umgebung zu empfangen, wurde ein sehr leichtes, lichtdurchlässiges Material gewählt.“ Dass EFTE-Folien nicht nur witterungsbeständig, sondern auch langlebig und vor allem selbstreinigend sind, überzeugte auch den Bauherrn.

„Leicht“ ist indes relativ. Um diesen Hauch von Luft in einer lichten Höhe von 4,70 bis 5,40 m – Gesamthöhe 8,60 m - zu halten, war ein Tragwerk mit einem Eigengewicht von gut 87 t notwendig. Der tragende Stahltisch ist andererseits im Dach integriert, er wird zum form-, oder besser: zum visuellen Eindruck mitbestimmenden Bauteil. Das Tragwerk ist eine unter mehreren, sich überlagernden Schichten, die insgesamt eine flirrende Wirkung erzeugen, die man von Laubbäumen im Wind kennt. Der verwendete Stahl ist in C5 lang beschichtet, hat also höchsten Korrosionsschutz. Der Aufbau des Daches lässt sich so beschreiben: Die insgesamt 11 Stützen mit jeweils einem Innendurchmesser von 298 mm folgen drei Bussteigen, wobei sie, um eine optisch leichtere Wirkung des Daches zu erzielen, in einer Richtung geneigt sind. Als erste Schicht kommen die unteren Seile – Spiralseile aus je 37 Drähten -, gegen die das Luftkissen bauchig drückt. Darüber der geschraubte Stahltisch: Längsstreben parallel zu den Bussteigen, schräg dazu verlaufende Querstreben – jeweils Rechteckprofile in den Abmessungen 400 x 200 x 8 mm, die Sternknoten an den Stützenköpfen und die gebogenen, insgesamt 250 m langen Randträger. Letztere bestehen aus Rundrohren mit einem Außendurchmesser von 355,6 mm und einer Wandstärke von 10 mm. Über dem Stahltisch kommen die obere Folie und die Seile des oberen Seilnetzes. Insgesamt 8 von ihnen dienen – mit einer Stärke von jeweils 12 mm – als Blitzschutz. Obere wie untere Seile haben an beiden Enden längenjustierbare Gabelfittings, die mit 2-achsigen Gelenken an den Randrohren befestigt werden. Um den flirrenden Eindruck zu betonen, verläuft das Seilnetz nicht in definierten Richtungen, sondern zufällig. Zwischen der obersten und untersten Schicht gibt es für Notfälle 67 transluzente Entwässerungsschläuche. Für die Kissen setzten die Ingenieure eine Schneelast von 85 kg/ m² an. Im Winter herrscht innerhalb des Luftkissens ein Druck von bis zu 850 Pascal, im Sommer 300 Pascal. Üblicherweise wird bei Luftkissen ein in der Anschaffung günstiges Abluftverfahren angewendet, bei dem die durch Ventile entweichende Luft ersetzt wird. Dieses Verfahren ist  freilich energieintensiv, weil die zugeführte Luft getrocknet werden muss – die Betriebskosten sind entsprechend hoch. In Aarau setzten die Planer ein sparsames Umluftsystem ein: Die zirkulierende Luft wird durch vier Stützen zu einem Aggregat im Untergeschoss geleitet. Die wieder zugeführte Luft – nur ein Bruchteil ist neu, nur ein Bruchteil muss also getrocknet werden – fließt durch vier andere Stützen in das Kissen zurück. Damit dieses System funktioniert, musste sowohl das Kissen als auch das Luftleitungssystem quasi luftdicht ausgeführt werden. Die Folienränder haben dabei umlaufend aufgeschweißte Kederfahnen, die einer Bordüre ähneln. Diese Fahnen be­stehen aus einem umgeschlagenen schmalen Folienstreifen, in den der sogenannte Keder, eine Kunststoffschnur, eingeschweißt ist. Der Keder erzeugt in Verbindung mit einer Nut in der Kederleiste einen Formschluss, der benötigt wird, um den Folienrand kraftschlüssig auf dem Randrohr zu befestigen.

Zu sehen ist das allerdings nicht. Kederleisten, Randrohr und Regenrinne werden von einem V-förmigen Blech abgedeckt. Das einzige Deko-Teil, betont Mateja Vehovar, dessen Ziel es war, das Dach in einer scharfen Kante enden zu lassen. Sowohl Architekten, als auch die Ingenieure von formTL waren an sauberen Linien interessiert. Deshalb verlaufen alle Versorgungsleitungen innerhalb der Tischprofile und Stützen: neben den 8 Rohren für Ab- oder Zuluft mit einem Außendurchmesser von 100 mm ebensolche für das ab­zuführende Wasser und Rohre für Elektroleitungen, die Leuchten und Messeinrichtungen versorgen. Ober- und Unterseite des Kissens bestehen aus jeweils drei Folienpaneelen, deren Stöße wiederum mit Kederleisten luftdicht gefügt sind. Diese Leisten wurden vorge-bogen und nehmen die Form des Kissens vorweg. Für die Oberseite wurde die Folie mit einem blauen ETFE-Granulat eingefärbt, nach einer Koronabehandlung, die die Spannung der eigentlich Wasser und schmutzabweisenden Oberfläche erhöht, konnte sie ebenso wie die untere Folie bedruckt werden. Zusammen mit dem Designer Paolo Monaco entwickelten die Architekten ein auf die Größe der Druckwalze abgestimmtes Seifenblasen-Muster. Die Verläufe der beiden Druckfarben – dunkelsilber und hellsilber – betonen einmal mehr die flirrende Erscheinung des Daches. Das saubere Arbeiten von Planern und Ausführenden wie auch das Warten der Aarauer auf ihren neuen Bahnhofsvorplatz haben sich gelohnt: Das Dach ist ein Solitär unter Solitären, wobei es etwas in die Bahnhofstraße hervorragt und signalhaft für den neuen Bahnhof steht.

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