Aufpoliertes Kleinod der Moderne

Denkmalgerechte Sanierungen sind die Königsdisziplin der Instandsetzungsaufgaben. ­Exemplarisch dafür steht das Projekt Haus Pungs in Kleinmachnow bei Berlin: Das ­Engagement der neuen Eigentümer und der Berliner Architekten Müller-Stüler und Höll ermöglichte in Zusammenarbeit mit Restauratoren und Handwerksfirmen eine beispielhafte Gemeinschaftsleistung.

In einer ruhigen Wohnstraße in Kleinmachnow am südwestlichen Stadtrand von Berlin überrascht ein weißes kubisches Gebäude zwischen seinen mehr oder minder gewöhnlichen Nachbarn. Als eines der letzten in der Weimarer Republik realisierten Wohnhäuser der Moderne wurde das Einfamilienhaus 1932 von Paul Rudolf Henning für die kulturell aufgeschlossene Bauherrin Elisabeth Pungs errichtet. Der Architekt und Bildhauer Henning war ein Vertreter des Neuen Bauens und unter anderem am Bau der Berliner Großsiedlung Siemensstadt beteiligt. Für das Grundstück in Kleinmachnow entwarf er eine kleine, innovative Villa, die er konsequent mit den Architekturelementen der Moderne ausstattete: einen klar geschnittenen Baukörper mit nicht sichtbarer Dachfläche, schmalem Betonvordach und Fensterbändern.

Drei runde „Bullaugen“ sind wie grafische Elemente in die weißen Fassadenflächen gesetzt. Das monolithisch wirkende Volumen ist ein verputzter Mauerwerksbau, der wie eine Skulptur auf einem Sockel aus roten Natursteinplatten platziert ist. Im Erdgeschoss ist dem nur 5,70 mal 9 m großen, rechteckigen Grundriss nach Norden ein halbrunder Vorbau angefügt. Eine interessante Lösung, denn hier sind Küche und Esszimmer als eigene Bereiche angeordnet, die sich zugleich aber auch zum Wohnzimmer hin öffnen. Die fließenden Raumfolgen bilden so trotz der kleinen Grundfläche eine großzügig wirkende Wohnlandschaft, die auch das durch eine Wandscheibe zonierte Arbeitszimmer umfasst. Im Obergeschoss finden ein großer und zwei kleine Schlafräume sowie ein Badezimmer Platz – ein wohlausgeklügeltes, effizientes Raumprogramm auf einer Gesamtwohnfläche von nur rund 100 m2.

Zustand 2018 und Sanierungskonzept

Trotz zahlreicher Besitzerwechsel und einiger baulicher Veränderungen ist die Originalsubstanz größtenteils erhalten geblieben – im Inneren waren die ursprünglichen Grundrisse weitgehend unverändert, ebenso die Bodenbeläge und viele Details wie die Türen samt ihrer kugelförmigen Knäufe. Das äußere Erscheinungsbild war durch eine Stahl-Glas-Pergola an der Westseite und uneinheitliche Fassadendämmung aus den 1990er-Jahren verunklärt. Große Risse im Außenmauerwerk des Küchenvorbaus deuteten auf Schäden in der Gründung hin.

Seit 2014 stand das Haus Pungs leer und war zeitweilig sogar abrissgefährdet, wurde 2017 jedoch in die Denkmalliste aufgenommen. 2018 fanden sich jedoch neue Eigentümer, welche die Qualitäten des sanierungsbedürftigen Baudenkmals erkannten und die Berliner Architekten Müller-Stüler und Höll mit der behutsamen Instandsetzung und Modernisierung des Objekts beauftragten. Es folgte eine umfassende Recherche und Spurensuche, um anhand von bauzeitlichen Plänen und Fotos die ursprüngliche Gestaltung nachzuvollziehen. In enger Zusammenarbeit mit der Denkmalbehörde und nach einer restauratorischen Voruntersuchung entwickelten die Architekten ihren Entwurf. „Unsere Prämisse war, das erbauungszeitliche Erscheinungsbild zu rekonstruieren und gleichzeitig das Gebäude als zeitgemäß nutzbares Wohnhaus zu gestalten“, erläutert Florian Höll. „Für uns war insbesondere wichtig, trotz der erforderlichen Fassadendämmung die Proportionen des Baukörpers insgesamt zu erhalten.“ Die Sanierungsarbeiten erstreckten sich über acht Monate und wurden im Januar 2020 abgeschlossen.

