Big Lift und andere Herausforderungen
Stadion Fonte Nova, Salvador da Bahia/BR
   

Alles begann mit einer E-mail, die bei Claas Schulitz im Postfach landete. „Wollen Sie mit uns zusammen arbeiten, wenn es einen Wettbewerb für die WM in Brasilien gibt?“, fragte Marc Duwe. Der brasilianische Architekt hatte mehrere, im Stadionbau erfahrene Büros angemailt. Schulitz antwortete spontan mit „Ja“, ohne weitere Fragen zu stellen.

Den einzigen Architekturwettbewerb für die WM hat die Kommune der Millionenstadt Salvador ausgelobt – schneller als erwartet und noch vor dem Zuschlag der FIFA für Brasilien als Austragungsort. Ein tragisches Unglück mit mehreren Toten forcierte die Aus­lobung: 2007 war in der alten, maroden Fußballarena eine Tribüne eingestürzt. „Für den Wettbewerb gab es keine Vorgaben – weder ein Raumprogramm noch brasilianische Baugesetze“, erinnert sich der Braunschweiger Architekt, der im Team mit seinem Vater Helmut Schulitz und Bruder Marc Schulitz schon die AWD-Arena (jetzt HDI-Arena) in Hannover für die Fußball-WM 2006 gebaut hat. „Ähnlich wie in Hannover schlugen wir zunächst den Umbau des bestehenden Sta­dions vor“, fährt er fort. „Im Laufe der Planungen hat sich jedoch gezeigt, dass man das Stadion nur abreißen konnte.“ Das

transatlantische Architektenduo gewann den Wettbewerb im Herbst 2008, weil es die alte Form wahrte und mit einem neuen, leichten Membrandach versah.

Traditionelle Hufeisenform + Nachhaltigkeit

Das alte Stadion war im Grundriss wie ein Hufeisen angelegt. Diese, aus der Antike stammende Anordnung ist in Brasilien sehr beliebt. In Salvador liegt die Sportstätte nahe dem Stadtzentrum und öffnet sich mit einer großen Geste zum See im Süden. Die Öffnung dient nicht nur der besseren Durchlüftung im heißen Klima sondern bietet die Möglichkeit, das 50 000 Zuschauer fassende Stadion das ganze Jahr über für weitere Veranstaltungen zu nutzen. In der offenen Zone können temporäre Bühnen für Konzerte oder Theater errichtet werden. Besonders spektakulär ist das Restaurant, das als schmale Brücke in der Öffnung schwebt. Die gute Anbindung des Stadions an den öffentlichen Nahverkehr soll den Individualverkehr und die Umweltbelastung reduzieren. Auch soll der Neubau die Umgebung sozial aufwerten. Schon jetzt steigen die Mieten im Umfeld. „Leider hatten wir als Planer keinen Einfluss auf die Gestaltung des direkten Umfelds“, betont Claas Schulitz. Die größte Heraus-

forderung für ihn war, „überhaupt an dem Projekt dranzubleiben“, wie er sagt. Er ist in den fünf Jahren Bau- und Planungszeit fast 30 Mal nach Brasilien geflogen, hat Portugiesisch gelernt, „weil man mit Englisch in Brasilien nicht weiter kommt“, und ein halbes Jahr vor Ort gearbeitet. „Die Planungskultur in Brasilien ist eine andere“, sagt er diplomatisch. „Da es überhaupt keine Vorschriften gab, haben wir zunächst nach deutschen Regeln geplant (Versammlungsstätten VO). Dann kam die FIFA und ordnete an, nach den englischen Regeln (Green Guide) umzuplanen. Das galt vor allem für die Rettungswege.“ Besonders stolz ist er auf die Realisierung des Membrandaches.

Materialminimiertes Membrandach

„Seilverspannte Membrandächer waren in Brasilien bisher nicht so bekannt“, meint Claas Schulitz. „Die Brasilianer hatten Angst davor. Deshalb wollten sie immer wieder zu einem Kragdach als Tribünendach wechseln und haben Gegenentwürfe gemacht.“ Nach viel Überzeugungsarbeit ist schließlich das extrem materialminimierte Dach verwirklicht worden, das stützenfrei über den Zuschauerrängen schwebt und so eine optimale Sicht auf das Spielfeld bietet. Die filigrane Stahlkonstruktion, die den Prinzipien eines Speichenrades folgt, entstand im Team mit den Stuttgarter Ingenieuren RFR, die schon erfolgreich mit den Architekten das Stadion­dach in Hannover realisiert haben und in

Salvador vom Wettbewerb an dabei waren. Für den Generalunternehmer, ein Konsortium aus zwei großen brasilianischen Bau-

firmen, schien die Errichtung der seilverspannten Konstruktion immer problematisch. Denn man kann erst nach dem so genannten „Big Lift“ mit dem „Innenausbau“ im Stadion beginnen. Im Herbst 2012 war es endlich soweit: Mit einer Armada von Kränen und Seilwinden wurde das Dach „hochgezogen“, fast vergleichbar mit dem Richten eines Flaschenschiffes, nur in anderen Dimensionen. Argentinische Gebirgskletterer spannten anschließend die PTFE-Planen in schwindel-

erregender Höhe über das leichte Stahltragwerk. Sein Gewicht liegt bei nur 45 kg/m². In der Planung wurde sogar der äußere Druckring, der zunächst in Beton geplant war, in Stahl umgewandelt, um Material zu sparen. Nach dem Big Lift blieben sechs Monate Bau­zeit bis zur Stadioneinweihung am 7. April 2013. Zum Teil arbeiteten bis zu 4 000 Arbeiter in drei Schichten Tag und Nacht bis zur Fertigstellung. Der Einsatz hat sich gelohnt. Ein Jahr vor der Fußball-WM finden in der neuen Arena schon drei Spiele des Confederation-Cups statt. Ohne Zweifel wird die Arena di Fonte Nova auch nach der Fußball-WM attraktiv bleiben. In der Millionenstadt Salvador gibt es zwei große Fußballvereine, die in der Arena antreten. 2016 wird sie Aus­tragungs­ort olympischer Fußballspiele sein. Ganz zu schweigen von den alternativen Nutzungen für Konzerte oder andere Groß­veranstaltun­gen. Für Schulitz und Partner geht das Abenteuer Sportbau weiter: In ihrem Heimatort Braunschweig optimieren sie gerade das Stadion für die Eintracht, die nach 28 Jahren wieder in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. Susanne Kreykenbohm, Hannover Webcode DBZ3Q0UB

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