Axel Springer Campus, Berlin, ganz analog

Die Medienlandschaft ist im Umbruch! Schreiben die Mitarbeiter der druckenden Medienlandschaft, aber auch das Fernsehen und die Verursacher/Gewinnler des Umbruchs, die so genannten Sozialen Medien reden den Umbruch herbei. Ganz allgemein meint dieser Umbruch, der eher eine Umwälzung grundsätzlicher Strukturen ist und die Infragestellung kompletter Geschäftsmodelle, dass das traditionelle Printgeschäft den auf digitalen Produkten basierenden Entwicklungen wird nachgeben, gar weichen müssen. Wobei nicht klar ist, was für Produkte das sein sollen, die in der Medienlandschaft die Umsätze garantieren.

Und weil Umbrüche medial begleitet werden wollen, weil das Denken über die digitale Zukunft traditioneller Verlage ganz neue Denk- und ja, auch Arbeitsräume braucht, bauen die Verlage zunächst einmal ganz analog um. Gruner & Jahr will aus seinem Bau nach 30 Jahren Arbeitens am Hamburger Hafen (Architeken: Steidle & Partner und Kiessler & Partner) in die HafenCity umziehen. Der Spiegel sitzt schon seit ein paar Jahren an der Erikus-Spitze (Architekten: Henning Larsen). Die taz gönnte sich gerade einen größeren Neubau (Architekten: E2A Architekten). Nun folgt in diesem Jahr der gerade den MitarbeiterInnen übergebene Axel-Springer-Campus (Architekten: Rem Koolhaas OMA).

Job- und Wohnungsportale

„Zusammen mit der Transformation der etablierten starken Medienmarken, eigenen Online-Neuentwicklungen und strategisch ausgerichteten Akquisitionen von Web-Unternehmen ist diese Vernetzung einer der Bausteine der internationalen Digitalisierungsstrategie: Die Axel Springer SE will der führende digitale Verlag werden.“ (Website Axel Springer 2024) Nun ist die Transformation der starken Marken mit BILD oder WELT, Auto Bild, Business Insider oder auch dem Rolling Stone (noch) nicht geglückt, die noch vorhandenen Umsätze werfen immer weniger Gewinne ab. Im Gegensatz zum Geschäft mit digitalen Produkten, das 87 %  des Gewinns im letzten Jahr erwirtschaftete … mit Job- und Wohnungsportalen! StepStone, immowelt.de und andere Service-Portale waren vor Jahrzehnten einmal im Anzeigenteil der Tages- und Wochenzeitungen zuhause, längst sind sie eigene, zentrale Geschäftsfelder, digital getriebene Unternehmungen, die mit vergleichsweise wenig (Personal-)Aufwand maximalen Umsatz und Gewinn generieren. Aber ist ein solches Geschäft noch das eines Verlags? Ist darum die frohe Botschaft des Dr. Mathias Döpfner, man habe den digitalen Turn geschafft, nicht eine missverständliche? Das klassische News-Geschäft der Verlage hat immer noch nicht das Geschäftsmodell gefunden, das Aufwand und Erlöse verträglich zueinanderstellt, auch nicht bei Springer. Digitaler Turn gelungen?

Höhlenlandschaft

In der Wettbewerbsendrunde 2014 waren mit Bjarke Ingels Group, Büro Ole Scheeren und OMA Architekturhaltungen versammelt, die nicht mehr von Arbeitsplätzen sprechen, sondern von Workspaces, Collaborative Cloud und Public Spaces. Den drei Büros war es wichtig, dass sich das Arbeiten vom singulären Bildschirmarbeitsplatz löst und in einen offenen Raum übergeht, in dem Kommunikation (verbale, nonverbale) die Themen ausmacht und antreibt, interne wie externe. OMA hat das – ähnlich wie Ole Scheeren – mit einer Höhlenlandschaft gelöst, deren Terrassenstruktur ein riesiges Atrium herstellt, in dem ­Blicke zig Meter weit reichen und schnelle, weittragende Papierflieger Notizen übermitteln können. Extrem lange, zerbrechlich wirkende Stahlbetonstützen ragen in diesem luftigen, mehr als 40 m hohen Raum bis zum Dachgeschoss hoch, das obenauf einen Garten trägt und das gigantische, 1 325 t schwere Transfertragwerk einverleibt. Die Stahlkonstruktion hält die über dem ­Atriumboden schwebenden fünf Geschosse zuverlässig in ihrer Ebene.

Diese Landschaft, die das Ergebnis eines Aushöhlungs- und Auskleidungsprozesses ist, öffnet sich über eine offensichtlich demnächst berstende Pfostenriegel-Fassade in Richtung Axel Springer Zentrale, von der aus theoretisch der Vorstand auf die Schreibtische der Angestellten schauen könnte. Die nördliche, weniger aufgeregte Fassade wurde auf Druck der gegenüberliegend Wohnenden, die Verschattung befürchten mussten, aus dem Straßenraum zurückgebogen.

Das Thema der Durchlässigkeit haben alle drei Entwürfe gespielt, schon mit Blick auf die hier einmal verlaufende Berliner Mauer. Wer aber glaubt, er könne auf dem scheinbar öffentlichen Platz vor dem Neubau, südlich der Zimmerstraße entlang des Altbaus, machen, was er oder sie möchte, irrt. Verdächtig agierende (fotografierende) Personen werden freundlich wie unmissverständlich darauf hingewiesen, dass sie sich auf Privatgelände befinden und ihr – aus Hausherrensicht – unangemessenes Verhalten bitte zu unterlassen haben.

Digitaler Turn? Eher nicht. Der schwarz schimmernde, in zwei Teile zersägte Edelstein aus dem Hause OMA ist wegen seiner Bezugnahme auf das funktionalistisch Naturale sehr BILD und ein Analogon zur goldschimmernden Hochhausscheibe von Melchiorre Bega/Gino Franzi, Mailand, mit Franz Heinrich Sobotka und Gustav Müller, Berlin, aus den frühen 1960er-Jahren.

Science-Fiction, also das Spiel mit Zukunfsbildern, arbeitet meist mit Räumen, die aus Versatzstücken konstruiert sind, die aus der Vergangenheit kommen. Die HeldInnen der Zukunft schauen in ihr Leben mittels VR-Brillen oder über Implantate, die das neuronale Zentrum erreichen. Aber das ist wirkliche Zukunft, die wahrscheinlich ohne ein Axel Springer Imperium real werden wird. Be. K.

www.oma.eu, www.axelspringer-neubau.de

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