Sanierungsmaßnahmen der Fassaden

Die tragenden Außenwände sind als massive, 18 cm breite, beidseitig verputzte Mauerwerkswände aus „Primusstein“-Hochlochziegeln der damaligen Tuhoziegel-Vertriebsgesellschaft Berlin errichtet. Sie wiesen zahlreiche Setzungsrisse auf. Als deren Ursache stellten die Planer insbesondere im Bereich des Vorbaus eine unzureichende Gründung fest. Offensichtlich wurde einst für die Terrassenebene ein nicht tragfähiges Material ­aufgeschüttet, was auch zu Setzungen des Küchenbodens geführt hatte. Zusätzliche, bis zu 2 m tiefe Punktfundamente unterfangen nun die ­betroffenen Fundamente. Zudem wurden alle ­freigelegten Keller- und Fundamentmauerwerke vertikal neu abgedichtet.

Bei Probeöffnungen des vermutlich in Eigenleis­tung in den 1990er-Jahren aufgebrachten Wärmedämm-Verbundsystems stellte man fest, dass die Polystyrolplatten in unterschiedlichen Stärken, mit Luftschichten und größtenteils ohne Verdübelung montiert waren. Somit waren Erhalt und nachhaltige Ertüchtigung nicht möglich und die Dämmplatten wurden komplett entfernt. Auch der darunter vorhandene, zum Teil großflächig hohlliegende und bis zu 4 cm starke historische Fassadenputz wurde vollständig abgeschlagen, da er zu schadhaft war. Nach der Riss-Sanierung erhielten die Außenwände eine Wärmedämmung aus mineralischen Dämmplatten und einen glatten Verputz – ein mineralischer Dünnschichtputz mit Gewebeeinlage – sowie den hellen Anstrich nach historischem Vorbild.

Die als Doppelkasten- oder Verbundfenster ausgeführten Holzfenster waren original und weitgehend funktionstüchtig, die typischen vernickelten Fenstergriffe allerdings nur unvollständig vorhanden und teilweise durch Oliven aus Aluminium ersetzt. Alle Fenster wurden tischlermäßig instandgesetzt und fehlende Flügel baugleich ergänzt; dabei erhielten die Innenflügel eine Isolierverglasung und eingefräste Klemmdichtungen. Das zu DDR-Zeiten raumseitig vor die runden Fens­ter montierte, konvex geformte Plexiglas, das vermutlich aus dem sowjetischen Flugzeugbau stammt, wurde entfernt. Die ausstellbaren Bullaugen erhielten ebenfalls eine Isolierverglasung sowie eine Dichtung. Alle Fenster sind gemäß der restauratorischen Farbbefunde in einem warmen Gelbton lackiert.

Reparatur des Dachstuhls und neue Eindeckung

Die Dachfläche, die aus der Fußgängerperspektive als Flachdach wirkt, ist ein flachgeneigtes Walmdach. Der Dachstuhl wurde statisch ertüchtigt und wärmegedämmt, die Dachfläche als unterlüftete Konstruktion erneuert und mit einer historisch korrekten Eindeckung aus Bitumen sowie fassadenbündig montierten Kastenrinnen versehen. Dazu wurde zunächst die vorhandene mehrlagige Eindeckung aus Bitumenbahnen sowie sämtliche Bleche und Rinnen einschließlich des später hinzugefügten Dachüberstandes ­abgerissen. Auch Dachschalung und Schlackeschüttung der Decke über dem 1. Obergeschoss entfernten die Zimmerer vollständig. Nach Ausbesserungen an der Mauerkrone wurden die Deckenbalkenlage und das Gebälk des Dachstuhls repariert und statisch ertüchtigt. Über der Decke wurden eine Dampfbremse sowie eine Zellulose-Wärmedämmung eingebracht.

Raumwirkung und Innenwände

In den fast unveränderten Grundrissen stellten die Architekten die nachträglich verschlossene Türöffnung zwischen Flur und kleinem Wohnzimmer wieder her. Die schräg verlaufende Trennwand zwischen Küche und Essplatz im Vorbau wurde gegenüber dem ursprünglichen Zustand zuguns­ten einer großen Wohnküche weiter geöffnet.

Die aus 5 cm starken Gipsdielen mit Verputz hergestellten und mit farbigen Leimfarben gestrichenen Innenwände waren nach 1945 mit Tapeten oder Holzbrettern verkleidet worden, die im Zuge der Sanierung entfernt wurden. Dabei zeigte sich, dass die Gipsdielen nur einseitig über einen Kammstrich verfügten und dementsprechend nur für einen einseitigen Verputz vorgesehen waren. „Man behalf sich damals, indem man die Dielen wechselseitig einbaute. Dies hatte zur Folge, dass der Wandputz letztlich nur an 50 Prozent der Wandfläche haftete. Das sich daraus ergebende Schadensbild wurde zusätzlich durch einen einst mangelhaften oder eventuell gar nicht ausgeführten Vorspritzbewurf verstärkt“, so Florian Höll.

