Architekturbestimmer Harvest Map
„WORM“, ein Freizeitkulturkonsumzentrum in Rotterdam/NL

Die Niederländer sind uns in Einigem voraus. Insbesondere ihre entspannte Haltung gebrauchten Materialien gegenüber könnte uns Perfektionsstrebern eine Lehre sein in Sachen Nachhaltigkeit und Ökonomie.

Sie sind so laut, wie ihre Architektur manchmal laut erscheint, sie sind souverän, wie ihre Mode nach der Souveränität ihrer Träger verlangt. Und sie stammen von Vorfahren ab, denen Wagnis und gleichzeitiges ökonomisches Denken alltägliche Haltung war, Grundvoraussetzung für ein Land, das vom weltweiten Handeln lebte. Ihre andere Art des Denkens findet sich auch im Umgang mit Materialien, der sich immer wieder aus den aktuellen Modeströmungen bedient. Konfrontation ist hier die Devise, also eine Mischung aus calvinistischer Rationalität, die teils schon spartanische Züge annimmt, mit dem Überbordenen eines katholisch durchsättigten Barock.

Harvest Map

In Rotterdam wurde aktuell ein Projekt realisiert, das in Deutschland in dieser Art kaum eine Genehmigungs- und vielleicht auch keine ökonomische Überlebenschance hätte. Seine Architekten, 2012Architecten mit Sitz in Rotterdam sind bekannt geworden durch ihre „Villa Welpeloo“ in Enschede. Hier setzten sie erstmals (2010) ein Konzept um, das nicht nur auf Wiederverwertung setzt, sondern, weiter­gehend, möglichst nur Materialien aus der nächsten Umgebung des zu bauenden Projektes verwendet, die vorher gesucht und kartiert werden in einer Harvest Map. Von der Materiallage ausgehend, die die Fundstellen hergab, wurde die Villa entwickelt. Regionale Ressourcen bestimmten also den Entwurf.

Bei dem jetzt in Rotterdam eröffneten Kulturzentrum WORM, das die Niederländer selbst ein Zentrum für „avantgardistische Freizeitgestaltung“ nennen, setzten sie ebenfalls auf eine Vorort-Recherche und sammelten Baustoffe und Bauteile aus allen möglichen Quellen ein. Ziel: 70 Prozent Vorort-Materialien am Gesamtvolumen.

WORM / Architektur

Das Kulturzentrum WORM besteht seit 12 Jahren und ist aktuell in einem 1874 für die Nieuw Rotterdamsche Courant gebauten Backsteinkomplex untergekommen. Nach dem Umbau des Areals Anfang der Neunziger wurde die Adresse von verschiedenen Kultureinrichtungen genutzt, momentan teilt sich WORM das Haus Nr. 63 mit der Fotoschule, einem Cafe und weiteren Nutzern. Hier hinein gefügt nimmt WORM zwei Ebenen in Anspruch, die beide von der Boomgaardsstraat zugänglich gemacht wurden: Ein großer Schnitt in die Fassade und die dahinterliegende Raumstruktur verknüpfte zudem alle Funktionen logisch und für den Benutzer offenbar. Die meisten Räume innen sind zueinander geöffnet oder durch Fenster optisch miteinander verbunden.

Materialien

Bei allen öffentlichen Räume sind Böden und Decken mit sandgestrahlten, pseudoarabisch gemusterten Schichtstoffpressplatten (alte Umkleiden aus dem Schwimmbad nebenan, Tischplatten von ersetzten Büromöbeln) verkleidet. Die neu überzogenen, orangefarbenen Sitze stammen aus einem Airbus, die mit den Flughafen­lampen den „Nouveau Chique” (Architekten) kreiern. Die Decke des Kinosaals wurde ebenfalls mit Elementen aus einem Airbus verkleidet. Hinter den ursprünglichen Fensteröffnungen, die eigentlich immer nur den Blick ins endlose Himmelsblau freigeben, wurden Luftumwälzung, Elektro, Beleuchtungssysteme und Sprinkler angebracht.

Die Büros und Tonstudios gestaltete, in Anlehung an das Raumkonzept von 2012Architecten, das Atelier van Lieshout. AVL setzte auf Stahlplatten, die für die paramilitärische Hardcore-Philosophie von AVL stehen wie zugleich Stabilität im Trubel ringsum generieren.

Die Filmstudios, die Bar und andere Nebenräum im langgestreckten Souterrain werden bestimmt von den vorhandenen Fliesen und Installationen. Durch die Verwendung von Tanks für die Toiletten (Marc Heumer) und den grob gestalteten Eichenmöbeln (Jasper van der Made), vervollständigen diese Räume den eigenartig verfremdeten, postindustriellen Charakter von WORM. Die im Shop und dem Foyer eingesetzten Rollarchive dienten dem Fotomuseum, heute werden in ihnen Musik- und Filmträger aller Arten angeboten sowie Artikel aus dem „Superuse Shop“. Einkaufstaschenschließfächer stammen aus dem auf seinen Superuse wartenden „Tropicana“ um die Ecke. Zehn der Rollarchive wurden vor dem Bartresen zu schweren aber eben auch beweglichen Sitzgruppen umfunktioniert. Bewegung ist eben alles; Bewegung mit den Beinen und in den Köpfen. Re.use, Super.use, … wann, werte Kollegen, zeichnen Sie Ihre erste Harvest Map und beginnen von dort mit der Planung? Be. K.

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