Auf eine vollständige Erneuerung der Innenwandputze konnten die Architekten dennoch verzichten. Nach der Reparatur der Fehlstellen befreiten die Maler zunächst die historischen Wandputze von Farbanstrichen mittels Laugenwasser. Sie verschlossen Putzrisse und überzogen besonders betroffene Wandflächen mit einem Gittergewebe. Anschließend wurden alle Wandflächen mit einem faserarmierten Renovierputz auf Kalkbasis glatt gefilzt und mineralisch gestrichen. Die Farbigkeit ist, sofern technisch möglich, entsprechend der Befunde wiederhergestellt oder daran angelehnt. Das betrifft auch die Gestaltung der Decken: Im Esszimmer und im größeren der Schlafzimmer wurden sie grau beziehungsweise rot gestrichen.

Bodenbeläge und Badezimmer erneuert

Die Bodenkonstruktionen in Küche und Flur wurden erneuert und ertüchtigt. Hierfür wurden ­zunächst die intakten quadratischen Solnhofer Platten zur Wiederverwendung geborgen. Die erdberührende Fußbodenkonstruktion in der ­Küche ist als wärmegedämmte und bewehrte ­Estrichkonstruktion neu hergestellt und mit neuen Solnhofer Platten in den Originalabmessungen belegt. Der bereits zur Erbauungszeit mangelhaft ausgeführte und schadhafte Estrich auf der Holzbalkendecke der Teilunterkellerung unter Flur und Gäste-WC wurde ebenfalls vollständig entfernt. Nach der zimmermannsmäßigen Sanierung und Ertüchtigung der Konstruktion verlegten die Handwerker hier die aufgearbeiteten historischen Solnhofer Platten.

Der Parkettfußboden aus Eiche in den Wohnzimmern wurde wo nötig repariert und anschließend geschliffen, geölt und gewachst. Auf zusätzliche Wärmedämmung im nichtunterkellerten Bereich des Wohnzimmers verzichtete man, da dies den Rückbau der intakten historischen Parkettkonstruktion erfordert hätte. Die Dielenböden im Obergeschoss wurden nach den erforderlichen Reparaturen ebenfalls geschliffen und anschließend deckend in einem hellen Grünton lackiert. Vollständig neu hergestellt ist der Boden im Badezimmer auf der zuvor sanierten Balkenlage. Die originalen Fliesen waren bei Baubeginn noch vorhanden, mussten allerdings für den Neuaufbau der Sanitärinstallationen entfernt werden. Die neuen Fliesen in abgetöntem Weiß an den Wänden und Schwarz für den Boden entsprechen der Vorlage. Ein neues Oberlicht in der Dachfläche verbessert die Belichtung und Belüftung des Badezimmers; die Auflage war, dass es von der Straße aus nicht sichtbar ist.

Haustechnik und Umgriff

Sämtliche Elektroinstallationen wurden vollständig erneuert und Bakelitschalter und -dosen nach historischem Vorbild montiert. Die aus der Erbauungszeit stammende, kohlebetriebene Zentralheizungsanlage inklusive des gusseisernen Heizkessels war nicht mehr funktionstüchtig und wurde durch eine moderne Gasbrennwerttherme mit Warmwasserspeicher ersetzt. Moderne Stahlröhrenradiatoren ersetzen die gusseisernen Heizkörper, deren Betrieb aufgrund starker Korro­sionsschäden nicht mehr möglich war.

Schließlich wurde auch der direkte Umgriff des Hauses originalgetreu rekonstruiert. Dazu wurde die nach dem Krieg errichtete, verglaste Stahlpergola an der Westfassade abgebrochen. Der Sockel, der das Haus umgibt und sich auf der ­Gartenseite zur Terrasse weitet, wurde unter Wiederverwendung der roten Sandsteinplatten neu gefasst. Auch die Stützmauern, Treppen und Terrassenfläche mit Pflanzbeeten wurden nach Bildern aus den 1930er-Jahren wieder errichtet. Den Hauseingang stellten die Architekten mit den farbig abgesetzten Faschen wieder in der ursprünglichen Gestaltung her – das Grau des farblich abgesetzten Sockelbereichs rahmt auch die Tür und akzentuiert den Eingang. So strahlt das Haus wieder die gestalterische Philosophie des Neuen Bauens aus. Und im Innern verbindet sich die Atmosphäre der klassischen Moderne mit zeitgemäßem Wohnkomfort, der behutsam integriert wurde. ⇥Claudia Fuchs

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